Brunners Welt (Foto: SR)

"Nach den Tatsachen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.12.2016 15:40 Uhr

Nr. 600

Brunners Welt: "Nach den Tatsachen"
Mediathek: Glosse
Brunners Welt: "Nach den Tatsachen"
[Peter Tiefenbrunner für SR 2 KulturRadio, 2. Dezember 2016, Länge ca. 4:08 Min.]

Nicht dass Sie denken, ich sei im Besitz der Wahrheit. Ich glaube nicht mal, dass es die so absolut gibt. Und selbst, wenn ich das glaubte und sie wüsste, ich behielte sie für mich. Denn, wie die Geschichte lehrt, wird man sonst gerne schon mal ans Kreuz genagelt, auf dem Scheiterhaufen geröstet oder muss in Russland im Exil hocken. Und wofür? Nur weil man etwas, das man für die Wahrheit hielt, unbedingt an der nächsten Straßenecke bzw. auf dem nächsten Internetforum zu Markte tragen musste. Interessiert doch eh keinen.

Heutzutage weniger denn je. Schließlich leben wir im „postfaktischen Zeitalter“! Tatsache! Fakten sind uns wumpe! Schnurzegal! "Postfaktisch" ist 2016 vom Oxford English Dictionary zum internationalen Wort des Jahres gewählt worden. Auf Englisch natürlich, da heißt das „post-truth“, was die Sache noch schöner auf den Punkt bringt, denn das heißt „nach der Wahrheit“. Unter dem Pflaster liegt der Strand, hinterm Horizont geht’s weiter und nach der Wahrheit kommt... die Lüge? Nee. Nicht mal die. Um zu lügen, müsste man ja die Wahrheit kennen.

Oder sich zumindest "immer strebend drum bemühen“, wie Donald Trump in seiner Tragödie zweiter Teil schrieb. Goethe? Der alte Sack kann doch nicht alles geschrieben haben. Das fühlt sich einfach nicht gut an.

Und darum geht’s im Postfaktizismus: Der Berliner AfD-Mann Georg Pazderski hats auf den Punkt gebracht: Als man ihm vorhielt, dass doch immerhin 98 Prozent der Migranten in unserem Land friedlich leben, sprach er: "Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das heißt also: das, was man fühlt, ist auch Realität.“ So isses. Anhänger der Alternativmedizin wissen das schon längst. Klar ist in den zuckersüssen Globuli nix mehr drin von irgendeinem Wirkstoff, aber es fühlt sich einfach gut an, wenn man sich die Dinger unter die Zunge schiebt. Die Wissenschaft ist schließlich auch nix anderes als ein moderner Glaube. Und dass zwei mal zwei vier ist, stimmt ja so auch nicht immer. Gucken Sie sich nur mal diese Quanten an. Machen was sie wollen, verschwinden und tauchen wieder auf und niemand weiß wo sie sich gerade befinden. Und das sollen Fakten sein?

Der ehemalige Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, Wahlkämpfer für Onkel Donald, behauptete in einer Rede, es habe vor Obamas Präsidentschaft keine "erfolgreichen islamistischen Anschläge in den USA" gegeben. Die Kundschaft applaudierte. Natürlich wusste jeder von 9/11 und dass zu jener Zeit eben der Herr Giuliani Bürgermeister in New York war – na und? Fühlte sich einfach gut an.

Es lebt sich leichter, befreit vom Zwang der Fakten! Ein halbes Stündchen Surfen im Netz, eine Talk-Show im Fernsehen, ein Blick in die BILD und wir wissen wie der Hase läuft und rennen hinterher. Ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt. Das ist ja auch gar nicht wirklich neu – wilde Verschwörungstheorien und abstruse Glaubenssätze gab's schon immer. Die Amis waren nie auf dem Mond, Bielefeld gibt’s überhaupt nicht und die Erde ist erst 6000 Jahre alt. Neu ist nur: Endlich müssen wir den ganzen Scheiß nicht mehr mühsam mit irgendwelchen Fakten vergleichen und langwierige Diskussionen führen.

Wir sind frei im postfaktischen Zeitalter. Anything goes. Wir dürfen endlich den wählen, der uns das erzählt, was wir schon immer glauben wollten. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen und im Bewusstsein, auf der Höhe der Zeit zu sein. Meine Nachbarin Barscheck hat auch schon die Hymne für das neue Zeitalter gefunden: "Wenn ich auch fühle, es muss ja Lüge sein, ich lüge auch und bin Dein.“ Zarah Leander, 1939. Oder Xavier Naidoo. Wurscht. Was wahr ist, muss ja nicht wahr bleiben.


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Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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