Yvonne Schleinhege (Foto: Pasquale d'Angiolillo)

"Monate der Entscheidung stehen bevor"

Ein Kommentar zur wirtschaftlichen Lage des Saarlandes

Yvonne Schleinhege   03.09.2022 | 12:00 Uhr

Die unsichere Lage bei Ford in Saarlouis und die mögliche Ansiedlung von Svolt in Überherrn sind nur zwei von vielen wirtschaftlichen Entscheidungen, die in den nächsten Monaten im Saarland bevor stehen. Wo steht die Saar-Wirtschaft aktuell? Dazu die Meinung von SR 3-Wirtschaftsredakteurin Yvonne Schleinhege.

Sommerpause, Werksferien – das klingt nach Durchatmen, runterkommen. Den Beschäftigten von Ford dürfte das in ihrem Werksurlaub kaum gelungen sein. Zu groß die Wut auf ihren Arbeitgeber, zu existenziell die Sorgen.

Daran werden die schwer optimistischen Töne aus der Landesregierung in diesen Tagen nur wenig geändert haben. Der Wirtschaftsminister und die Ministerpräsidentin sprechen von einem großen Interesse an dem Werk in Saarlouis. Mag man ihnen Glauben schenken, stehen Autobauer aus Ost oder West bereits in den Startlöchern, um schnellstmöglich ein E-Auto „Made in Saarlouis“ zu produzieren.

Natürlich klingt auch bei ihnen durch, nicht alle Jobs werde man retten können, das Ansiedlungsgeschäft ist hart, die Konkurrenz groß. Trotzdem hat die fast schon demonstrativ zur Schau gestellte Zuversicht bei vielen für Verwunderung gesorgt. Schließlich hatte die Landesregierung kurz vor der Entscheidung gegen Saarlouis auch Optimismus verbreitet, wo es eigentlich wenig Anlass gab.

Auch deshalb hat der Betriebsratsvorsitzende in dieser Woche die Euphorie etwas gebremst, die Beschäftigen auf einen harten Kampf vorbereitet. Die Stimmung im Werk sei schlecht, der Krankenstand hoch, heißt es, die Arbeitsmoral lasse nach. Das ist persönlich nachvollziehbar und allzu menschlich. Denn auch wenn der Wirtschaftsminister am kommenden Dienstag informieren will, was Stand der Dinge ist, bis eine Entscheidung steht, was in Saarlouis passieren wird, wird es Winter werden.

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"Monate der Entscheidung stehen bevor": Ein Kommentar zur wirtschaftlichen Lage
Audio [SR 3, Yvonne Schleinhege, 03.09.2022, Länge: 03:13 Min.]
"Monate der Entscheidung stehen bevor": Ein Kommentar zur wirtschaftlichen Lage

Die kommenden Monate, werden entscheidend sein, nicht nur für die Zukunft der Beschäftigen von Ford. Auch ob die Ansiedlung von Svolt in Überherrn gelingt, soll und muss sich wohl noch in diesem Jahr entscheiden. Doch der Prozess läuft mehr als schleppend. Die letzte Sitzung des Gemeinderats war mehr als denkwürdig, hat gezeigt wie wackelig die politischen Mehrheiten sind. Und die Wochen der Dürre und die plötzlich allerorten greifbare Sorge um das Trinkwasser dürften eher die Zweifel der Zweifler mehren.

Und Svolt selbst gibt sich wenig auskunftsfreudig. Plant nun offenbar sich auch in Brandenburg anzusiedeln. Bestätigt hat das Unternehmen dies nicht, nur so viel: man sei nicht auf der Suche nach einem Alternativstandort zu Überherrn.

Und auch im Wirtschaftsministerium gibt man sich äußerst gelassen. In der kommenden Woche soll es mehr Informationen auch in dieser Sache geben – entscheidend werden aber auch hier die kommenden Monate. Vielleicht muss man angesichts dieser Lage, rund um Svolt und Ford, auch von Schicksalsmonaten für die Saar-Wirtschaft sprechen – jetzt im Herbst und Winter.

Und beileibe, Svolt und Ford sind nicht die einzigen wirtschaftspolitischen Baustellen. Bei ZF in Saarbrücken sind die Arbeitsplätze auch nur bis 2025 gesichert, der Einstieg in die E-Mobilität muss erst noch geschafft werden. Die Transformation stellt auch die vielen kleineren Autozulieferer vor gigantische Herausforderungen. Und die Stahlindustrie im Land wartet auf Fördermittel damit der Umbau zu CO2 neutralerem Stahl beginnen kann, auch hier ist die Politik gefordert.

Hinzu kommt: in der seiner wirtschaftlichen Entwicklung ist das Saarland seit Jahren vom Bundestrend abgehängt. Die aktuelle Energiekrise schlägt in der so energie-abhängigen Saar-Wirtschaft mit voller Wucht zu. Die Lieferketten schon seit Monaten teils unterbrochen. Rezession, also eine in ihrer Ganzheit schrumpfende Wirtschaft, heißt das Gespenst dieser Tage. (Und das im Saarland, wo in den vergangenen Jahren ohnehin schon wenig mit Wachstum war.)

Und selbst wenn zum Jahresende die Causa Svolt und Causa Ford in irgendeiner Form gut ausgehen – angesichts der aktuellen Wirtschaftslage bleibt den politisch Verantwortlichen vielleicht Zeit mal kurz Luft zu holen, aber nicht um Durchzuatmen.

Ein Thema in der Sendung "Region am Mittag" am 03.09.2022 auf SR 3 Saarlandwelle.

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