Radiomuseum im Donnersbergkreis, Nordpfalz (Foto: Nadine Thielen)

Ein Nebenbei-Medium ganz im Mittelpunkt

Das Radiomuseum Nordpfalz im Donnersbergkreis

Nadine Thielen  

Der weltberühmte amerikanische Erfinder Thomas Edison war mit seinem Phonographen ein Wegbereiter für das heutige Radio. Einen solchen Phonographen und rund 100 weitere Geräte der langen Radiogeschichte gibt es im Radiomuseum Nordpfalz in Obermoschel zu entdecken - eine Reise zurück in die Geschichte und Geschichten rund um das Radio.



Sie haben sich ganz schön verändert unsere Radios. Mittlerweile können wir unsere Lieblingssender überall hören: angefangen vom kleinen Küchenradio über das festverbaute Autoradio bis hin zur Radio-App auf dem Smartphone. Da vergisst man schnell, dass die Geschichte des Radios einmal groß, edel und auch ein bisschen klotzig begonnen hat. Im Radiomuseum Nordpfalz in Obermoschel können Besucher genau diese Anfänge des Radios erleben. Hermann Nagel ist Museums-Chef und Radiosammler mit Leidenschaft. Rund 100 Geräte stehen in seinem Radiomuseum im Zentrum der kleinen Gemeinde in der Pfalz. Neben Radios gibt es hier auch Grammophone, Lautsprecher und Musikboxen.

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Tour de Kultur: Ein Nebenbei-Medium ganz im Mittelpunkt
Audio [SR 3, Nadine Thielen, 03.07.2017, Länge: 03:12 Min.]
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In den Anfängen der Radiogeschichte waren die Übergänge zwischen den einzelnen Geräten oft fließend. Das zeigt auch eines der ältesten Ausstellungsstücke im Radiomuseum Nordpfalz: ein Phonograph des weltberühmten amerikanischen Erfinders Thomas Edison. Noch heute schreiben ihm viele die Erfindung der Glühbirne zu. Die hat er tatsächlich gar nicht erfunden, sondern nur weiterentwickelt. Stattdessen hat Edison die ersten Tonwiedergabegeräte erfunden, so wie den Phonographen im Radiomuseum. Ohne Phonograph gäbe es heute weder Radios noch Telefone. Der Phonograph, der im Radiomuseum steht, stammt von Anfang des 20. Jahrhunderts und ist damit eines der ältesten Stücke der Ausstellung.

Radiogeschichte(n)

Schaut man sich die Geräte der 1920er und 30er Jahre an, fällt schnell auf: das heutige Who-is-Who des Radiomarktes war schon damals vertreten. Auf den Geräten stehen Marken wie Philips, Siemens oder Blaupunkt. Zu jedem dieser Geräte hat Hermann Nagel eine Geschichte parat. „Es gibt hier keine bestimmte Reihenfolge. Am besten gehen die Besucher einfach auf das Gerät zu, das ihnen als erstes in die Augen springt“, rät Hermann Nagel. Das ist allerdings gar nicht so einfach bei so vielen Knöpfen, Antennen und Senderanzeigen. Auch wenn das Radiomuseum nur aus einem Raum besteht, gibt es dort so viel zu sehen, dass die Zeit geradezu verfliegt.

Auch Kurioses findet sich darunter. Was zum Beispiel hat ein jahrzehntealtes Buch bitte mit Radio zu tun? Eine ganze Menge, wenn es nach Museums-Chef Hermann Nagel geht. Eine Besucherin hatte ihm erzählt, dass der Vater immer Radio mit einem Buch gehört hatte. Das konnte Nagel erst nicht glauben, bis er verstand: Der Vater hatte offenbar einen eigenen Detektor-Empfänger in ein Buch eingebaut. Genau so einen Detektor hat Hermann Nagel nachgebaut. Aus einem alten Buch hat er ein Loch in die Mitte der Seiten geschnitten. Dort ist jetzt der Detektor. Und der funktioniert. An zwei Ösen kann man eine Antenne und einen Kopfhörer einstecken und schon läuft das Radio im Buch.

Hermann Nagel mit dem Radio im Buch (Foto: Nadine Thielen)
Hermann Nagel mit dem Radio im Buch (Foto: Nadine Thielen)

Diese Geschichte zeigt die Besonderheit des Radios. Jeder, der in das Museum kommt, bringt seine eigenen Geschichten mit. Die einen erzählen von Volksempfängern und „Feindsendern“, die anderen von Schallplatten und kaputten Plattenspieler-Nadeln. Der Blick ins Radiomuseum ist immer auch ein Blick in die eigene Vergangenheit. Wer genau hinschaut, erkennt in der Ausstellung auch die verschiedenen Entwicklungsstufen des Radios. Anfangs noch groß und klotzig, werden die Radios immer kleiner und handlicher. Sogar Vorläufer der heutigen Ghettoblaster, also tragbarer Radiogeräte, gibt es zu sehen, zum Beispiel ein Radio im Koffer oder als tragbare Handtasche. Und auf der anderen Seite des Raumes steht ein Schallplattenspieler aus den 1960er, in den die Schallplatte ähnlich durch einen Schlitz geschoben werden musste wie bei einem späteren CD-Spieler.

Egal welches Radio hier steht, Hermann Nagel kennt sie alle in- und auswendig. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Bevor ein Radio in die Ausstellung kommt, zerlegt Hermann Nagel es in seine Einzelteile. Er macht das Gerät sauber. Kaputte Teile repariert er, fehlende Knöpfe versucht er zu ersetzen. Originalität ist ihm wichtig. Zum Schluss setzt er alles wieder zusammen. Die Geräte sehen zum größten Teil aus wie neu. Sie funktionieren auch fast alle noch. Das macht das Radiomuseum so authentisch. So wie die Geräte hier im Radiomuseum stehen, so standen sie einst bei den feinen Leuten zuhause.

Radiomuseum im Donnersbergkreis, Nordpfalz (Foto: Nadine Thielen)
Radiomuseum im Donnersbergkreis, Nordpfalz (Foto: Nadine Thielen)

Ein Radio konnte sich in den Anfängen kaum jemand leisten. Das ändert sich erst mit den Volksempfängern, die Hitler nach seiner Machtergreifung 1933 als eines seiner wichtigsten Propaganda-Instrumente in die deutschen Stuben einziehen ließ. Gleich eine Handvoll der Volksempfänger stehen natürlich auch im Radiomuseum in Obermoschel. Man kommt aus dem Gucken fast gar nicht mehr raus. Dabei gibt es im Radiomuseum auch viel anzufassen. Wer möchte, kann Radioröhren aus alten Radios in die Hand nehmen. Außerdem gibt es verschiedene Modelle, die das Innere alter Radiogeräte oder von Schallplatten- und CD-Spielern zeigen. So bekommen die Besucher einen Eindruck von der komplexen Technik, die hinter jedem Gerät im Radiomuseum steckt. Und schließlich will natürlich jeder, der ins Radiomuseum geht, auch etwas hören. Wer möchte, kann sich selbst mit einem alten Tonbandgerät aufzeichnen. Außerdem können sich Besucher Lieder aus einer Jukebox aussuchen. Oder sie sprechen in ein Mikrofon und lassen ihre Stimme als Blitze auf einer flachen Lampe visualisieren.

Das Herzstück der Sammlung

Radiomuseum im Donnersbergkreis, Nordpfalz (Foto: Nadine Thielen)
Radiomuseum im Donnersbergkreis, Nordpfalz (Foto: Nadine Thielen)

Nur wenige Radios stehen im Radiomuseum in Vitrinen. Man ahnt schon, dass das die ganz besonderen Stücke sein müssen. Dabei sehen sie auf den ersten Blick nicht anders aus als die anderen Geräte. Vor einem besonderen Radio bleibt Hermann Nagel gerne stehen. Es ist ein großer hölzerner, edler Kasten. Keine Schramme oder Macke ist an dem Gehäuse zu erkennen. Die Knöpfe sehen aus wie neu. Hermann Nagel schätzt, dass es vielleicht zwanzig Mal eingeschaltet wurde, nicht öfter. Er habe vor einigen Jahren in einer Zeitung ein Inserat aufgegeben, auf der Suche nach alten Radios, erzählt Nagel. Eine Frau habe sich bei ihm gemeldet, die ein solches Radio zuhause hatte.

Als Hermann Nagel zu ihr fährt, um es abzuholen, fragt sie ihn, ob er Hans Bredow kenne. Hermann Nagel kennt ihn nicht. „Da hat die mich zur Minna gemacht: Wie könne man Radios sammeln und Hans Bredow nicht kennen?“ Den Namen Hans Bredow wird er seitdem nicht mehr vergessen. Hans Bredow war der Erfinder des Rundfunks in Deutschland. Das Radio, das Hermann Nagel an diesem Tag mitgenommen hat, gehörte genau diesem Hans Bredow. Ein besseres neues Zuhause hätte dieses Radio wohl kaum finden können.

Nadine Thielen


Kontakt

Hermann Nagel
Marktplatz 3
67823 Obermoschel

Tel.: (06362) 81 67
Mobil: (0151) 55 47 82 95
E-Mail: Nagel.Hermann@web.de

Öffnungszeiten/Besichtigungen

Jeden 2. Sonntag im Monat 13.00 - 17.00 Uhr, an Städtischen Veranstaltungen und nach Vereinbarung.

Eintritt

3,- € für Erwachsene, für Kinder ist der Eintritt frei.

Anfahrt

Ab Saarbrücken: Von der A 620 weiter auf die A 6 in Richtung Mannheim, am Autobahndreieck Kaiserslautern auf die A 63 in Richtung Frankfurt, bei der Ausfahrt-13 Winnweiler abfahren und dann der B 48 in Richtung Winnweiler folgen bis Obermoschel.

Geheimtipp

Unbedingt nach dem Radio im Buch fragen, das bleibt ansonsten versteckt in einer Schublade liegen.



Über dieses Thema wurde in der Sendung "Region" vom 12.07.2017 auf SR 3 Saarlandwelle berichtet.

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