Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Im Vertrauen"

Die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 19.08.2016 16:40 Uhr

Nr. 585                                                  

Nicht dass Sie denken, ich wüsste Vertraulichkeit nicht zu schätzen. Selbst der banalste Klatsch wird zum unerhörten Ereignis, wenn er nur unter dem Siegel der Vertraulichkeit seinen Weg in Büroflur oder Treppenhaus antritt. Meine Nachbarin Barscheck nutzt den Vertraulichkeits-Modus schon lange, wenn sie sicher sein will, dass eine Information auch zuverlässig wirklich jede im Freundinnenkreis erreicht.

Brunners Welt: Im Vertrauen
SR-Mediathek: Glosse
Brunners Welt: Im Vertrauen
[Peter Tiefenbrunner für SR 2 KulturRadio, Der Nachmittag, 19. August 2016, Länge ca. 3:43 Min.]

Und wen hätte in der Urlaubszeit die Erkenntnis von der Luftmatratze geworfen, dass die Türkei sich einer gewissen Nähe zu als terroristisch eingestuften Organisationen befleißigt, wenn diese Information von der Bundesregierung nicht als "vertraulich“ klassifiziert worden wäre? Um dann postwendend an die Medien durchgestochen zu werden. Und auch das hätte womöglich die Republik nicht von der olympischen Live-Übertragung des Synchronschwimmens der Damen weggeholt. Wären die Verantwortlichen in Berlin nicht sogleich in panische Betriebsamkeit verfallen, um die kleine Panne zur großen Skandalnummer zu machen.

Niemals hätte uns die Einschätzung vor Augen kommen dürfen, die Türkei sei eine „zentrale Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen“! In diesem Zusammenhang mussten wir gleich einen neuen Begriff lernen: Das Büroversehen. Dabei handelt es sich nicht etwa um unfreiwillig gezeugten Nachwuchs von Herrn Beckenbauer, sondern um irgendetwas, das irgendwer in irgendeiner Dienststelle getan oder gelassen hat, für das niemand Verantwortliches nix kann.

Ebenso handelt es sich ja beim „Eiertanz“ nicht um eine obskure Sexualpraktik, sondern um jene sprachsportliche Zickzackbewegung, mit der Politiker unangenehme Nachfragen wegzubügeln versuchen. Und das war in diesem Falle wirklich die ganz große Eiertanznummer! Das Steinmeier-Ministerium verkündete, man mache sich diese Formulierung „in dieser Pauschalität nicht zu eigen“. Außerdem: Da die Einschätzungen nun einmal vertraulich seien, könne man dazu auch keine Stellung nehmen. Regierungssprecher Seibert räumte ein, es seien „verschiedene Akteure der Regierung beteiligt gewesen. Das Kanzleramt war einer davon“. Im übrigen seien besagte Passagen ja vertraulich gewesen und man könne deshalb nichts dazu sagen.

Monsieur de Maizière, in dessen weiterem ministeriellen Umfeld ein Büro sich wohl versehen hat, reckte trotzig den Kopf in die Kameras und sprach: „Da gibt es nichts zu bereuen!“ Je ne regrette rien! Um dann mit einer Formulierung von innenministerlicher Prägnanz fortzufahren: Die Formulierung sei „eine pointierte Darstellung eines Teilaspekts türkischer Wirklichkeit“. Aber: Die Realität in der Türkei und die Zusammenarbeit der Bundesregierung mit der Regierung in Ankara gingen darüber hinaus. Über die Pointe? Und was genau ist der Unterschied zwischen der türkischen Wirklichkeit und der Realität in Teilaspekten?

Oder hat vielleicht doch Herr Polenz von der CDU Recht, wenn er sagt: Sowas käme dabei raus, „wenn jemand aus dem Innenministerium Fragen beantwortet, von denen er keine Ahnung hat.“ Aber auch das ist natürlich vertraulich. Vielleicht doch ein Ministerversehen? Die Antwort, mein Freund, ist Pupsen in den Wind, wie uns Bob Dylan sang. Oder wie Meister Erdogan sagt: Die Vorwürfe sind eine neue Manifestation unserer verdrehten Mentalität.

Unterm Strich: Bogenschießen in Rio nachts um Vier ist doch spannender. Ganz im Vertrauen.

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Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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