Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Übergangskleidung"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 16.02.2018 15:40 Uhr

... und am Samstag, 17.02.2018, in "Der Morgen".


Nr. 663

Nicht dass Sie denken, ich machte mir besonders viel Gedanken um mein modisches Outfit. Über lange Jahre galt bei mir die Devise: "Was grad da ist, wird halt angezogen". Bringt einen nicht gerade auf die Liste der zehn bestangezogenen Männer Deutschlands, aber doch durchs Leben und vor allem pünktlich zu Terminen. Im übrigen: Wie toll kann es sein, auf so einer Besten-Liste zu stehen, wenn ich von den aktuellen zehn angeblich topgestylten Deutschen gerade mal vier überhaupt namentlich kenne. Von der Weltbestenliste nur noch einen.

Meine Nachbarin Barscheck hält auch das allerdings für einen weiteren Beweis meiner modischen und lifestyletechnischen Ignoranz. Und natürlich haben die langen Jahre unserer Treppenabschnitts-Partnerschaft schon längst meine oben angeführte puristische Kleidungsmaxime aufgeweicht. Die Palette nachbarinnenschaftlicher Reaktionen von Stirnrunzeln über Augenverdrehen bis hin zu längeren Ausführungen über Farbzusammenstellungen oder die gänzliche Unmöglichkeit Beige zu tragen bleibt einfach nicht folgenlos.

Zur Zeit sehe ich mich mit Barschecks Verdikt konfrontiert, ich brauche jetzt "was Neues für den Übergang". Das lässt Erinnerungen an die Kindheit und Jugend aufkommen, als beim ersten Abklingen der drastischsten Wintersymptome meine Mutter mit eben diesem Schlachtruf die Familie durch die Warenhäuser der Stadt schleppte, um uns kleidungsmäßig für das Wetter-Zwischenreich des Nachwinters und Vor-Frühlings zu wappnen. Aktueller und wichtiger denn je in Zeiten des Klimawandels, wo sich solcherlei Wetterunwägbarkeiten zunehmend auch über den Rest des Jahres erstrecken können.

Zudem befinden wir uns ja auch politisch in ausgedehnten Übergangszeiten. Zwischen GroKo und GroKo regiert uns der Übergang geschäftsführend und die klimatischen Turbulenzen in den immer noch so genannten großen Parteien lassen uns in immer kürzerem Wechsel erschauernd, schwitzend oder frierend im Regen stehen. SPD wie CDU stehen vor ihren Kleiderschränken und vor der Entscheidung: Altes auftragen, Rundum-Erneuerung oder reicht doch das Aufpeppen mit ein paar bunten Einzelstücken?

Klar, der bewährte Hosenanzug bleibt für weitere vier Jahre – das hat Mutti versprochen und, wie sie sagt, sie gehört zu den Menschen, die eine Drohung wahrmachen... Entschuldigung: ein Versprechen halten. Aber was trägt man nun zum Regierungs-Klassiker? Reicht die pfälzische Weinkönigin als jugendlich-frischer Farbtupfer oder braucht es da doch noch die mutigere Entscheidung für einen gewagten Spahn? Schließlich hat Mutti Merkel ja frischen Wind angekündigt, es sollen jetzt auch mal "junge Leute unter 60" auf den Laufsteg.

Die alte Tante SPD will wohl eher von den gut eingetragenen Wohlfühlklamotten nicht lassen und versucht mit Andrea Nahles quasi die zeitlose Strickjacke der letzten Saison als Erneuerungsmasche zu verkaufen. Motto: Kommt nur drauf an, wie man sie trägt. Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Und bei all dem Grollen und Wetterleuchten an den jeweiligen Parteibasen werden sich wohl alle Regierungsmodels warm anziehen müssen. Zumal ja die SPD-Mitglieder noch ein Wörtchen bei den kommenden Kollektionen mitzureden haben. Wie auch immer: So oder so wird’s ein Übergangskabinett werden, spätestens in vier Jahren kommt der Hosenanzug in die Kleidersammlung. Oder schon in zwei Jahren, wenn die SPD nochmal Schnitt und Sitz überprüfen will. Wahrlich: Übergangsmode hat Saison.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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