Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Das große Löschen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 26.05.2017 15:20 Uhr

und Samstag, 27.05.2017 in "Der Morgen"


Nr. 625

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Regeln. Ohne Regeln wäre ein funktionierendes Zusammenleben ebensowenig möglich wie das abendliche Scrabble-Spiel mit meiner Nachbarin Barscheck. Wie sollten wir ohne einen Blick in die Spielregel entscheiden, ob ich die endgültige Niederlage durch ein Wort wie „Datenschande“ zähneknirschend hinnehmen muss oder ob mich mein „Wurstfluch“ doch noch retten kann. Ja, ich könnte erklären, was das ist.

Nachdem ich nun aber dank des englischen „Guardian“ einen Blick auf das Regelwerk werfen durfte, mit dem unser aller liebste Datenkrake Facebook versucht, Ordnung in das krude Zeug zu bringen, das die monatlich rund zwei Milliarden Nutzer in die digitale Welt setzen, ist mein Vertrauen in die Regelbarkeit schwerst erschüttert.

Auf über 1000 Seiten wird da versucht, die Guten von den Schlechten zu scheiden. Was offenkundig nur schwer gelingt. Eine Aufforderung wie „Lasst uns dicke Kinder schlagen“ beispielsweise ist ok. Ebenso wie die Anleitung "Um einer Schlampe das Genick zu brechen, stelle sicher, dass du am meisten Druck auf die Mitte des Halses anwendest." Nicht ok aber ist der Stoßseufzer „Jemand sollte Trump erschießen“.

Sie können Bilder von gequälten Tieren posten, gelöscht werden sie nur, wenn Sie noch dazu schreiben, dass ihnen das gefällt. Der Anblick von Nacktheit dagegen treibt schon seit jeher dem blauen F die Schamesröte in den smiley und den Zeigefinger auf die Löschtaste. Auf diesem Wege verschwand dann auch folgerichtig das weltberühmte Vietnam-Foto des napalmverbrannten Mädchens Kim Phuc aus dem Netzwerk.

Der darauf folgende shitstorm bescherte den von facebook euphemistisch „Moderatoren“ genannten Zensoren weitere zig Seiten mit Ausnahmen von der Regel. Und schuf unter anderem die verstörende Kategorie „holocaust nudity“, also „Nacktbilder im Zusammenhang mit dem Holocaust“. Bildliche Darstellungen von sexuellen Aktivitäten – bei denen der Daumen bislang eher nach unten ging – werden jetzt differenziert: Sind sie „handmade“, dürfen die User sie sehen, gelöscht werden sie aber, wenn sie computergeneriert sind. Freuen wir uns also auf kopulierende Knetgummifigurinen und heiße selbstgestrichelte Daumenkinos!

So weit so lustig. Sowas kommt halt dabei raus, wenn man erst ein Spiel in die Welt setzt und sich ein paar Jahre später daran macht, Regeln zu erfinden. Und wenn wir dann noch lesen, dass so ein Facebook-Moderator im Schnitt zehn Sekunden Zeit hat für seine Entscheidung, befällt uns doch eine leise Ahnung von Unmöglichkeit.

Da kommt doch Heiko Maas mit seinem Netzwerkdurchsetzungsgesetz gerade recht, um die Löschtasten endgültig heißlaufen zu lassen. Dann müssen die zehn Sekunden auch noch reichen, um „offenkundig rechtswidrige Inhalte“ zu erkennen. Klappt bestimmt.

Einen sehr viel frischeren Zugang zur Digitalisierung zeigt da China. Dort gibt es seit kurzem ein „Amt für Ehrlichkeit“. In dem werden alle Daten über Bürgerinnen und Bürger zusammengeführt und dann trennt man die missliebige Spreu vom linientreuen Weizen. Die Welt ist ganz einfach, sagt der zuständige Professor: "Es gibt gute Menschen, und es gibt schlechte Menschen“. Und die Guten kriegen dann Kredite, Wohnungen und Arbeitsplätze. Und die Schlechten? In den Worten der chinesischen Regierung: "Die Vertrauenswürdigen sollen frei unter dem Himmel umherschweifen können, den Vertrauensbrechern aber soll kein einziger Schritt mehr möglich sein."

Ich glaube, ich lasse Barscheck die „Datenschande“ beim Scrabble nochmal durchgehen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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