Die Fordwerke in Saarlouis. Firmenlogo an einem Geläude (Foto: Sebastian Knöbber)

Ford-Beschäftigte in Saarlouis warten auf eine Entscheidung

Yvonne Schleinhege-Böffel / Lars Ohlinger   05.10.2023 | 06:46 Uhr

Ende Juni hatte Ford erklärt, dass man mit einem Großinvestor eine Absichtserklärung zur Übernahme des Werkes in Saarlouis unterzeichnet habe. Bis Anfang Oktober sollte eine verbindliche Vereinbarung stehen – entsprechend groß ist die Spannung vor der heutigen Betriebsversammlung.

Wer sich am Tag vor der Betriebsversammlung unter Ford-Beschäftigten umhört, der spürt es schnell: Es liegt Spannung in der Luft auf dem Saarlouiser Röderberg. Man sei optimistisch, sagen die einen. Andere haben den Glauben an eine Zukunft im Werk längst verloren, sie erwarten am Donnerstag keine positiven Botschaften.

Auch aus dem Umfeld ist zu hören, dass die Beschäftigten in diesen Tagen jedes Wort auf die Goldwaage legen, immer wieder Gerüchte für Unruhe sorgen würden. Offiziell äußern will sich der Betriebsrat vor der Versammlung auf SR-Anfrage nicht.

KOMMT DIE ANVISIERTE INVESTORENLÖSUNG?

Bis heute sind Details und Namen der möglichen Investorenlösung nicht bekannt. Öffentlich hatten Ford, die Arbeitnehmervertreter und auch die saarländische Landesregierung von einem industriellen Großinvestor gesprochen und dem Potenzial, dass in Saarlouis mehr als 2500 Arbeitsplätze erhalten bleiben könnten.

Zugesichert hatte das Ford-Management bereits im März, selbst bis 2032 rund 1000 Arbeitsplätze erhalten zu wollen. Ob diese Zusage auch noch gilt, wenn das Werk verkauft werden sollte, blieb allerdings offen.

Ende Juni hatten Ford, die Landesregierung und der potenzielle Investor einen sogenannten Letter of Intent unterzeichnet – eine rechtlich nicht bindende Absichtserklärung. Bis Ende September sollte dann ein bindender Vertrag stehen.

Nach SR-Informationen soll es sich bei dem möglichen Investor um ein Automobilunternehmen handeln, das das Werk in Saarlouis übernehmen könnte. Zuletzt gab es vermehrt Indizien, dass es sich um einen chinesischen Autobauer handelt.

WORST-CASE-SZENARIO NICHT VOM TISCH

Ob nun der Name und mehr Details auf der Betriebsversammlung am Donnerstag bekannt gegeben werden, ist bis dato offen. Auch wenn alle Beteiligten von einer „guten Verhandlungsgrundlage“ für eine potenzielle Übernahme gesprochen hatten, ist das Verfahren durchaus komplex.

Schließlich hatte sich insbesondere die Landesregierung das Ziel gesetzt, die Ansiedlung des neuen Investors in der (aus)laufenden Ford-Produktion zu realisieren, auch um einen möglichst nahtlosen Übergang für die Beschäftigten möglich zu machen.

Auf SR-Anfrage betonte Wirtschaftsminister Jürgen Barke (SPD), man könne als Land nur die Rahmenbedingungen setzen und dadurch eine Zukunftslösung unterstützen. „Wir haben intensiv verhandelt und ein Paket in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrags auf den Tisch gelegt. Es braucht aber vor allem auch eine einvernehmliche und faire Verständigung zwischen Ford und der Investoren-Seite.“

Letztlich treffe der Investor die finale Entscheidung. Ob es die schon gibt oder die Lösung gar nicht zum Tragen kommt, wird sich auf der Betriebsversammlung zeigen – oder ob die Beschäftigten wieder vertröstet werden.

ARBEITSKAMPF IM JUNI VERTAGT

Sollte es keinen Vertrag geben, dürfte dies die Arbeitnehmervertreter auf den Plan rufen. Auch von Seiten der IG Metall wollte sich aktuell niemand äußern. Die Gewerkschaft hatte eine geplante Urabstimmung über einen möglichen unbefristeten Streik im Juli kurzfristig abgesagt – in die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag waren Gewerkschaft und Ford-Management bereits eingestiegen.

Ob bei einer negativen Botschaft wieder kurzfristig zu einer Urabstimmung aufgerufen wird, ist offen. Die Arbeitnehmervertreter hatten bereits vor einigen Monaten mit „der teuersten Werkschließung“ aller Zeiten gedroht, sollte es keine Perspektive für die Beschäftigen geben. 

CHINESISCHE AUTOBAUER WOLLEN WERKE IN EUROPA

Über den möglichen Investor war in den vergangen Monaten viel spekuliert worden, insbesondere Namen von chinesischen Investoren sind dabei zuletzt immer wieder gefallen. „Ich bin absolut sicher, dass chinesische Autobauer Werke in Europa bauen wollen“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR-Center Automotive Research in Duisburg.

Es sei allerdings die Frage, ob Deutschland der Produktionsstandort der Wahl sei oder ein Land in Osteuropa, das möglicherweise bessere Konditionen biete. Mit Blick auf Saarlouis betonte Dudenhöffer: „Bestehende Werksinfrastruktur mit der bestehenden Automatisierung zu übernehmen, ist natürlich sehr schwer, gerade wenn es ein älteres Werk ist.“

BYD AKTUELL WOHL NICHT IN VERHANDLUNGEN ÜBER SAARLOUISER WERK

Nach Aussagen des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA) haben bisher öffentlich BYD und SAIC bekannt gegeben, dass sie auf der Suche nach einem Produktionsstandort in Europa sind. Nach SR-Information ist BYD allerdings aktuell nicht in Verhandlungen über die Übernahme des Saarlouiser Werkes.

Vergangene Woche hatte zudem der kleinere chinesische Autobauer Chery bekannt gegeben, in Europa Produktionskapazitäten aufbauen zu wollen. Auf SR-Anfrage teilte Chery Europa-Chef Jochen Tüting dem SR nur mit, dass es Gespräche über verschiedene Werke in verschiedenen Regionen gebe. Für eine Entscheidung für einen bestimmten Produktionsstandort sei es noch zu früh. Tüting selbst war über 13 Jahre bei Ford beschäftigt.

Egal, woher der potenzielle Investor kommt, am Ende sei die Gesamtkostenrechnung entscheidend und natürlich auch der zeitliche Verlauf, sagt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer. Er ist aber auch überzeugt: „Je länger sich die Sache herauszögert, desto schwieriger wird es, das Werk zu übergeben, und so eher könnte es dann sein, dass es in Schließungspläne geht.“

Über dieses Thema berichten die SR-Hörfunknachrichten am 05.10.2023.


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