Ein Jogger läuft durch einen Park. (Foto: Imago/snapshot)

Trainieren bis zur Erschöpfung – und darüber hinaus

Caroline Uhl   09.02.2017 | 09:00 Uhr

Vor allem unter Ausdauersportlern finden sich immer wieder Personen mit einer wahren Sucht nach Bewegung. Sie weisen ähnliche Symptome wie Abhängige anderer Süchte auf, stellen die Bewegung ins Zentrum ihres Lebens und vernachlässigen den Rest. Das birgt schwerwiegende Gefahren für Körper und Geist – doch Hilfe ist möglich.

Das ist total schlimm, wenn man mal einen Tag kein Training/Sport gemacht hat. Man fühlt sich dann so komisch, "Versager". Ich hatte im Sommer mal 'ne Zeit, da bin ich jeden Tag dreimal eineinhalb Stunden gelaufen... Und irgendwann wollte ich das Ganze viermal machen und noch eine Tour mit Radfahren anfangen. Ach so, und noch 300 Sit-ups..."

So beschreibt eine Userin, die sich in einem öffentlichen Internet-Forum "Biene" nennt, ihr Verlangen nach dem Sport. "Sportsüchtig??" lautet der Chat, in dem sie ihre Erfahrungen postet. Ist Biene sportsüchtig? Diese Frage könnte nur ein Fachmann ergründen.

Fest steht nämlich, wer aus seinem Umfeld ein "Du bist doch süchtig nach Sport!" zu hören bekommt, weil er oder sie mehrmals in der Woche, vielleicht sogar täglich, aktiv ist, muss noch lange kein Sportsüchtiger im klinischen Sinne sein. „Allein die Tatsache, dass jemand sehr viel Sport treibt, reicht als Hinweis auf Sportsucht allein nicht aus“, betont Jens Kleinert, der Leiter des Psychologischen Instituts der Sporthochschule Köln.

Sport als Droge

Doch wo hören die pure Sportbegeisterung und der sportliche Ehrgeiz auf und wo fängt die Sucht an? "Jemand, der süchtig ist, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er starke Entzugserscheinungen bekommt, wenn er keinen Sport macht", beschreibt Heiko Ziemainz vom Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Erlangen-Nürnberg. Solche Leute werden beispielsweise nervös und extrem misslaunig, wenn sie ihrem Verlangen nach Bewegung nicht nachkommen können. "Ein Süchtiger macht alles Mögliche möglich, um an seinen 'Stoff' zu kommen", sagt Ziemainz. Da unterscheide sich der Sportsüchtige nicht von anderen Abhängigen.

Wie viele von der Sportsucht Betroffene es gibt, lässt sich nur schwer beziffern. Eine Studie aus dem Jahr 2013, für die Ziemainz mit Kollegen fast 1100 Ausdauersportler befragt hatte, kommt zu dem Schluss, dass 4,5 Prozent der Befragten zumindest sportsuchtgefährdet sind. Die Quote an tatsächlich "Sportsüchtigen" dürfte also noch niedriger ausfallen.

Zwang statt Genuss

Dennoch: Wer betroffen ist, der leidet. „Ich mache das nicht, weil ich es total genieße, sondern ich mache es, weil ich denke, es wäre schlimm, wenn ich es nicht mache, oder ich kann sonst meine Probleme nicht bewältigen“, beschreibt Kleinert das typische Empfinden von Süchtigen. Einher geht das mit einem – ebenfalls für Süchte aller Art typischen – sozialen Verfall. Wer betroffen ist, vernachlässigt seine Familie, seinen Beruf – und seinen Körper.

"Die körperlichen Signale werden missachtet", sagt Ziemainz. "Es gibt Leute, die rennen, obwohl die Füße offen sind. Es gab einen krassen Fall, die Person ist gerannt, obwohl die Fersen bis auf die Knochen offen waren." Muskelbeschwerden, Probleme mit Knochen und Gelenken, Herzschädigungen. Doch wer süchtig ist, rennt, schwimmt oder radelt weiter.

Ausdauersport übrigens ist eine ganz typische Wahl Sportsüchtiger. Zum einen deshalb, weil die Mehrheit der Süchtigen ihr Verlangen nach Sport an eine schon vorhandene psychische Grunderkrankung ankoppelt; beispielsweise liegt eine Essstörung vor und der Sport dient als Mittel, um Kalorien abzubauen. Zum anderen eignen sich etwa Mannschaftssportarten schon aus ganz pragmatischen Gründen nicht, um eine Sucht auszuleben. "In Mannschaftssportarten werden Sie keine Sucht finden, denn dort sind Sie ja auf andere angewiesen", sagt Ziemainz.

Bewegung neu erleben

Die Therapie einer Sportsucht unterscheidet sich bisher in ihren Grundzügen nicht wesentlich von der anderer Verhaltenssüchte. Es gehe oft um den Aufbau alternativer Bewältigungsstrategien, um kritische Lebensereignisse zu meistern, oder darum, das Selbstwertgefühlt zu stärken, beschreibt Ziemainz.

In Sachen Sportsucht und deren Therapie im Speziellen ist allerdings auch noch viel unerforscht. „Wir wissen kaum, was wirkt und was nicht wirkt", sagt Hochschul-Professor Kleinert. "Aber die bisherigen Veröffentlichungen in diese Richtung sagen letztendlich, dass man nicht unbedingt abstinent sein sollte wie ein Alkoholiker beispielsweise.“ Bewegung also darf sein, nur der richtige Umgang damit, der muss neu gelernt werden: Bewegung als Genuss und nicht als Mittel zum Zweck, heißt das Ziel.

"Biene" hat ihr Verlangen nach Bewegung offenbar in den Griff bekommen, wie sie schreibt.

Heute fahre ich nur konsequent meine Minuten auf dem Heimtrainer, die ich wirklich machen muss, und nicht mehr!

Sie will anderen Mut machen:

Mache dich nicht so abhängig vom Sport! Ein Tag [Pause (Anm. d. Red.)] ist nicht schlimm, morgen geht's weiter! Gib nach einem solchen Tag nicht auf, sondern mach' dein Training weiter. Aber stelle die Maßregeln auf: 'so viel und nicht mehr'!

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