Brunners Welt (Foto: SR)

„Linientreue"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 23.09.2016 16:40 Uhr

Nr. 590

"Linientreue"
Audio: Brunners Welt
"Linientreue"
[Peter Tiefenbrunner, SR 2 KulturRadio, 23. September 2016, Länge 3:51 Min.]

Schon in den Anfängen meiner Schulzeit verwendeten unsere Lehrer literweise rote Tinte, um unser erstes Gekrakel in die Schranken der sakrosankten Schreibheftbegrenzungen zu verweisen. Unsere Sportpädagogen verbrachten ganze Schulstunden damit, uns das zackige Antreten an einer Linie beizubiegen, das bekanntlich allein in der Lage ist, aus einem pubertierenden Sauhaufen eine leibesübungswillige Gemeinschaft zu machen.

Abertausende von Linienkilometern durchziehen in allen Farben die Republik, um dem hilflosen Bürger Halt und Orientierung zu geben. Mit dem drohenden Wort „Diskretion“ beschriftete weiße Streifen halten uns vor dem Bankschalter, im Postamt oder vor der Rezeption beim Arzt auf Abstand. Auch wenn der Patient vor uns dann in einer Lautstärke von seinen Problemen beim Wasserlassen berichtet, dass  jeder im Raume über sein Leiden genauestens im Bilde ist. Gelbe Linien verbannen den trotzigen Raucher auf dem Bahnsteig in ein zwei Quadratmeter großes Areal am Ende der Plattform. Die geradezu existenzielle Wichtigkeit von Linien in nahezu allen Sportarten muss man nicht weiter erwähnen und selbst der Drogenkonsument legt mit seinem Koks eine saubere Linie, statt sich den Stoff seiner Begierde einfach häufchenweise in die Nase zu befördern. Deutschland ist linientreu.

Ganz Deutschland? Nein! Da gibt es ja noch die SPD! Die sich gerade zu einem Parteikonvent versammelte, um über die gemeinsame Haltung zum Freihandelsabkommen CETA zu entscheiden. Bis quasi zur letzten Minute wurde da hart verhandelt und scharf diskutiert, um die absoluten sozialdemokratischen No-Gos bei der umstrittenen Vereinbarung möglichst genau und vollständig zu dokumentieren. Und kaum waren diese sogenannten „Roten Linien“ in allseitigem Einvernehmen gezogen, schon fasste sich der Konvent an den verschwitzten Händen, um mit einem mutigen „Hups“ über die eben gezogenen Grenzen zu springen. „Ein großer Tag für die deutsche Sozialdemokratie“ nannte Sigmar Gabriel beim abendlichen ARD-Interview den kollektiven Satz in die Unglaubwürdigkeit, vom eigenen Triumph so geschwollen, dass ihm das viel zu kleine rote Cocktailsesselchen beim Aufstehen wohl am mächtigen Hintern hängengeblieben sein dürfte.

Mit windelweicheren Formulierungen ist die aufbegehrende Parteilinke wohl nie niedergematscht worden: Man „spricht sich dafür aus“, dass man sich „dafür einsetzen“ wolle, dass die „kontrovers diskutierten Fragen erörtert werden sollen. Und man „erwartet“, dass noch rechtsverbindliche Ergänzungen zum längst ausverhandelten Abkommenstext hinzugefügt werden. Irgendwie, irgendwo irgendwann, um mit Nena zu sprechen.

Denn Fakt ist: CETA wird im Oktober unterschrieben und in weiten Teilen anschließend schon mal in Kraft gesetzt.Und wer interessiert sich dann noch für irgendwelche „Roten Linien“ in irgendeinem Konventsbeschluss der deutschen Sozialdemokraten? Und warum sind die CETA-Kritiker in der SPD so eingebrochen? Na, wegen der Linie, sagt meine Nachbarin Barscheck. Der Parteilinie nämlich, und die läuft nun mal in Richtung Bundestagswahl. Und außer Siggi ist halt weit und breit keiner in Sicht, der den Kandidaten machen will. Schließen wir nen kleinen Kompromiss – ist ja nur ein Buchstabe zwischen Parteilinke und Parteilinie.

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Brunners Welt

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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