Der Wasserstreit in Vittel

Der Wasserstreit in Vittel

Stefanie Otto   18.02.2019 | 16:30 Uhr

Das französische Thermalbad Vittel in den Vogesen ist seit jeher für seine heilenden Quellen bekannt und lockte früher Kurgäste aus aller Welt an. Heute kennt man Vittel eher von den Plastikflaschen, die der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé dort abfüllt und in die ganze Welt exportiert, auch nach Deutschland. Doch das Wasservorkommen im Untergrund schwindet dramatisch.

Video (18.02.2019)
Wir im Saarland - Grenzenlos
Der Streit um das Grundwasser in Vittel ist auch Thema in "Wir im Saarland - Grenzenlos" am 18. Februar um 18.50 Uhr im SR Fernsehen

Noch sprudelt die Quelle von Vittel für alle. Am öffentlichen Brunnen der 5000-Einwohner-Stadt kann sich jeder für den Eigenbedarf damit eindecken. Die Bewohner des Kurortes sind stolz auf ihr reines Trinkwasser. Auch das normale Leitungswasser der Gemeinde stammt aus denselben wasserführenden Schichten wie das Wasser, das Nestlé hier abfüllt. Seit 1992 besitzt der Schweizer Lebensmittelkonzern die Lizenz zur Vermarktung des Wassers. Mit 1000 Angestellten ist er der größte Arbeitgeber und ein starker Steuerzahler in der Region. Der Konzern profitiert vom Image des Kurortes und exportiert die Marke Vittel - vor allem nach Deutschland.

Jahr für Jahr sinkt der Wasserspiegel

Doch die wertvolle Ressource ist bedroht. Der Wasserspiegel sinkt seit Jahrzehnten um 30 Zentimeter jährlich. Daher wurde 2010 eine Wasserkommission eingesetzt, um eine Lösung zum Ausgleich des Defizits zu erarbeiten. Allein mit Einsparungen war das nicht zu schaffen.

Wasserkommission schlägt Pipline aus dem Nachbarort vor

Régine Bégel, die Vorsitzende der Wasserkommission, rechnet vor, wie es künftig gehen soll: „Insgesamt drei Millionen Kubikmeter Wasser werden pro Jahr entnommen. Zwei Millionen werden durch Regen wieder aufgefüllt. Bleibt ein Defizit von einer Million Kubikmeter. Unsere Lösung: Wir holen das Wasser von woanders her, sobald die nötigen Gutachten vorliegen.“

In der Wasserkommission sitzen örtliche Vertreter aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. 38 der 46 Mitglieder stimmten im Sommer für eine 15 Kilometer lange Pipeline, die die Anwohner künftig mit Trinkwasser aus dem 15 Kilometer entfernten Ort Valfroicourt versorgen soll. Diese Pläne stoßen bei Verbraucher- und Naturschützern auf harte Kritik. Sie fürchten, dass Nestlé sich damit den alleinigen Zugang zu den Wasservorkommen im Untergrund sichern will.

Pipeline-Gegner befürchten Schäden für das gesamte Ökosystem

Anwohner Bernard Schmitt vom „Collectif Eau 88“ sieht damit das gesamte Ökosystem gefährdet. „Es dreht sich hier nicht um einen einfachen Brunnen. Es geht um einen Ökozid! Bald wird der Südosten der Vogesen ausgetrocknet werden, so wie es schon heute hier im Südwesten geschieht. In zehn Jahren wird die Pipeline nicht mehr reichen. Dann wird man wieder zehn Kilometer weitergehen und pumpen. Deshalb sagen wir: Halt! Es reicht!“

Eine entsprechende Internet-Petition der Pipeline-Gegner hat bereits über 100.000 Unterstützer. Aufregung gab es auch bei der Bürgerversammlung am 14. Februar, auf der das Vorhaben noch einmal zur Debatte stand.

Viele Teilnehmer sind wütend auf die Verwaltung, weil Nestlés Lizenz zum Abfüllen trotz Defizit immer wieder verlängert wurde. Die Entscheidung darüber – wie auch für oder gegen die Pipeline – liegt am Ende beim Präfekten, der sich jedoch nicht gegenüber dem SR äußern wollte.

Konzern verteidigt Trinkwassernutzung

Bei Nestlé verteidigt man die wirtschaftliche Nutzung. Hervé Levis, Standortleiter von Nestlé Waters Vosges: „Es gibt keine Privatisierung des Wassers. Uns gehören weder die Bohr-Brunnen noch die wasserführende Schicht. Die gehört allen", sagt er. "Wir wollen nur zu einer Lösung beitragen, damit die Region und die Menschen hier weiter leben können und eine interessante und für alle strahlende Zukunft haben.“

Umliegende Gemeinden befürchten Folgen für die Landwirtschaft

Östlich von Vittel, wo der Brunnen für die Pipeline gebaut werden soll, sieht man das anders. Die Gemeinden ringsherum haben nichts vom Wassergeschäft. Sie leben vor allem von der Landwirtschaft. Seit die dortigen Bürgermeister im letzten Sommer von den Plänen erfahren haben, treffen sie sich regelmäßig, um sich gegen die Pipeline zu wehren. Sie appellieren an alle Gemeinden des Départments zu protestieren und werden von Mal zu Mal mehr. Dabei berufen sie sich auf das Wassergesetz, das der Bevölkerung Vorrang bei der Versorgung einräumt. „Wir befürchten, dass die kommenden Generationen Probleme mit der Wasserversorgung bekommen werden", sagt Gérard Grépinet, Bürgermeister von Valleroy-aux-Saules.

In Vittel und Umgebung gibt es also nicht nur das Problem, dass das Wasser im Untergrund immer weniger wird. Der Umgang mit dem Defizit zeigt auch, dass wachsende Teile der Bevölkerung sich nicht von der Politik gehört fühlen.

Über dieses Thema wurde auch in der "Region am Nachmittag" am 18.02.2019 auf SR 3 Saarlandwelle berichtet.

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