Kommentar: "Der bekannte Lockerungswettlauf"

"Der bekannte Lockerungswettlauf"

Ein Kommentar von Thomas Gerber   26.02.2021 | 12:20 Uhr

Eigentlich stand der Fahrplan ja fest: Am 3. März sollte in der Kanzlerinnenrunde über ein Lockdown-Ausstiegsszenario beraten werden. Alles unter der Maßgabe, dass die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen unter die Marke von 50, besser noch 35 fällt. Nun aber sind die allermeisten Länder vorgeprescht. Obwohl die Zahlen wieder leicht steigen, werden allerorten nicht nur Frisöre und Grundschulen, sondern auch Garten- und Baumärkte, Einzelhandelsgeschäfte und Nagelstudios geöffnet. Dazu ein Kommentar von Thomas Gerber.

Beschluss des Ministerrats
Erste Lockerungen im Saarland ab 1. März
Die neue Corona-Rechtsverordnung Saarland bringt erste Lockerungen. Ab 1. März sind körpernahe Dienstleistungen, die hygienischen und pflegerischen Zwecken dienen, wieder möglich. Außenbereiche von Gärtnereien, Gartenbaubetrieben und Gartenmärkten dürfen öffnen. Außerdem wird Termin-Shopping im Einzelhandel möglich.

Es ist wie immer: Kurz vor dem Gipfel bei der Kanzlerin nimmt der Hühnerhaufen der Länderchefs Fahrt auf. Aktuell wird allerdings nicht nur gegackert, sondern jeder legt sein eigenes Corona-Ei, beschließt Maßnahmen für den eigenen Stall. Es entsteht eine Spirale der Lockerungen: Wenn du deinen Blumenladen öffnest, muss ich das auch, denn sonst kommt es zu Tulpen-Massentourismus.

Dass viele angesichts der Lockdown-Dauer wirtschaftlich vor dem Aus stehen und wir alle irgendwie nicht mehr können: Das ist wahr. Es ist allerhöchste Zeit, dass sich was tut, zumindest dass Perspektiven deutlich werden. Aber Pustekuchen: Statt intelligenter Ausstiegsszenarien läuft das bekannte Spiel. Aus einstigen Chef-Lockdownern werden plötzlich Chef-Lockerer - der bayrische Schattenkanzler Söder ist dabei sozusagen der Fleisch gewordene Opportunismus. Andere geraten wahlkampfbedingt heftig ins Wanken.

Welcher Lobbyist da an welcher Schraube gedreht hat, ob der heimische Dübelhersteller oder der Baumarktmogul, wird man wohl erst später erfahren. Vielleicht aber sind die Damen und Herren auch ganz einfach nur überfordert, machen ihrem - angesichts der Dauerkrise nachvollziehbaren - Überlastungssyndrom Luft. Die aktuelle Dünnhäutigkeit der Verantwortlichen scheint das nahezulegen.

Und dann geschieht die ganze Öffnerei auch noch unvorbereitet. Was hat man eigentlich die ganzen Monate über gemacht? Viel offenbar nicht. Schulen werden geöffnet, ohne dass dafür gesorgt wurde, dass die Kleinen und ihre Lehrerinnen und Lehrer zuvor getestet werden können. Ähnlich wie beim verwaltungsbedingten Impfstau stolpern wir auch hier über unsere Gründlichkeit. Teststäbchen aber sind keine Vakzine, keine Herzschrittmacher, sie einzusetzen auch ohne bürokratisches Zertifikat hätte nicht geschadet. Im Gegenteil.

Nun also der bekannte Lockerungswettlauf. Was nichts anderes ist, als der Abschied von der magischen 35 – der neuen 50. Dass diese Inzidenz nicht zu erreichen ist, dass die Mutante das verhindert - das wird nicht öffentlich kommuniziert. Transparenz aber ist bitter nötig, sonst macht man die Leute nämlich noch pandemiemüder und treibt den Querdenkern die Hasen in den Stall.

Ein Kommentar von Thomas Gerber

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja