Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

„Alles muss versteckt sein"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 21.07.2017 16:20 Uhr

und Samstag, 22.07.2017 in "Der Morgen".


Nr. 633

Nicht dass Sie denken, ich sehnte mich nicht auch mal nach guten Nachrichten. Und freute mich nicht dementsprechend, wenn ich sie denn vor die Augen bekomme. Wie gerade diese Woche, als mir die Tagesthemen die drastisch gesunkenen Zahlen der in Merkels own country eingetroffenen Asylbewerber vorführte. Von 890.000 im „Wir-Schaffen-das-Jahr“ 2015 über gerade noch 280.000 im Folgejahr bis sage und schreibe gerade mal 90.000 im gerade abgelaufenen ersten Halbjahr. Wahrlich, sie hat es geschafft!

Kein Wunder also, dass der Obergrenzen-Horst immer so ein süffisantes Schmunzeln in die Kamera hält, wenn er auf sein Lieblingsthema angesprochen wird: Die aktuelle Zahl liegt schließlich, hochgerechnet aufs ganze Jahr, um 20.000 unter seiner geforderten roten Linie. Geht doch, auch wenn die Kanzlerin das Wort „Obergrenze“ öffentlich nicht so mag. Good News also.

Blöd nur, wenn nach den Tagesthemen noch zu viel Zeit bleibt bis zum Umschalten auf den Spät-Krimi. Und in meinem feierabendlich unterbeschäftigten Denkorgan plötzlich die Frage auftaucht: Wo sind die Flüchtlinge eigentlich geblieben, die jetzt nicht mehr unsere Grenzen bestürmen. Haben die das Fliehen jetzt dank Muttis Maßnahmen eingestellt?

Eher nicht, wie ein Blick auf die aktuellen Zahlen der UN zeigt: 20 Menschen, so steht es im aktuellen UNHCR-Bericht, werden neu zu Flüchtlingen, jede Minute. Und es wollen auch nicht weniger davon nach Europa. Sie kommen nur nicht mehr bis zu uns. Dank schon weit vor unseren Schlagbäumen geschlossener Grenzen. Merkels Flüchtlingspolitik – und die der ganzen EU – funktioniert eher wie unser gutes altes Versteckspiel aus Kindertagen. „Eins, zwei, drei, vier Eckstein, / alles muss versteckt sein. / Hinter mir und vorder mir gilt es nicht, / und an beiden Seiten nicht!“ Nur, dass sich die Flüchtlinge halt nicht selbst verstecken.

Und sie auch keiner suchen kommt. Statt an der deutschen Grenze aufzutauchen stecken sie jetzt in Lagern in der Türkei, in Griechenland, Italien und Libyien. Und dafür, dass sie auch dort bleiben, sorgen wir. Gut. Da hilft es beispielsweise, wenn wir die eben noch von der UN für schwerste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemachten Libyschen Milizen mit europäischer Hilfe ein wenig ausbilden und sie dann als „Küstenwache“ wieder auf die Flüchtlinge loslassen. Die sammelt dann im Mittelmeer die Flüchtlingsboote wieder ein, gerne auch schon mal mit Waffengewalt, und schafft sie wieder zurück in die Lager, wo die noch nicht zur Küstenwache umgetauften Kollegen weitermachen mit den Vergewaltigungen, Misshandlungen und der Zwangsarbeit. Macht also den Bock zum Gärtner, oder wie meine Nachbarin Barscheck formuliert: Graf Dracula zum Leiter einer Blutbank.

Dazu macht man noch den Nicht-Regierungs-Organisationen, die bislang etwa 40% der Schiffbrüchigen im Mittelmeer gerettet haben, das Leben schwer, sperrt ihnen Häfen und bezichtigt sie der Unterstützung des Schlepperwesens. Da sinken nicht nur die Flüchtlingszahlen, sondern auch die Flüchtlinge selbst: Allein in diesem Jahr schon wieder 2000 im Mittelmeer.

Das lässt natürlich auch die EU nicht ungerührt. Weswegen deren Außenminister unverzüglich Gegenmassnahmen auf den Weg brachten: Ein Ausfuhrverbot von Schlauchbooten und Außenbordmotoren nach Libyen. Das alles müsste eigentlich reichen, dass das leidige Thema Flüchtlinge wenigstens bis zum Wahltag aus den Füßen ist. Und aus den Köpfen, vor allem. Auch 'ne gute Nachricht, oder?


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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