Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Angststörung"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 17.02.2017 15:20 Uhr

und Samstag, 18.02. (Der Morgen)

Nr. 611

Nicht dass Sie denken, ich hätte vor nichts und niemandem Angst. Schließlich hat sich die Evolution lange genug Mühe gegeben, dieses Gefühl in uns zu installieren. Beim unvermittelten Anblick eines Säbelzahntigers oder eines ungehaltenen Mammuts war es ja auch durchaus sinnvoll, sich per Adrenalinschub ohne längeres Überlegen möglichst hurtig aus der Gefahrenzone zu entfernen. Seitdem solche Tiere selten geworden sind, sind wir aber nunmehr in der komfortablen Lage selber zu entscheiden, vor wem oder was wir Angst haben wollen. Abgesehen von gelegentlichen Rückfällen: Menschen, die beim Anblick von Mäusen auf Stühle springen oder beim Entdecken harmloser Spinnen unartikulierte Schreie ausstoßen.

"Angststörung"
Mediathek: Brunners Welt
"Angststörung"
[Peter Tiefenbrunner für SR 2 KulturRadio, Brunners Welt, 17. Februar 2017, Länge ca. 4:00 Min.]

Gelegentlich lassen wir uns auch durch mediale Horrormeldungen in Angst und Schrecken versetzen. Wir erinnern uns an die Vogelgrippe oder den Rinderwahnsinn, die uns in den Neunzigern ums Überleben fürchten ließen. Oder aus unseren Kindertagen an den Russen, der mit dem Messer zwischen den Zähnen und der Kalaschnikow in den Händen vor unseren Wirtschaftswunder-Türen stand.

Ein Angstmacher, der zurzeit wieder Hochkonjunktur hat. Nur dass der Böse heutzutage nicht mehr vor der Tür lauert, sondern uns aus den bunten Fenstern anzuspringen droht, die auf unseren Bildschirmen aufploppen: Der Cyber-Russe hackt mit seinen Troll-Tatzen in die Tastaturen, um unsere schöne offene Demokratie zu untergraben! Wie schon bei der vergangenen USA-Wahl soll Putins Reich des Bösen nun auch unsere Bundestagswahl per Internet beeinflussen. So warnen unsere Politiker und schreiben es die Medien allüberall.

Gerade veröffentlichte ZEIT-online ein ultimatives 7-Punkte-Programm unter der Überschrift „Wie wir die Wahl vor russischem Einfluss schützen können“. Schaudernd lesen wir schon im Untertitel „die vielschichtige russische Einflussnahme“ sei „bereits in vollem Gange“. Dafür gibt es zwar keine Beweise, aber wehren müssen wir uns auf jeden Fall schon mal! Zum Beispiel dürfen wir uns keinesfalls die Wahlkampfthemen vom Russen aufschwätzen lassen. Also: Außenpolitische Themen einfach raushalten aus dem Wahlkampf. Bleibt nur zu hoffen, dass Putins Cyberkrieger sich nicht auch noch auf innenpolitische Bereiche werfen – worüber sollten die Wahlkämpfer dann noch sprechen? Unser gewohnt inhaltsreicher Wahlkampf würde zur Flachetappe mit Parolen wie „Das Wir entscheidet“ oder „Gemeinsam erfolgreich“!

Hatten wir schon 2013? Ganz ohne Russen? Also: Es geht doch. Jetzt müssen nur noch, so schreibt die ZEIT, die Parteien ihre „Kapazitäten in den sozialen Medien aufstocken“. Der Staat ebenso wie die „Qualitätsmedien“ brauchen Einrichtungen gegen „Manipulationen im Cyberspace“, für „Factchecking“ und Anti-Desinformations-Kampagnen. Und Facebook, Twitter und Co. müssen die so enttarnten Fake-News dann ganz schnell löschen. Also die russischen Fake-News. Damit wieder Platz ist für die einheimischen Falschaussagen – deutsche Wähler  haben schließlich ein Recht darauf, von deutschen Politikern belogen zu werden.

Meine Nachbarin Barscheck weist übrigens darauf hin, dass die USA damals 1996 bei der Wiederwahl von Boris Jelzin in Russland kräftig mit Geld und Beratern mitgemischt haben. Hat sie wahrscheinlich von den Russen. Stimmt – kam jetzt gerade bei „Russia today“. Aber die hatten es vom SPIEGEL aus dem Jahr 1996. Und der vom amerikanischen TIME-Magazin. Das damals noch völlig angstfrei war.


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Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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