Pressekonferenz zum Ermittlungsstand von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Bistum Trier (Foto: SR/Patrick Wiermer)

Dillinger-Aufarbeitungskommission sieht sich noch am Anfang

  20.09.2023 | 16:00 Uhr

Im Skandal um den verstorbenen Priester Dillinger hat die Aufarbeitungskommission im Bistum Trier am Mittwoch den ersten Zwischenbericht vorgestellt. Neue Vorwürfe wurden nicht bekannt - es gab allerdings deutliche Kritik der Kommission am Bistum mit Blick auf die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dillinger.

Die Aufarbeitung des Missbrauchsfalls um den Trierer Priester Edmund Dillinger steht noch weitgehend am Anfang. Aus einem am Mittwoch in Trier von den beiden Sonderermittlern vorgestellten Zwischenbericht geht hervor, dass es schwierig ist, Vorwürfe gegen den Mann zu belegen und Betroffene zu finden.

Video [aktueller bericht, 20.09.2023, Länge: 3:19 Min.]
Dillinger-Aufarbeitungskommission sieht sich noch am Anfang

"Die überwiegende Zahl der bisher interviewten Personen war selbst kein Opfer eines strafrechtlich relevanten Missbrauchs", heißt es in demBericht des früheren Koblenzer Generalstaatsanwaltes Jürgen Brauer und dem der früheren stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft Trier, Ingo Hromada.

Bislang haben die Ermittler rund 40 Fallakten angelegt und 25 Interviews geführt. Drei Befragte hätten persönlich unangemessene Verhaltensweisen erlebt, andere Zeitzeugen hätten sexuell motivierte Übergriffe auf andere beobachtet oder von diesen erfahren.

Bundesverdienstkreuz trotz Aktenhinweisen auf sexuelle Übergriffe

Kritisch äußerten sich die beiden Ermittler zum Umgang des Bistums Trier mit der Vergabe des Bundesverdienstkreuzes am Bande an Dillinger im Jahr 1977. Die saarländische Staatskanzlei hatte damals um Stellungnahme gebeten und keine Einwände aus dem Bistum erhalten.

Aufarbeitungskommission stellt Zwischenbericht im Fall Dillinger vor
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 20.09.2023, Länge: 03:50 Min.]
Aufarbeitungskommission stellt Zwischenbericht im Fall Dillinger vor
Im Skandal um den verstorbenen Priester Dillinger stellt die Aufarbeitungskommission im Bistum Trier den ersten Zwischenbericht vor. Verfasst wurde er von einem früheren Generalstaatsanwalt und einem ehemaligen Vize-Chef der Staatsanwaltschaft Trier.

"Tatsächlich sind in den Akten des Bistums massive sexuelle Übergriffe des Verstorbenen zum Nachteil von jugendlichen Opfern aus dem Jahr 1970 vermerkt", heißt es im Bericht. Zeitgleiche Anregungen zur Verleihung kirchlicher Ehrentitel hätten hingegen keine Zustimmung im Bistum gefunden.

Arbeit der Aufarbeitungskommission geht weiter

Die Aufarbeitungskommission hatte eine wissenschaftliche Studie zu Dillinger in Auftrag gegeben. Um diese kümmern sich die beiden früheren Staatsanwälte Brauer und Hromada. In den kommenden Wochen und Monaten wollen sie weitere Interviews führen, staatsanwaltschaftliche Akten auswerten sowie sich mit den Schriften des Theologen auseinandersetzen.

Die Erlebnisse und Beobachtungen reichen laut Zwischenbericht von Beginn des priesterlichen Dienstes im Jahr 1961 bis zu einem Vorfall von 2018 in Fulda.

Neffe fand Aufnahmen im Haus des verstorbenen Priesters

Der im November 2022 verstorbene Priester Edmund Dillinger aus Friedrichsthal steht in Verdacht, jahrzehntelang vor allem Jugendliche sexuell missbraucht und teilweise in pornografischen Posen fotografiert zu haben. Nach Dillingers Tod hatte sein Neffe zahlreiche Aufnahmen im Haus des Priesters gefunden.

Der Fall hatte auch deshalb für Schlagzeilen gesorgt, weil ein Großteil davon bereits vernichtet wurde und somit auch der Unabhängigen Kommission nicht mehr zur Verfügung steht.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 20.09.2023 berichtet.


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