Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Neu-Sprechdurchfall"

Die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 24.06.2016 16:40 Uhr

Nr. 577

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Wort-Neuschöpfungen. Haben doch die emsigen Neologisten uns durchaus schon einige gelungene Bereicherungen der Muttersprache beschert. Vom „Augenkrebs“, jener Krankheit also, die uns beispielsweise beim Betrachten aktueller FDP-Plakate befällt, über den „Boreout“ angesichts der TV-Programmalternativen zum derzeit allgegenwärtigen Ballgetrete bis zum netzweit tobenden „Shitstorm“, der sinnfällig bezeichnet, was besorgte Mitbürger sich und uns da um die Ohren hauen. So weit so amüsant.

Gäbe es da nicht noch die staatlich finanzierten Wortdrechsler, die in ihren klandestinen Werkstätten jene Worthülsen drehen, die uns dann deren politische Auftraggeber in ihren Verlautbarungen präsentieren. Schluss mit lustig. Wer wie Frau von der Leyen erklärt, die jetzt von der NATO beschlossenen mehreren Tausend zusätzlichen Soldaten im Baltikum seien mitnichten eine Truppenstationierung, sondern nur eine „Vorne-Präsenz“, lässt doch die Frage aufkommen, ob da nicht eine akute „Oben-Absenz“ vorliegt. Also in jenem Bereich unterhalb der Frisur, in dem für gewöhnlich das Denkorgan seine Tätigkeit verrichtet.

"Neu-Sprechdurchfall"
Audio: Brunners Welt
"Neu-Sprechdurchfall"
[Peter Tiefenbrunner für SR 2 KulturRadio, Der Nachmittag, 24. Juni 2016, Länge ca. 3:38 Min.]

Oder, schlimmer noch, ob die oberste Heereskommandeuse die Adressaten ihrer Rede, also uns, das gemeine Volk, für solche Intelligenzpygmäen hält, dass wir ihr geredetes Blech für lauteres Gold halten. Was die weiteren Ausführungen zum Thema durchaus vermuten lassen. Denn ihre Vorne-Präsenz hält sich selbstverständlich „innerhalb des Rahmens der NATO-Russland-Grundakte“, die da 1997 vollmundig versprach, dass "im gegenwärtigen und vorhersehbaren Sicherheitsumfeld" keine zusätzlichen "substantiellen Kampftruppen dauerhaft stationiert" würden. Na eben, erstens wird überhaupt nicht stationiert sondern vorne präsentiert, und das auch nicht dauerhaft, sondern die Truppenverbände rotieren alle neun Monate. Und Kampftruppen sind das auch nicht, sondern, wie uns NATO-Generalsekretär Stoltenberg mitteilt, nur „robuste Truppen“.

Die allerdings „kampfbereit“ wären. Das muss schon sein, denn "starke Verteidigung, starke Abschreckung und die Geschlossenheit der NATO sind der beste Weg, um einen Konflikt zu verhindern." Friedenssichernde Maßnahmen also. Das wird der Russe schon einsehen, jedenfalls gilt die Stoltenberg-Doktrin: „Jede russische Gegenmaßnahme wäre ungerechtfertigt.“ Ein unverbesserlicher Pazifisten-Gutmensch, dem da hinter all dem Säbelgerassel die gute alte Kalte-Kriegsrhetorik in den Ohren klingelt.

Währenddessen propagiert die Kanzlerin frohgemut die Erhöhung der deutschen Militärausgaben auf das Doppelte. Unsere neue „kleine Großmacht“ darf sich nicht länger zurückhalten, „annähern“ müsse man sich an die Militärausgaben der USA. Die immerhin eine Billion Dollar für ihre Rüstung hinlegen. Pro Jahr.  Und da, sagt das Merkel, "kommt es sehr schlecht an, wenn wir trotz eines Milliardenüberschusses im Haushalt nicht in der Lage sind, mehr in die Verteidigung zu stecken."

Meine Nachbarin Barscheck findet allerdings, bei ihr käme es noch viel schlechter an, dass wir nicht in der Lage sind, diese Milliardenüberschüsse für die Bildung, die Flüchtlingskrise, die Straßen und Brücken oder die Bekämpfung der Altersarmut auszugeben. Aber das ist ja nun sowas von Siebziger-Altsprech.

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Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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