Organspendeausweis (Foto: Marie Reichenbach/dpa)

„Als Verpflichtung darf es nicht kommen“

  26.06.2019 | 12:47 Uhr

Im Bundestag wird heute über eine Reform der Organspende debattiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schlägt eine Widerspruchslösung vor. Menschen, die ihre Organe nach dem Tod nicht spenden wollen, müssten dies also zu Lebzeiten ausdrücklich ablehnen. Die Saarländerin Pia Gehlen lehnt diese Lösung ab.

Gehlen war in der Vergangenheit selbst mehrfach auf Spenderorgane angewiesen. Von den Plänen Spahns hält sie aber nicht viel, wie sie im SR3-Interview verrät, „weil es dann keine Spende mehr wäre, sondern eine Verpflichtung“. Dieser Umstand führe immer zu einer Hemmschwelle. Viele bisherige Organspender, berichtet sie, hätten damit gedroht, ihren Organspendeausweis wegzuwerfen, wenn die Widerspruchslösung kommen sollte. „Als Verpflichtung darf es nicht kommen.“

Jeder muss sich das überlegen

Organspende: Gehlen gegen Widerspruchslösung
Audio [SR 3, Gerd Heger, 26.06.2019, Länge: 03:55 Min.]
Organspende: Gehlen gegen Widerspruchslösung

Es gebe, so Gehlen, keine moralische Verpflichtung zur Organspende. „Jeder Mensch muss sich das selbst überlegen, ob er spenden möchte, ob er dieses Procedere durchstehen kann.“ Das Verfahren sei belastend, vor allem auch für die Angehörigen. „Ich glaube nicht, dass man da einfach eine Nichtaussage, eine stumme Einwilligung quasi, für eigene Organe hinzuziehen kann.“

Gehlen vergleicht die Organspende mit einem Nachlass. Man helfe nicht aktiv selbst, sondern ein Ärzteteam halte den Organspender am Leben. Dass sich Menschen zur Organspende bereit erklären, begrüßt sie ausdrücklich. „Aber ich wusste auch immer, damals war es halt so: Es waren immer Leute, die das freiwillig gemacht haben und die einen Organspendeausweis hatten.“

Keine Verzweiflung wegen Wartezeiten

Verzweiflung wegen langer Wartezeiten sei bei ihr nicht aufgekommen. Die sei eher bei Angehörigen zu finden. „Ich hatte das große Glück, dass es bei mir relativ schnell ging, und mir haben die Kliniken immer geholfen.“

Statt einer Widerspruchslösung schlägt Gehlen vor, die Organspende breiter zu bewerben. Auf gar keinen Fall dürfe es aber Einverständniserklärungen geben, die man „irgendwo mal schnell“ auf einem Bürgeramt oder einer Führerscheinstelle unterzeichnen könne. Man müsse sich schon mit dem Thema beschäftigen, was mit einem passiert. „Sterben ist ein Prozess. Man muss sich überlegen: Wird man damit fertig? Werden die Angehörigen damit fertig, wenn sie sich in einer solchen Ausnahmesituation nicht in der Form verabschieden können, sie sie es sich wünschen oder vorgestellt haben?“

Kritik an „moralischer Forderung“

Besonders missfällt Gehlen an Spahns „moralischer Forderung“ die Unterstellung, sozial nicht kompetent zu sein, wenn man seiner Forderung nicht nachgebe. Wenn Spahns Vorschlag durchgehe, „dann sind wir nicht weit entfernt von ‚Soylent Green‘, diesem alten Science-Fiction-Film, der im Jahr 2022 spielt und in dem Menschen zu Keksen verarbeitet werden.“

Über dieses Thema hat auch die SR3 Region am Mittag vom 26.06.2019 berichtet.

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