Kommentar: "ÖPNV ist und bleibt Daseinsvorsorge"

"ÖPNV ist und bleibt Daseinsvorsorge"

Stephan Deppen   01.07.2021 | 12:30 Uhr

Am 1. Juli ist die neue Tarifstruktur für den saarländischen öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Kraft getreten. Insbesondere Abonnenten sollen mit günstigeren Monatskarten angelockt werden. Veränderungen bei Verbindungen und Taktung sollen erst mit der Umsetzung des Verkehrsentwicklungsplans erfolgen. Mit den neuen Tarifen aber ist der erste wichtige Schritt für mehr Attraktivität im Saarländischen ÖPNV getan - sagen jedenfalls Verkehrsministerium und Verkehrsbetriebe. Ist das tatsächlich so? Dazu ein Kommentar von Stephan Deppen.

Eines vorweg: Ja, ich finde die neue Tarifstruktur gut. Sie ist übersichtlich und bietet gegenüber zuvor den großen Vorteil, dass die Abos saarlandweit gültig sind.

Neue Preise für Bus und Bahn ab 1. Juli
ÖPNV-Tarife im Saarland jetzt günstiger
Am 1. Juli ist die lang erwartete Tarifreform im saarländischen ÖPNV in Kraft getreten. Besonders die Fahrgäste Monats- oder Jahreskarten können in Zukunft Geld sparen. Auf diese Weise sollen wieder mehr Leute in Busse und Bahnen nehmen.

Speziell auf Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende abgestimmte Abos, dazu die günstigeren 9.00 Uhr- Abos für alle, die nicht morgens früh raus müssen. Das ist durchdacht und tatsächlich geeignet, neue Abo-Kunden zu gewinnen.

Dass die einzelne Fahrt immer noch vergleichsweise teuer ist: geschenkt. Es gibt die Tageskarte, dann sieht es schon wieder günstiger aus.

Die Stoßrichtung der Reform ist richtig: Dauerkunden gewinnen, um tatsächlich eine ökologisch und mit den neuen Preisen auch ökonomisch schlagkräftige Alternative zum Auto zu bieten.

Doch jetzt wird es schwierig: Diese Alternative darf nicht nur über den Preis, sondern muss zwingend auch über die Qualität des Angebotes funktionieren. Und da hapert es noch gewaltig. Erst mit dem Verkehrsentwicklungsplan wird es fundamentale Änderungen geben. Vielleicht, denn wirklich beschlossen ist ja noch nichts. Insofern ist Teil eins der Reform - die Tarifstruktur - geglückt. Teil zwei der Reform - das bessere Angebot - noch ein ungedeckter Scheck.

Die politische Aussage, zu prüfen, welche Bahnstrecken reaktiviert werden können, liegt vor. Was aber wirklich umgesetzt wird, und vor allem wann: offen.

Das Bekenntnis, die Saarbahn auszubauen, liegt vor. Ob das passiert: auch offen. Die nicht mal zwei Kilometer vom Römerkastell in Saarbrücken bis nach Neuscheidt zu bauen, haben die Verantwortlichen ja zwanzig Jahre nicht zuwege gebracht, obwohl die Zuschüsse aus Berlin zugesagt waren. Insofern bin ich skeptisch, ob das, was im Verkehrsentwicklungsplan benannt ist, auch tatsächlich umgesetzt wird. Drei Szenarien gibt es, Stufe eins ist gesichert, sieht aber eben keine Reaktivierungen vor. Das Land strebt Stufe drei an - mit Investitionen in Höhe von 355 Millionen Euro und jährlichen Betriebskosten von 25 Millionen. Na, dann mal los: Das geht nur mit Geld aus Berlin. Um dafür gewappnet zu sein, werden alle Bahn-Reaktivierungen in einer Studie genau unter die Lupe genommen. Das ist gut, der Ausgang aber auch offen.

Was ohne Geld und gute Worte aus Berlin zu ändern wäre, ist die Struktur des ÖPNV - wenn man denn wollte. Die Verkehrsministerin will jetzt keine Strukturdebatte, hat sie gesagt, sondern mit der Tarif-Reform konkret handeln. Nur: 2016, beim damals neuen ÖPNV-Gesetz, wollte sie auch nicht über die Struktur reden, sondern es bei über zehn Anbietern plus Ministerium plus Verkehrsverbund belassen. Aber auch diese Struktur kostet Geld, eine einzige ÖPNV-Gesellschaft für das ganze Land wäre sehr viel sinnvoller als das streitbehaftete Klein-Klein, das derzeit vieles verhindert.

ÖPNV ist und bleibt Daseinsvorsorge - eine staatliche Aufgabe, deren Erledigung derzeit aber allzu oft an den finanziellen Möglichkeiten scheitert. Auf Dauer wird es nicht gehen, dass etwa der Ausbau der Saarbahn finanziell am Kunden der Saarbrücker Stadtwerke hängen bleibt.

Und was ist mit der Anbindung von Gewerbegebieten, der Busfrequenz am Wochenende auf dem Land, der Taktung der Busse in der Stadt?

Im Kleinen brauchen wir schnell Verbesserungen, damit die durchdachte Tarifreform auch wirklich zum Tragen kommen kann, damit die, die wollen, auch mit dem ÖPNV tatsächlich ans Ziel kommen.

Letztlich aber müssen wir alle uns einen Ruck geben: Warum nicht einfach mal für 18,90 Euro eine Tageskarte kaufen und zu fünft das ganze Saarland erkunden? Ohne Auto? Preislich attraktiv ist es jetzt - aber planen Sie gut, damit Sie nicht mangels Busverbindung unvermittelt übernachten müssen.

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 01.07.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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