Rainer Petto (Foto: SR/Ulli Wagner)

"Kinder wurden einfach zum Spielen rausgeschickt"

Neuausgabe von Rainer Pettos "Ein Kind der 50er Jahre" erschienen

Ulli Wagner   07.08.2020 | 16:50 Uhr

"Ein Kind der 50er Jahre", die Autobiographie des Saarbrücker Autors Rainer Petto, ist nicht nur eine Lebensgeschichte, sondern erzählt ein Stück saarländische Zeitgeschichte, das Gefühl eines ganzen Jahrzehnts. Nun ist eine erweiterte Fassung des Buches erschienen.

Normalerweise schreibt man Erinnerungen im Alter, wenn man auf ein langes Leben zurück blickt. Bei dem Saarbrücker Rainer Petto ist das anders. Er hat schon mit 30 angefangen, die Erinnerungen an seine Kindheit in den 50ern festzuhalten. Jetzt, 40 Jahre später, in seinem 70. Lebensjahr, hat er das „alte“ Buch neu herausgebracht und mit vielen Bildern und Erläuterungen angereichert.

Buchtipp

Rainer Petto: "Ein Kind der 50er Jahre", Erweiterte Neuausgabe (Foto: Geistkirch Verlag Saarbrücken)

Rainer Petto
"Ein Kind der 50er Jahre"

Erweiterte Neuauflage
Geistkirch Verlag Saarbrücken
ISBN: 978-3-946036-00-5
12,80 Euro

"Die Welt war noch nicht so fertig"

Neuausgabe erschienen: "Ein Kind der 50er Jahre"
Audio [SR 3, Ulli Wagner, 07.08.2020, Länge: 03:02 Min.]
Neuausgabe erschienen: "Ein Kind der 50er Jahre"

Die 50er gelten als "Sandwich-Dekade", als ein Jahrzehnt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Festhalten an Altem und Streben nach Neuem. Die Welt sei noch nicht fertig gewesen, sagt Rainer Petto, der 1950 geboren wurde und in dieses Jahr seinen 70. Geburtstag feiert.

Eigentlich hatte er sich in jungen Jahren vorgenommen, nicht so zu werden wie die Erwachsenen, die immer von früher erzählten, sagt Petto. Dabei ist es wie eine kleine Zeitreise, wenn er erzählt und schreibt, wie er aufgewachsen ist in diesen 50ern, als vieles einfach kein Thema war: weder der Krieg, noch die Sexualität.

"Wie eine versunkene Epoche"

Ich merke auch, wenn ich anderen davon erzähle, die jünger sind, dann kommt es einem vor wie eine versunkene Epoche, die ewig her ist. Die Leute glauben gar nicht, dass die Sachen so waren, wie sie eben damals waren.

Zunächst hatte Petto in der Paul Schmook Straße im unteren Malstatt gewohnt - und später dann im eigenen Haus auf dem Rodenhof.

Als wir hier in dieses Haus einzogen,1954, war eigentlich das einzige technische Gerät ein Telefon. Meine Mutter hatte keine Waschmaschine, es gab natürlich keine Spülmaschine, wir hatten nicht mal einen Kühlschrank. Der Großvater, der hat immer Kreuzworträtsel gelöst und eines Tages hat er gewonnen und zwar eine Zanker Waschmaschine. Damit brach bei uns dann die neue Zeit ein.

Fortan brauchte Pettos Mutter nicht mehr anstehen für Valan, die Waschmaschine in der Tüte - ein saarländisches Produkt jener Zeit zwischen Nachkriegswehen, Rückgliederung und Wirtschaftswunder.

Liebe im Kreuzfeuer der Konfessionen

Valan oder Trolleybus, Ausdrücke jener Zeit, ebenso wie Mischehe.

Die Leute wurden schräg angesehen, wenn bei einer Heirat der eine evangelisch und der andere katholisch war.

Man wusste damals genau, wer welche Konfession angehörte.

Es gab regelrechte Kriege, die wir da ausgefochten haben mit den evangelischen Schülern. Bei der Schule hier am Rodenhof, da gab es zwei getrennte Schulhöfe -  da hat man um Gottes Willen den anderen Schulhof nicht betreten.

Traumjob Straßenkehrer

Erfrischend offen und ehrlich erzählt Rainer Petto von Gehversuchen hin zum anderen Geschlecht, von Niederlagen, weil der Pfarrer ausgerechnet ihn nie fragt, ob er denn Messe dienen will und von seiner Angst vor der Schule, die einen ganz ungewöhnlichen Berufswunsch in ihm entstehen lässt: Straßenkehrer.

Mit dem kam ich so ins Gespräch und der hat mir gefallen. Neben dem ging ich dann her, und dann dachte ich, ja, ist doch eigentlich ein schöner Beruf, das will ich, dann brauche ich nicht in die Schule zu gehen.

"Wir sind halt in Rohbauten rumgeklettert"

In seiner erweiterten  Neuauflage gibt es Fotos aus den 50ern und viele Erläuterungen, aber textlich sei alles beim Alten geblieben, sagt Rainer Petto - auch wenn ihm das manchmal schwer gefallen sei. Denn er sei vor allem mit seinen Eltern schon hart ins Gericht gegangen – damals als 30-Jähriger.

Das würde ich heute nicht mehr machen. Aber ich bin auch wieder ganz froh, dass ich das damals gemacht habe. Wenn ich das heute schreiben würde, wäre vielleicht alles milde und verklärt und nicht mehr so authentisch.

Rainer Pettos Erinnerungen klingen beinahe wie Stimme einer ganzen Generation, das Gedächtnis eines Jahrzehnts. Wie viele Kinder seiner Zeit erinnert er sich daran, dass viele Menschen damals materiell zwar wenig besessen hatten, aber dafür eine ganz große Freiheit genießen durften: 

Kinder wurden einfach zum Spielen rausgeschickt und abends kamen sie wieder und waren dann schmutzig oder hatten sich die Knie aufgefallen. Wir sind halt in Rohbauten rumgeklettert, haben in den Sandhaufen gespielt, nicht auf Spielplätzen.

Ein Thema in der Sendung "Region am Nachmittag" vom 07.08.2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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