Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Loch doch"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 17.11.2017 16:40 Uhr

... und am Samstag, 18.11.2017, in "Der Morgen".


Nr. 650

Nicht dass Sie denken, ich dächte von früh bis spät über die große Politik nach. Also quasi Tag und Nacht, Sommers wie Winters, vorwärts und rückwärts. Geht ja auch gar nicht. Weil, je nach Tagesform - also der Politikverursacher - mein Denkorgan nach ein paar Umdrehungen das Warnlämpchen für akute Unterbeschäftigung aufleuchten lässt. Gelegentlich brummt auch mein innerer Buzzer, der vor hoffnungsloser logischer Knäuelbildung in der Großhirnrinde warnt. Das allerdings hauptsächlich, wenn sich gerade wieder einer der Herren Dobrindt, Söder oder Lindner zu Wort gemeldet hat. Trump ist durchgeschleift – geht raus wie rein.

Angenehm also, wenn mir mal Hirnfutter aus den Niederungen des Alltags vor die denkwillige Birne rauscht. So gerade geschehen - Google sei Dank – durch den Hinweis auf das anstehende Jubiläum des Perforators. Was nicht etwa die neue Filmrolle des österreichischen Haudruffs Schwarzenegger ist, sondern der Triumph deutscher Ingenieurskunst. Im allgemeinen Sprachgebrauch: Locher. Jenes unscheinbare Gerät also, das seit nunmehr 131 Jahren in den Büros dieser Welt mit Hilfe zweier Lochpfeifen exakt 6mm große Löcher in exakt definiertem Abstand in Papierstapel... äh... pfeift. Wenn das Lochgut beispielsweise aus einem 85 Blatt starken Stapel von Normpapier besteht, müssen Sie sich dabei mit maximal 45 DekaNewton auf den Locher stemmen. Soviel Kraft muss ein deutscher Beamter also höchstens zum Dienstgebrauch zur Verfügung stellen können. Das aber gerne mehrmals täglich. Und zum Segen der Menschheit.

Denn glücklicherweise hatte die Firma Leitz bereits vorher den nach ihr benannten Ordner erfunden, dessen Abheftbügel, man glaubt es kaum, ebenfalls schon exakt den selben Abstand hatten wie später die Lochpfeifen des zu feiernden Perforators. Da wuchs zusammen, was zusammen gehört. Pfeife und Bügel, das Fundament unserer Verwaltung. Zwei kleine Löcher für den Beamten, aber ein großer Schritt für die Menschheit.

Einmal psychologisch, denn wie uns der große Google-Hupf zum 14. November wissen lässt: „Die Serie identischer Löcher erschafft ein beruhigendes Gefühl der Einheitlichkeit in einem ansonsten ungebundenen Stapel loser Blätter.“ Aber auch physisch, denn ohne die heilige Zwei-Einigkeit von Locher und Ordner sähe es in den Büros dieses Universums aus wie in meinem Arbeitszimmer. Was ohne Zweifel zu noch größerer Undurchschaubarkeit der Weltläufte führen würde. Das Loch hält diese Welt im Innersten zusammen.

Auch in puncto Nachhaltigkeit war der Locher seiner Zeit weit voraus. Denn er produziert beim Lochen nicht etwa einfach Abfall, sondern Konfetti. Auch diese übrigens eine deutsche Erfindung. Bis dato nämlich bewarfen die italienischen Karnevalisten das Narrenvolk mit Konfekt, also teuren Süßwaren. Olle Kamellen, dachte sich da im Jahre 1887 der sparsame Berliner Buchbinder Paul Demuth und erfand die billigeren bunten Papierschnipsel. Locher frei!

Meine Nachbarin Barscheck findet ja diesen Zusammenhang zwischen deutscher Aktenseligkeit und karnevalistischem Frohsinn philosophisch durchaus bedenkenswert. Und stellt sich gar die Frage, ob der neuzeitliche Schredder nicht eigentlich auch nur ein finaler Locher ist, bei dem das Loch den endgültigen Sieg über die Akte errungen hat. Aber damit sind wir schon fast wieder bei der großen Politik.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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