Kommentar: "Das Virus lässt sich nicht wegtesten, Herr Ministerpräsident"

"Das Virus lässt sich nicht wegtesten, Herr Ministerpräsident"

Thomas Gerber   19.04.2021 | 16:00 Uhr

Am Samstagmittag hat die Landesregierung bekannt gegeben: Die Corona-Ampel im Saarland bleibt erst einmal auf Gelb - trotz angespannter Lage. Dazu ein Kommentar von Thomas Gerber.

Das Saarlandmodel - seine Befürworter loben es gerne als "mutigen Schritt". Endlich mal ein Pandemiemanagement mit Rückkehrperspektive zur Normalität und scheinbar klaren Vorgaben.

Bei den einzelnen Ampelphasen wollte sich das Kabinett von virologischem, intensiv- und notfallmedizinischem Sachverstand beraten lassen. Genau das geschah - und oh Wunder - nicht anders als anderswo schlugen die Experten Alarm. Die bei der Ampel für Rot notwendige Voraussetzung "drohende Überlastung des Gesundheitswesen" sei gegeben.

Saarland "verschärft" gelbe Ampel-Phase
Testpflicht und Kontrollen werden ausgeweitet
Die Landesregierung belässt die Corona-Ampel im Saarland auf Gelb, verschärft jedoch einige bestehende Regeln. Es soll noch mehr Tests und auch Kontrollen geben.

Der Bericht der Expertengruppe ließ eigentlich keinen Interpretationsspielraum zu, den das Gesundheitsministerium dann aber dennoch nutzte. Die Ampel könne übers Wochenende gelb bleiben, empfahl das Haus Bachmann. Sei doch der R-Wert etwas besser als bundesweit und auch noch Platz auf Intensiv.

Ein Ritt auf der Rasierklinge und eine rein politische Entscheidung. Aus politischem Mut aber wird bekanntlich schnell Übermut, genau dann, wenn man sich nicht an eigene Vorgaben hält.

Experten und nicht Politiker sollten die Lage beurteilen, deren Analyse aber schlug das GroKo-Kabinett in den Wind. Mit offensichtlich schlechtem Gewissen und dem Appell, sich natürlich weiter an die Auflagen zu halten und noch mehr zu testen.

Einsatzkräfte mit Flaschen beworfen
Massive Corona-Verstöße am St. Johanner Markt
In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben auf dem St. Johanner Markt 400 bis 500 Personen gefeiert. Die Polizei hatte nach eigenen Angaben alle Hände voll zu tun, um dem Treiben Einhalt zu gebieten. Besonders eine Gruppe von Fußballfans habe sich aggressiv gegenüber den Einsatzkräften verhalten.

Das Gelb-Signal zum Wochenende jedoch blieb fatal. Auf dem St. Johanner Markt trafen einige Hundert Feierwütige auf ein paar Dutzend Querdenker und FCS-Promillos - bei geschlossener Außengastronomie wäre es zu diesen Szenen und Übergriffen auf die Polizei nicht gekommen. Und all das nur, weil ganz offenbar unser Ministerpräsident sein Gesicht wahren und weiterhin den Heilsbringer geben will. Wenn, dann stellt die Merkelsche Bundesverordnung die Saarland-Ampel auf rot.

Das Virus lässt sich nicht wegtesten, Herr Ministerpräsident. Die Zahl der positiven Schnelltests liegt im Promillebereich, das hilft durchaus bei der Entdeckung von Asymptomatischen, ist aber kein Haupttreiber der Inzidenz. Schnelltests sind unsicher, führen dazu, sich in falscher Sicherheit zu wähnen. Die Randalierer auf dem St. Johanner Markt - ob die getestet waren? Vermutlich eher nicht.

Die gelbe Ampel hat mit zur Chaos-Nacht auf dem Markt beigetragen. Die Ampel auf Gelb zu belassen, zugleich die Corona-Toten zu betrauern und ins "Team Vorsicht" von Markus Söder zu wechseln - Schlagzeilen unseres Ministerpräsidenten vom Wochenende, die, um es freundlich zu formulieren, von einer bemerkenswerten geistigen Flexibilität zeugen.

Wir brauchen endlich eine nachvollziehbare Pandemiepolitik und keine, die der eigenen Eitelkeit fröhnt. Und wir brauchen eine Wissenschaft, die nicht in Expertenrunden intern Tacheles redet, sondern sich von falscher Ampelschaltung dann auch klar und öffentlich distanziert. Der hippokratische Eid verpflichtet sie dazu.

Ein Kommentar von Thomas Gerber

Ein Thema in der "Region am Nachmittag" am 19.04.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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