Eine Hand mit einem Messer (Foto: dpa/picture alliance/Reinhold Tscherwitschke/CHROMORANGE/SR)

Warum wir so gerne von Verbrechen lesen

Leonie Rottmann   26.12.2018 | 08:30 Uhr

Jemand schreit. Im Geäst knackt es. Ein lebloser Körper liegt auf dem Waldboden. Ein Mord. Die Deutschen holen sich das Böse direkt in ihre Wohnzimmer. Sie füllen die Bücherregale und bringen die dunklen Seiten der Menschheit direkt zu uns – mit Krimis. Aber was fasziniert uns daran eigentlich so sehr?

Nirgendwo auf der Welt fasziniert das Böse die Menschen mehr als in Deutschland. Krimis gehören zu den Lieblingsgenres der Deutschen. Es gibt tausende Neuerscheinungen jährlich. Die fiktiven Verbrechen übersteigen die realen um ein Vielfaches. Dennoch sitzt Deutschland auf der Couch, vertieft in eine Welt, vor der es sich fürchtet.

"Beim Lesen von Krimis befinden wir uns in einer sicheren Spannung ohne großes Risiko", erklärt Psychotherapeut Philipp Ruland aus Saarbrücken. Er vergleicht das Verlangen nach Spannung mit einer Achterbahnfahrt. Wer sich in eine Achterbahn setzt, erzeuge eine künstliche Extremsituation mit der Gewissheit, dass am Ende aber nichts passieren wird. Genauso verhalte es sich bei Bungeejumping, Houserunning, Fallschirmspringen und ähnlichen Aktivitäten.  

Die eigenen Ängste spielen eine Rolle

"Krimis erklären teilweise unsere Ängste, vor allem wenn aktuelle Probleme in der Geschichte eingeflochten sind", sagt Philipp Ruland. Globalisierung, soziale Not, Atomkrieg: Ängste und Befürchtungen gibt es in unserer Gesellschaft viele. Und in Krimis gebe es Erklärungen und Lösungen für diese Probleme – meistens mit einem guten Ende.

Der Leser wolle an die Grenzen zu den tiefen Abgründen des Bösen treten. Dieses Interesse sei aber von den eigenen Erfahrungen abhängig: "Wenn jemand behütet und sicher ist, führt ihn ein Krimi an die Klippe. Wenn aber die Gefahr besteht, über die Klippe drüber zu treten, werden die Ängste real." Damit ist gemeint, dass die Lust am Verbrechen den meisten Menschen in dem Moment vergeht, in dem ihnen selbst Gewalt angetan wurde oder sie vor einer unmittelbaren Gefahr stehen.

Ein schwer traumatisierter Mensch werde daher eher ungerne Krimis lesen, vor allem nicht solche, die ihn mit dem eigenen Trauma konfrontieren. Ähnlich schätzt er das Interesse an Kriminalgeschichten bei Menschen aus Krisengebieten ein: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der Krieg und Leid miterlebt hat, davon auch noch lesen möchte."

Identifikation mit dem Bösen

In der Psychoanalyse gehe man davon aus, dass jeder Mensch auch böse Seiten in sich habe, die er selbst nicht wahrnehme: "Die Menschen projizieren ihre dunklen Anteile, die tief in ihnen verankert sind, nach außen." Ob diese Annahme auf die Gier der Deutschen nach dem Bösen angewendet werden könne, sei aber unklar.

Auch Sigmund Freud hat in seiner Trieblehre die menschlichen Abgründe beschrieben. Demnach hat jeder Mensch einen Aggressionstrieb, der in einem ständigen Kampf mit dem Lusttrieb steht. Durch das Lesen von Verbrechen könnte also der Aggressionstrieb befriedigt werden.


Verbrechen in verschiedenen Formen

Verbrechen faszinieren die Menschen schon lange. "Mord und die damit verbundene Grenzüberschreitung ist bereits in der Bibel ein Thema", erzählt Dr. Claudia Schmitt, Lehrkraft vom Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlandes. Ein Mord sei aber nicht zwangsläufig ein Kriterium dafür, dass ein Buch zum Genre "Krimi" gehört. Es gebe bestimmte Regeln im Aufbau, die einen Krimi ausmachen.

Bei Detektivgeschichten gebe es am Anfang unzählige Fragen, die dem Leser im Verlauf der Geschichte durch den Einsatz einer Ermittlerfigur beantwortet werden. Es gehe den Lesern ums Mitdenken, Miträtseln und um Verblüffung. "Das kommt dem Bedürfnis des Menschen entgegen, Ordnung in eine unübersichtlich gewordene Welt zu bringen", erklärt Claudia Schmitt weiter.

Die Faszination des Bösen und Abgründigen stehe im Thriller im Fokus. "Darin geht es eher um das Erleben von Schrecken, da der Leser Zeuge eines Verbrechens wird", sagt die Dozentin. Im Thriller könne die Perspektive des Opfers und des Täters eingenommen und auch immer wieder gewechselt werden.

"Ein Kriminalroman löst Emotionen und Affekte aus wie Schrecken, Furcht oder Neugier und dient somit zunächst einmal der Unterhaltung." Es gehe dabei nicht primär um den Aspekt der Bestrafung, sondern um die Anstrengungen zur Lösung des Falles und zur Überführung des Täters. 


Krimis sind gut für unser Gehirn

Generell ist Psychotherapeut Philipp Ruland überzeugt, dass Lesen wichtig und fordernd für unser Gehirn ist und unter anderem auch spannende Geschichten, wie sie in Krimis vorkommen, dazu beigetragen hätten, dass die Menschheit sich so weit entwickelt hat. Das Gehirn sei wie ein Muskel, der trainiert werden müsse. Um die Plastizität der Synapsen zu verbessern, seien immer neue Reize notwendig. In Krimis gebe es etliche davon: Das Gute, das Böse, die Angst, der Schock, die Erleichterung.