Passanten mit FFP2-Masken laufen an Weihnachtsschmuck vorbei (Foto: picture alliance/dpa | Nicolas Armer)

Sinkende Coronazahlen mit Vorsicht interpretieren

Tabea Prünte   04.12.2021 | 08:28 Uhr

Die Corona-Meldezahlen im Saarland sinken seit einigen Tagen. Allerdings ist die Inzidenz noch immer auf einem hohen Niveau. Corona-Experte Professor Thorsten Lehr warnt daher vor einem zu schnellen Aufatmen.

Seit einigen Tagen geht die Sieben-Tage-Inzidenz im Saarland leicht zurück. Zu Beginn der Woche lag sie noch knapp über 440, zum Ende der Woche ist sie auf 408,5 gesunken.

Aufgrund dieser Tendenz dürfe man sich jedoch nicht zurücklehnen, betont Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Saar-Uni im SR-Interview. Schon in der vergangenen Woche hatte er zur Vorsicht gemahnt. Denn dieser Wert sei weiterhin gefährlich hoch, so der Experte.

Hohe Inzidenz trotz Impfquote

Mittlerweile liegt die Sieben-Tage-Inzidenz zwar wieder unter dem Bundeschnitt, aber noch deutlich über der von Bundesländern wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Hamburg - alles Länder mit einer ähnlichen oder niedrigeren Impfquote als das Saarland.

Warum die Entwicklung im Saarland hier so heraussteche, ließe sich zwar nicht genau sagen, erklärt Lehr. Jedoch kamen Ende Oktober und Anfang November möglicherweise verschiedene Faktoren zusammen, die im Saarland die Inzidenz stärker ansteigen ließen als in anderen Bundesländern. Es häuften sich zum Beispiel mehrere - teils auch größere Veranstaltungen - wie Halloween, Fastnacht oder auch gut besuchte Fußballspiele. Dabei habe man sich fälschlicherweise zu sehr in Sicherheit gewogen.

Faktor Großveranstaltungen?

So teilt zum Beispiel das Gesundheitsamt des Saarpfalz-Kreises auf SR-Anfrage mit, dass es nach Halloween zu einzelnen Ausbrüchen kam, "die durch private Feiern zu erklären sind".

Eine Karnevalsveranstaltung in Hülzweiler sowie eine kleinere Halloweenparty haben im Landkreis Saarlouis zu zwei Clustern geführt, so das zuständige Gesundheitsamt.

Das Gesundheitsamt St. Wendel sieht in der Entwicklung der Fallzahlen zwei Spitzenwerte im November, die im zeitlichen Zusammenhang möglicherweise darauf hindeuten könnten, dass sich die Personen bei Halloween- oder Fastnachtveranstaltungen angesteckt haben.

Das Gesundheitsamt Merzig-Wadern hat vereinzelte Cluster im Zusammenhang mit Halloween festgestellt, unter anderem habe es in einer Disco zehn Infektionen gegeben. "Weder Halloween noch die FCS-Spiele waren im Landkreis Merzig-Wadern maßgeblich für die steigenden Zahlen verantwortlich, sie passten in die Gesamtsituation", heißt es jedoch weiter.

Ausbrüche in Schulen

Im Landkreis Neunkirchen seien keine Ausbrüche im Zusammenhang mit Großveranstaltungen aufgefallen, heißt es.

Der Regionalverband Saarbrücken weiß zwar von einzelnen Corona-Fällen, die auf Besuche im FCS-Stadion zurückzuführen seien. Das entspreche bei der hohen Inzidenz allerdings nur der zu erwartenden Wahrscheinlichkeit. Größere Ausbrüche sind nicht bekannt.

Ein Sprecher des Regionalverbandes führt den Anstieg der Fallzahlen eher auf Ausbruchsgeschehen in Schulen zurück. Dort ließe sich auch der Ursprung einer Infektion durch die regelmäßigen Tests besser ergründen. Herauszufinden, ob sich eine positiv getestete Person bei einer Großveranstaltung angesteckt hat, sei schwieriger nachzuvollziehen, da es dafür auf die Aussagen der Betroffenen selbst ankomme, die kaum nachprüfbar seien.

Zu lockere Maßnahmen im Saarland?

Für die hohen Infektionszahlen könne auch sprechen, dass die Coronaregeln im November im Saarland allgemein lockerer waren, so Lehr. Dadurch gebe es mehr Möglichkeiten für Übertragungen. "Menschen bewegen sich immer in dem Raum des Erlaubten", sagt er. "Das ist aber für das Infektionsgeschehen trotzdem keine gute Idee."

Das Saarland stach mit den Corona-Maßnahmen im Vergleich zu anderen Ländern tatsächlich teilweise heraus, zeigt ein Vergleich. In Niedersachsen mit einer etwa halb so hohen Inzidenz galt zum Beispiel in Schulen nach den Herbstferien durchgehend die Maskenpflicht. Diese Maßnahme ist im Saarland erst vor gut zwei Wochen wieder eingeführt worden. In Bremen - auch hier liegt die Inzidenz deutlich unter dem saarländischen Wert - galt im Fußballstadion 2G, während es beim FCS zwischendurch keine Zutrittsbeschränkungen gab.

Hohe Dunkelziffer?

Das Problem seien neben den gemeldeten Infektionen auch die unerkannten Fälle. "Wenn man auf die ohnehin hohen Zahlen noch eine Dunkelziffer hochrechnet, könnten das schon einige sein", schätzt der Experte ein. Auf diese hohe Dunkelziffer weise vor allem die hohe Positivrate der PCR-Tests hin, die für ein "gewisses unkontrolliertes Infektionsgeschehen stehe", so Lehr. Zu Beginn der Woche betrug sie rund 20 Prozent.

Der Experte warnt außerdem weiterhin vor der Überlastung der Gesundheitsämter. Mit dem Melden der Fallzahlen an das Robert-Koch-Institut kommen sie zwar derzeit noch hinterher - geben die sechs saarländischen Landkreise an. "Aber da die Kontaktnachverfolgung nicht mehr funktioniert, entgleitet die Situation trotz allem", schätzt Lehr.

Auf falscher Sicherheit ausgeruht?

Letztendlich glaube der Experte, dass man sich auf der vergleichsweise hohen Impfquote ausgeruht habe. Problematisch sei im vergangenen Monat vor allem die Kommunikation nach außen hin gewesen. Es habe den Schein erweckt, man habe die Pandemie im Griff. "Man hat sie nicht im Griff, das hat sich ja gezeigt. Wenn man sie im Griff hätte, wäre das ja nicht passiert. Da hat man sich auf einer falschen Sicherheit ausgeruht."

Dass es keine gute Idee sei, die Regeln zu lockern, habe er immer wieder betont. Das Problem: "Es wurde nur der Status Quo beachtet und nicht das, was noch kommen kann."

Rücklaufende Zahlen ein gutes Zeichen?

Und was kann noch kommen? Dadurch, dass die Inzidenz im Saarland die letzten Tage leicht gesunken ist, hoffen nun viele auf eine Trendwende. Trotzdem scheint die Lage hier weiterhin ernster als in anderen Bundesländern, die bereits eine niedrigere Inzidenz erreicht haben.

Saar-Professor Thorsten Lehr möchte die sinkenden Zahlen im Saarland daher nicht überinterpretieren, sondern mahnt weiterhin zur Vorsicht. "Diese stabil hohe Lage mag jetzt vielleicht nicht weiter ansteigen, aber sie reicht ja immer noch aus, dass die Krankenhäuser voll- und überlaufen." Sich auf einem konstant hohen Niveau einzupendeln, bringe keinerlei Entlastung auf den Intensivstationen. Die Inzidenz müsse deutlich stärker sinken, damit sich auch in den Krankenhäusern etwas ändert.

Die Zahl der Covid-Patienten ist in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Für Donnerstag meldete das Gesundheitsministerium 253 Covid-Patienten in saarländischen Kliniken, eine Woche zuvor waren es noch 177.

Strengere Regeln ausreichend?

Um die Patientenzahl nicht noch weiter ansteigen zu lassen, gelten im Saarland mittlerweile strengere Regeln. In Schulen wurde schon vor einiger Zeit die Maskenpflicht eingeführt, bei Veranstaltungen gilt 2G oder 2G-Plus.

Doch die Situation beschreibt Lehr weiterhin als "extrem instabiles Konstrukt, das irgendwann zusammenbricht" und wiederholt daher seine Forderung nach noch strengeren Maßnahmen, zum Beispiel einem allgemeinen Lockdown, während weiterhin der Fokus auf den Impfungen liegen sollte.

Entlastung in Sicht?

Denn es zeigen sich weitere Probleme, die das Infektionsgeschehen vorantreiben können. Lehr nennt unter anderem die fehlende Kontaktnachverfolgung der Gesundheitsämter. "Das wird auf lange Sicht nicht stabil bleiben und nicht gut gehen."

Als Entlastung sei die Entwicklung also nicht zu betrachten. "Ich sehe es vielleicht als Ruheplateauphase, die man eigentlich trotzdem nutzen sollte, um die Kontakte zu beschränken", so Lehr. "Das, was wir sehen, reicht hinten und vorne nicht, selbst wenn es real ist."

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