Sonderausstellung Saarland. Eine europäische Geschichte (Foto: Historisches Museum Saar)

"Das Saarland wäre der erste europäische Staat gewesen"

Interview Simin Sadeghi / Paul Burgard   25.07.2020 | 11:55 Uhr

Wäe es so gekommen, wie der deutsche Bundeskanzler Adenauer und der französische Präsident de Gaulle es geplant hatten, wäre das Saarland das heutige Brüssel, der Mittelpunkt Europas, dort, wo alle Fäden zusammenlaufen. Vor genau 75 Jahren wurde dieses europäische Projekt angestoßen. Ganz Deutschland war damals noch in Besatzungszonen eingeteilt, und das Saarland sollte daraus ausgeklammert werden. Doch es kam anders.

"Das Saarland wäre der Prototyp für Europa gewesen."
Audio [SR 3, Interview Simin Sadeghi / Paul Burgard, 25.07.2020, Länge: 04:05 Min.]
"Das Saarland wäre der Prototyp für Europa gewesen."

Adenauer und de Gaulle wollten vor allem eine Beendigung der Nachkriegsordnung, sagt Dr. Paul Burgard vom saarländischen Landesarchiv. Das Saarstatut, das die beiden ausgehandelt haben, beziehungsweise der französische Premierminister Pierre Mendès-France, sollte den Schlussstein dieser Friedensordnung setzen. Der Prozess dazu begann am 25. Juli 1945. Hätten die Saarländer sich für das Saar-Statut entscheiden, wäre das Land damit auf besonderen europäischen Weg geführt worden.

MIt dem Saarland sollte zum ersten Mal ein integrierter Weg zu Europa gegangen werden. Es sollte seine außenpolitische Autonomie aufgeben und dabei aber innenpolitisch autonom bleiben. Das Saarland wäre ein Prototyp gewesen für Europa. Und darum ging es den Machern damals auch tatsächlich. Als über das Saarstatut abestimmt wurde, 1955, war Europa ja nur in Anfängen vorhanden.

Das Saarland wäre dann erste europäische Staat gewesen, der auf eine Art und Weise verfassungsmäßig konstituiert gewesen wäre, wie der Rest Europas heute noch nicht ist. Quasi ein föderaler Staat Europas.

"Eine schöne politische Vision"

Es hatte sich aber gezeigt, wie die Mentalität der Menschen und der Staaten doch sehr viel langlebiger ist, als man vielleicht erträumt hatte nach dem Zweiten Weltkrieg, so Burgard. Man habe damals gedacht , das Zeitalter der Nationalstaaten sei vorbei, sagte Burgard. Dieses habe ja unendlich viel Krieg und Leid über Europa gebracht. "Aber dieser Weg, den man damals zu gehen versuchte, war visionär, vielleicht zu visionär für die Zeit." Das zeige das Selbstverständnis, mit dem die Saarländerinnen und Saarländer 1955 das europäische Referendum abgelehnt haben, ohne überhaupt zu konkret zu wissen, was sich dahinter tatsächlich verbarg.

Hätte es geklappt, wäre die gesamteuropäische Integration nach Auffassung von Burgard schon ein ganzes Stück weiter. Die europäischen Staaten könnten auf eine ganz andere Art und Weise kooperieren. Und es gebe nicht mehr solche Ausfälle, wie derzeit bei der Corona-Krise. Es sei aber, meint Burgard, eine schöne politische Vision gewesen.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Region am Mittag" auf SR 3 Saarlandwelle am 25.07.2020 berichtet.

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