Der Kommentar: "Berechtigt ist die Kritik an der Lehrerausbildung"

"Berechtigt ist die Kritik an der Lehrerausbildung"

Audio [SR 3, Stephan Deppen, 09.09.2019, Länge: 03:19 Min.]

Stephan Deppen   09.09.2019 | 16:30 Uhr

Bis 2015 fehlen in Deutschland mindestens 26.000 Grundschullehrer - 11.000 mehr, als die Kultusministerkonferenz bisher in ihren Planungen zugrunde gelegt hat. Das berichtet am 9. September die Bertelsmann-Stiftung mit Verweis auf Berechnungen des Statistischen Bundesamtes. Die Kultusministerkonferenz hat diese Entwicklung im Kern bestätigt, will im Herbst eigene neue Berechnungen vorlegen. Die Studie hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen mit der Kernforderung: Die Bundesländer sollten mehr gehen den Lehrermangel tun. Dazu ein Kommentar von SR-Reporter Stephan Deppen.

Saarland
Reaktionen auf die Bertelsmann-Studie zum Grundschullehrer-Mangel
Lehrerverbände und -gewerkschaft werfen der Landesregierung Versäumnisse beim Thema Lehrermangel an Grundschulen vor. Anlass ist die neue Bertelsmann-Studie zu dem Thema. Der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband fragt, wieso eine solche Studie überhaupt nötig sei, um die Politik wachzurütteln.

Eines muss man der Bertelsmann-Stiftung lassen: Sie vermarktet sich und ihre Studien höchst professionell. Die Bertelsmann-Stiftung schreit Alarm, und die Politik verfällt in Hektik. Alle paar Wochen dasselbe Ritual. Die Stiftung treibt Medien und Politiker mit ihren Expertisen vor sich her. So auch diesmal.

Die jeweiligen Bildungsministerien sind bemüht, die Lage zu erklären, die jeweilige Opposition wirft den Landesregierungen vor, gepennt zu haben. Das ist im Saarland nicht anders - aber nur zum Teil berechtigt.

Richtig ist: Auch im Saarland gibt es Lehrermangel, rund 100 Lehrkräfte an den saarländischen Grundschulen werden schulformfremd oder ohne abgeschlossenes Studium für das Lehramt im Primarbereich eingesetzt. Das ist ein Notnagel - aber keine Katastrophe. Denn viele dieser Lehrer haben in den letzten vier Jahren ein prima Job gemacht, sind hoch motiviert. Sie werden qualifiziert begleitet, eine sogenannte Wechselprüfung, um nachträglich die passende Lehrbefähigung auch offiziell zu erhalten, ist in der Diskussion.

Bei der Schüler-Lehrer-Relation, also der Anzahl der Schüler je Lehrkraft, steht das Saarland deutlich besser da als der Durchschnitt der Bundesländer.

Berechtigt ist die Kritik an der Lehrerausbildung: Ob wirklich ein Abi-Durchschnitt von 1,0 wichtig ist, um ein Studium für die Primarstufe beginnen zu dürfen, darf man bezweifeln. In Saarbrücken aber gibt es zu wenige Plätze, um dem Andrang gerecht werden zu können. So muss die Note entscheiden. Viele kommen nicht zum Zuge, obwohl die Lehrer fehlen. Hier besteht Nachbesserungsbedarf - aber der kostet. Und da sind wir beim Kern des Problems: Bildung kostet Geld, Lehrer kosten Geld. Das haben wir gerade im Saarland in den letzten Monaten erlebt: Um jede Lehrerstelle wird politisch gestritten. Immerhin: Die Große Koalition hat einen Kompromiss gefunden.

Aber die Lehrerverbände haben grundsätzlich recht. Schule hat sich verändert: vom Lehrinstitut zu einer Institution, die sich nicht mehr nur auf ihre Kernkompetenz berufen kann, Kindern Stoff zu vermitteln. Oftmals müssen sie die Kinder auch - oder vorrangig - aufs Leben vorbereiten, Erziehungshilfe leisten, weil viele Eltern dieser ihrer ureigenen Aufgabe oft nur noch unzureichend nachkommen.

Hinzu kommt die inklusive Herausforderung. Das bedeutet: Es braucht mehr als einen Lehrer vor der Klasse, mehr Schulsozialarbeit, Schulpsychologen und so weiter. Alles nicht neu, alles bekannt, aber immer wieder Anlass für politische Grabenkämpfe in den Ländern.

Trotz der veränderten Arbeitsbedingungen gibt es noch immer viele junge Menschen, die den Beruf des Lehrers als Berufung empfinden und mit Freude und Engagement bei der Sache sind. Die gilt es zu schützen - durch ausreichende Personalisierung und Wertschätzung ihrer Arbeit. Vielleicht färbt deren Engagement dann auch auf die ab, die das Lehramtsstudium noch immer vorrangig als relativ einfache Methode begreifen, einen Halbtagsjob mit viel Ferien zu ergreifen. Diese Einstellung reicht aber heute nicht mehr aus, um vor einer Klasse zu bestehen.

Zurück zur Statistik. Ein bisschen Verwunderung bleibt schon zurück: Ein jährlicher Blick ins Geburtenregister erlaubt eine durchaus profunde Vorhersage auf die Zahl der Erstklässler sechs Jahre später. Gut, der eine oder die andere mag weg- oder zuziehen. Aber im Großen und Ganzen wissen die Bildungspolitiker, wie viele Klassen in sechs Jahren zu personalisieren sind. Dazu braucht man vielleicht etwas mehr als das kleine Einmaleins, aber auch das ist keine Hexerei.

Stephan Deppen

Thema in der "Region am Nachmittag" am 09.09.2019.

Artikel mit anderen teilen