Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Freier Wille"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 18.08.2017 16:40 Uhr

und Samstag, 19.08.2017 in "Der Morgen".


Nr. 637

Nicht dass Sie denken, mir gingen die neuesten Ergüsse des Goldfasans im Weißen Haus an dem Körperteil vorbei, das Mr.Trump da gerade wieder verbal den Opfern der Rassisten und Neonazis in Charlottesville ins Gesicht gereckt hat. Aber so langsam muss ich mir mein Empörungspotential etwas einteilen. Ich lasse mir doch nicht von dem, was dieses Trumpelstilzchen mittlerweile im 24-Stundentakt herauswürgt, diktieren, worüber ich mich hier aufregen soll.

Durchatmen und wieder mal das Ende des Grimmschen Märchens vom bösen Stilzchen lesen: Das "stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei." Hashtag "Best Demission ever".

Und damit zurück in die eigene Empörungsrepublik. In der seit nunmehr siebenunddreißig Jahren die jeweiligen Regierenden nach etwas suchen, das ihnen die Vereinten Nationen im Jahre 1980 ins Hausaufgabenheft geschrieben haben. Nämlich "mit allen geeigneten Mitteln unverzüglich eine Politik zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau zu verfolgen“. Nachdem alle Versuche, gesetzgeberisch eine Frauenquote in den börsennotierten Unternehmen festzuschreiben, immer am Widerstand der Unternehmen, der CDU, der FDP oder anderer widriger Umstände gescheitert waren, kam 2015 als kleinster gemeinsamer Nenner die "freiwillige Zielvorgabe" , mit der Unternehmen den angestrebten Frauenanteil in ihren Vorständen benennen durften. Ein Erfolgsmodell ohnegleichen.

Denn heute, nach zweieinhalb Jahren, konnte Familienministerin Barley verkünden, dass siebzig Prozent der Unternehmen ihr angegebenes Ziel erreicht haben. Unternehmen also wie Porsche, ThyssenKrupp, Infineon, die Commerzbank, die Energiekonzerne Eon und RWE, HeidelbergCement oder Beiersdorf, die frohgemut eine schwarze Null ins Vorgabe-Kästchen eingetragen hatten. Ein grandioser Sieg für die Herren der Aktion "Platzhirsche erledigen die Feminisierung in deutschen Aktienunternehmen", kurz PERFIDA genannt. Jene aufrechten Nadelstreifen also, die sich seit der organisierten Mammutjagd dem Untergang der deutschen Wirtschaft durch den verderblichen Einfluss von Mascara, Minirock und Menstruation in den Führungsetagen entgegenstemmen. Und die in den letzten Jahren eindrucksvoll durch Bankenkrise, Betrugsskandale und Bieselgate gezeigt haben, auf welcher Seite des gender-gap die Kompetenz zuhause ist.

Nicht dass Sie denken, hier spräche wohl eher meine Nachbarin Barscheck. Aber auf unserem Treppenabsatz gilt ja nun schon seit vielen Jahren eine strenge Frauenquote von 50 %. Meine Nachbarin spricht gar von 60% und mehr – wegen der weiblichen Anteile, die bekanntlich auch in uns Männern wüten. Wie auch immer – das bleibt nicht ohne Folgen.

Folgen droht jetzt auch Frau Barley den verstockten Männerklüngeln in den Unternehmensvorständen an. Noch ein Jahr gibt sie den freiwilligen Vorgaben, dann, so droht die SPD-Frau ultimativ, werde sie ein Quotengesetz einführen. Wacker gesprochen. Allerdings wird wohl angesichts der SPD-Wahlchancen diese Drohung den Herren in Nadelstreifen ebenso am Führungs-Sitzfleisch vorbeigehen wie ihrem amerikanischen Bruder im testosteronvernebelten Ungeist auf dem blattvergoldeten Präsidentenstuhl die folgenlose Aufregung über sein Twitter-Gewöll.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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