Andreas Heinz: "Schwer, eine eindeutige Position zu haben"

Zurückhaltende Stimmen zur geplanten Cannabis-Legalisierung im Saarland

Manuela Weichsel / Onlinefassung: Kasia Hummel   19.10.2023 | 06:29 Uhr

Der Bundestag hat sich am Mittwoch zum ersten Mal mit der geplanten Cannabis-Legalisierung befasst. Experten im Saarland warnen vor den Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche.

25 Gramm Cannabis und bis zu drei Pflanzen zum Eigengebrauch könnten Erwachsene bald straffrei besitzen dürfen. Zum Verkauf soll ein weiterer Gesetzentwurf vorgelegt werden.

Die Frage nach der Modellregion

Bisher ist bekannt, dass der Verkauf in lizensierten Geschäften in sogenannten Modellregionen getestet werden soll. Ob das Saarland Modellregion wird, ist noch völlig offen. Für die Landesdrogenbeauftragte Bettina Altesleben ist dabei mitentscheidend, wie viel Spielraum es bei der Ausgestaltung gäbe. „Solange ich das nicht weiß, kann ich nicht sagen, ob uns eine Modellregion gut tut oder ob wir die Finger davon lassen sollten“, so Altesleben.

Video [aktueller bericht, 18.10.2023, Länge: 2:53 Min.]
Offene Fragen bei der Cannabis-Legalisierung

Ein Punkt, der noch ungeklärt ist, sei etwa das Mindestalter - also entweder 18 oder 25 Jahre. Es gebe Gutachten, die besagten, dass das Gehirn bis zum 25. Lebensjahr noch nicht entwickelt sei und demnach noch Schäden hervorgerufen werden könnten, erklärte Altesleben.

Faas warnt vor sozialen Problemen

Die gleichen Gefahren sieht auch Roman Faas, Psychologe und Psychotherapeut an der Uniklinik Homburg. „Unter rechtlichen Aspekten endet die Jugend mit 18 Jahren, neurobiologisch aber nicht. Wir sind erst mit Mitte 20 an dem Punkt, dass die Hirnreifung abgeschlossen ist.“ Wichtige Funktionen, sogenannte exekutive Funktionen, wie Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnis usw. würden in dieser Zeit ausgebildet.

Je intensiver der Konsum sei, desto stärker fänden schädigende Einflüsse statt, die sich negativ auf die Hirnentwicklung auswirkten, erklärt Faas. "Das führt dann auch zu sozialen Problemen: Schulabschlüsse werden nicht erreicht, Berufskarrieren gestalten sich ungünstig, Berufsausbildungen werden abgebrochen", so der Psychologe.

Außerdem verweist Faas auf Erfahrungen einiger Bundestaaten in den USA und Kanada, die bereits legalisiert haben. Die Forschungsergebnisse seien nicht ermutigend. Die Zahl der Klinikeinweisungen aufgrund von Cannabis-Problemen sowie die Zahl der Verkehrsdelikte unter Einfluss von Cannabis seien angestiegen. "Mit dem steigenden Konsum steigen auch die Probleme", so Faas abschließend.

Saarbrücker Drogenhilfezentrum uneins

Im Drogenhilfezentrum Saarbrücken steht man einer Legalisierung zwiegespalten gegenüber. Das Einstiegsalter sei in den letzten Jahren gesunken, durch eine Legalisierung werde der Konsum bei Jugendlichen vermutlich weiter steigen. Insgesamt seien bei der Legalisierung noch viele Fragen offen.

„Wir haben noch keine Grenzwerte in Bezug auf Führerschein oder den Arbeitskontext“, so Sven Schäfer. Er sieht noch schwarze Flecken, zum Beispiel beim Jugendschutz. „Es wird vom Bund gesagt: Wir möchten Cannabis legalisieren, möchten die Prävention stärken, aber davon merken wir noch nichts.“

Deutlich mehr psychische Schäden im Saarland

Eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung zeigt: Im Saarland gibt es deutlich mehr psychische Schäden durch Cannabis als im Bundesdurchschnitt.

Bundesweit leiden 29 von 10.000 Versicherten unter Verhaltensstörungen und psychischen Beschwerden. Im Saarland liegt die Zahl bei 34. Besonders hoch ist sie im Regionalverband: Hier sind 41 von 10.000 Versicherten von Cannabisbedingten psychischen Schäden betroffen. Am geringsten ist die Zahl im Landkreis St. Wendel.

Altesleben setzt auf Prävention

Die Landesdrogenbeauftrage sieht bei den Zahlen auch einen positiven Zusammenhang: Vor allen Dingen das Beratungsangebot im Saarland trage viel dazu bei, dass man überhaupt aufmerksam werde. "Nur diejenigen, die sich auch eine Beratung suchen, sich zu erkennen geben, werden erfasst", so Altesleben.

Prävention sei weiterhin das Gebot der Stunde. Insgesamt bleibe abzuwarten, wie die Legalisierung tatsächlich umgesetzt wird.

Über dieses Thema hat auch der aktuelle bericht am 18.10.2023 berichtet.


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