Eine Frau geht mit ihrem Fahrrad an zerrissenen Wahlkampfplakaten mit dem amtierenden Präsidenten Macron (l) und seiner Herausforderin Le Pen vorbei. In der zweiten Runde der französischen Präsidentschaftswahl am 24.04.2022 treten der proeuropäische Amtsinhaber Macron und die rechtsnationale Le Pen gegeneinander an. (Foto: picture alliance/dpa/AP | Michel Euler)

"Macrons Politik muss sozialer werden"

Lisa Huth   25.04.2022 | 16:30 Uhr

Der Sieg war deutlich für Emmanuel Macron, aber weniger deutlich als vor fünf Jahren. Macron bleibt zwar Präsident, trotzdem feiert Marine Le Pen den Wahlausgang als einen Sieg. Und das ist nicht aufgesetzt, meint SR-Frankreichexpertin Lisa Huth. Ein Kommentar.

Marine Le Pen hatte eigentlich nur Pech, und zwar doppelt: Zum einen tauchte rechts von ihr noch ein Kandidat auf, Eric Zemmour. Hätte der ihr die Stimmen nicht abgejagt, hätte Le Pen im ersten Wahlgang weit vor Macron gelegen.

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Kommentar: "Macrons Politik muss sozialer werden"
Audio [SR 3, Lisa Huth, 25.04.2022, Länge: 02:25 Min.]
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Ein Kommentar von SR-Frankreichexpertin Lisa Huth.

Dann der russische Krieg gegen die Ukraine, der gezeigt hat, zu welchen Gräueltaten der Autokrat in Moskau fähig ist. Le Pen hatte ihre Wahltrakte ursprünglich unter anderem mit einem Foto geschmückt, das sie Händeschüttelnd mit Putin zeigt. Und als Le Pen dann bei einer Pressekonferenz offen legte, dass sie vor allem bei der militärischen Zusammenarbeit mit Deutschland brechen will und Europa so umbauen möchte, dass davon nicht mehr viel übrig bleibt, wurde vielen klar: Gemeinsam mit den EU-Ländern Ungarn und Polen, die ihren Rechtsstaat unterhöhlt haben, könnte Frankreich im Falle von Le Pens Wahl Europa im Sinne Putins von Innen sprengen.

Viele an der Grenze wählten Le Pen

Was in Deutschland nicht so bekannt ist: Die Franzosen und Französinnen sind deutlich europaskeptischer als die Deutschen. Aber das war selbst den Franzosen zu viel.

Dennoch wählten viele in Grand Est und ausgerechnet an der Grenze zum Saarland Marine Le Pen. Hier ist eine Aufgabe für Emmanuel Macron: Einfach mal herkommen, sich anhören, wo den Menschen der Schuh drückt. Und dann im fernen Paris Entscheidungen treffen, die auch für die Menschen hier an der Grenze nützlich sind: mehr ÖPNV, Belebung der Innenstädte, Wirtschaftsförderung und Ansiedlungspolitik.

Deutsch-französische Zusammenarbeit sieht anders aus

Für Deutschland gibt es auch eine Aufgabe: Marine le Pen hatte nämlich Recht. 100 Milliarden Euro steckt Scholz in die Rüstung – und kauft als erstes 35 F35-Flugzeuge aus den USA. Quer durch alle Medien hallte das Wort Rafale nach: Diese französischen Jagdflieger hätte Deutschland kaufen sollen. Deutsch-französische Zusammenarbeit, europäischer Zusammenhalt sieht anders aus. Scholz sollte sich jetzt mal länger mit Macron zusammensetzen und ihm zuhören. Der Mann hat gute Ideen für ein starkes Europa, was auch wieder für Deutschland wichtig ist.

Macrons Politik muss sozialer werden

Dreimal ist Marine Le Pen bei Präsidentschaftswahlen angetreten. Seit 2012 ist sie von 18 auf 42 Prozent gestiegen. Wenn Macron seine Politik nicht sozialer macht, und die Deutschen das deutsch-französische Verhältnis weiter schleifen lassen, dann wird der Ausgang der nächsten Wahl in fünf Jahren weder Pech noch Zufall sein.


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