"In radikalen Szenen werden solche Taten direkt heroisiert"

"In radikalen Szenen werden solche Taten direkt heroisiert"

Interview: Simin Sadeghi / Andreas Zick   22.09.2021 | 15:40 Uhr

In ganz Deutschland löst die Tat von Idar-Oberstein Entsetzen aus. Im Netz wird sie stellenweise dagegen sogar bejubelt, von Rechten und auch von Querdenkern. Am Samstag hat ein 49-Jähriger einen 20-Jährigen nach einem Streit in den Kopf geschossen. Und dabei ging es um ein kleines Stückchen Stoff, um einen Mundschutz. Das ist aber längst zum Sinnbild für Hass und Aggressionen geworden ist. Wie kann es zu solchen Taten kommen? Eine Analyse mit dem Psychologen und Konfliktforscher Andreas Zick.

Ist diese Tat die Kurzschlussreaktion eines Einzelnen oder Zeichen der Radikalisierung der Querdenker-Szene?

Zunächst ist es keine Kurzschlusshandlung, denn der Täter hat die Tat geplant. Nach dem ersten Besuch in der Tankstelle hat er sich eine Waffe besorgt und dann getötet. Strafrechtlich ist es die Tat einer einzelnen Person.

In der Forschung wird nicht mehr von Einzeltaten geredet. Die Tat erfolgt in einem Radikalisierungsprozess. Der Täter hat seine Verbindungen, seine Ideologie. Die Vorstellung "für das Volk getötet" zu haben bekommt er aus bestimmten Milieus, Szenen und Gruppen.

Da gibt es Wechselwirkungen zwischen den Gruppen und der einzelnen Person. Das Bild vom "Lonely Wolf" (vom einsamen Wolf) hilft da nicht mehr weiter. Auch wenn Einzelpersonen in Netzwerken sich individuell vornehmen zu töten, wie etwa in Hanau.

Seit Monaten hören wir ja schon, dass Menschen regelmäßig ausrasten, wenn Sie gebeten werden ihre Masken aufzusetzen - zum Beispiel in Bus und Bahn. Wieso kochen gerade bei Themen wie Coronaregeln und Impfungen die Emotionen und Aggressionen so hoch?

Sie wurden sehr schnell politisiert. Der Mundschutz wurde auf den Corona-Protesten sehr schnell zu einer politischen Ideologie gemacht. Das ist eine symbolische Handlung für die Protestbewegung.

Das sind aber nicht alle. Da sind ja auch friedlich gesinnte Menschen dabei, die zweifeln, die Kritik an der Impfung haben. Aber in Teilen werden dann sehr schnell Feindbilder geteilt, wer dafür verantwortlich ist, dass ihre Freiheit beschränkt wird. Mundschutz zu tragen, das Einhalten von Regeln auch bei Protesten wird als illegitim betrachtet, und das ist Teil dieser Radikalisierung.

Welche Veränderungen haben Sie während der Coronazeit bemerkt - Werden die Menschen aggressiver?

Sie werden in Teilen aggressiver. Die Bewegung insgesamt ist nicht sehr viel größer geworden. Aber innerhalb der Bewegung haben sich Zellen ausgebildet, radikale Milieus, dadurch dass die Maßnahmen so lange angedauert haben und auch immer wieder geändert wurden, konnten neue Menschen rekrutiert werden.

Seit vergangenen Sommer, als es die großen Proteste gab, ist zunehmend die Idee zu beobachten, "Widerstand" zu leisten. Das geht bis in die Mitte der Gesellschaft. Laut großen Umfragen etwa Anfang des Jahres teilt jede fünfte Person die Idee, es sei Zeit, Widerstand zu äußern. Und das hat die Aggression erleichtert.

Seit 2020 beobachten wir signifikante, überzufällige Anstiege von Gewalthandlungen rund um die Proteste. Und wir beobachten eine Radikalisierung im Netz: Kampagnen gegen Personen, Feindbilder, Verschwörungsmythen. Letztere waren von Beginn an sehr aggressiv. Sie enthielten schon die Feindbilder der Personen und Gruppen, die anzugreifen sind. Das haben wir unterschätzt.

In einigen sozialen Netzwerken wird die Tat bejubelt. Das kann man sich kaum vorstellen. Warum machen Menschen das? Da ist immerhin jemand getötet worden.

Da merken Sie, dass bestimmte Grundwerte und Normen weggebrochen sind. Das Opfer wurde vom Täter ja auch de-humanisiert. Es war vollkommen willkürlich. Wir haben im Bereich des Terrors und der Radikalisierung immer wieder die gleiche Bewegung: Es wird versucht, den Täter und die Tat zu rechtfertigen. Dazu braucht man einen neuen Mythos: den Heldenmythos. In radikalen Szenen werden solche Taten direkt heroisiert. Genau diese Reaktion zeigt, dass wir es mit einem sehr schwierigen, riskanten und gefährlichen Radikalisierungsphänomen zu tun haben.

Was glauben Sie, was passiert, wenn jetzt zum Beispiel der Druck auf Ungeimpfte wächst?

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich neue Menschen radikalisieren und rekrutiert werden, hat zugenommen. Um so mehr kommt es darauf an, dass die Vermittlung dessen, was notwendig ist, als Pandemieschutz, raus kommt aus dem politischen Raum, raus aus der Ideologisierung.

Was kann man denn tun, dass Corona die Menschen nicht noch weiter spaltet?

Wichtig ist jetzt ein Zukunftsszenario: Wann hören die Corona-Regeln auf? Dann: Gesetze und Regeln dürfen nicht so leicht ideologisierbar sein. Darum muss das besser erklärt werden. Es muss auch eine viel besser Prävention geben gegen all die Feindbilder, die in den Netzwerken kursieren. Auch eine Art "digitale soziale Arbeit". Wir müssen Menschen ansprechen, die Zweifel haben, und die sich in die Richtung der Radikalisierung bewegen. Die müssen wir suchen, anhören und unsere Argumente dagegen setzen.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Region am Nachmittag" auf SR 3 Saarlandwelle am 22.09.2021 berichtet.

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