Marine Le Pen und Emmanuel Macron (Foto: SR)

"Im Departement Moselle verehren viele Marine Le Pen wie eine Heilsbringerin"

Lisa Huth   08.05.2017 | 16:30 Uhr

Sowas gab es in Frankreich noch nicht: Ein Mann, den vor einem Jahr kaum einer kannte, setzt eine Bewegung in Marsch, an allen etablierten Parteien vorbei und wird Präsident von Frankreich: Emmanuel Macron hat das Undenkbare geschafft. Aber hat er es damit auch geschafft? Ein Kommentar zur französischen Präsidentschaftswahl von SR 3-Frankreichreporterin Lisa Huth.

Wer gestern Abend genau hingehört hat, konnte ein erleichtertes Aufatmen in fast ganz Europa hören. Gebannt hatten die Europäer nach Paris geblickt: Le Pen, die aus der EU raus - oder Macron, der sogar ein Parlament für die EuroZone will? Als die Europafahnen wehten, das Eurovisionslied gespielt wurde und Macron auf dem Podium stand, war klar: Europa kann und wird weiter existieren, kann mit diesem Präsidenten sogar einen neuen Aufschwung erleben. Er hat eine Bewegung in Gang gesetzt, deren Schwung Millionen in Frankreich mit sich gerissen hat und deren Wellen über die Grenzen hinaus schlagen.

Audio

Der Kommentar zur Präsidentschaftswahl in Frankreich
Audio [SR 3, Lisa Huth, 08.05.2017, Länge: 03:03 Min.]
Der Kommentar zur Präsidentschaftswahl in Frankreich

Soviel zur „Ode an die Freude“. Darunter schwelt die Wut der Franzosen weiter: derer, die sich abgehängt fühlen und es vielerorts auch sind. Wie in England mit dem Brexit und Donald Trump in den USA wollte Marine Le Pen mit „La France rurale“ die Politik auf den Kopf stellen. Versprach den Landbewohnern alles, vor allem, dass sie den Brennpunkten in den Städten mit ihren vielen Migranten die Gelder abziehen und in der Provinz verteilen wolle. Das kam dort gut an. Arbeitslosigkeit, Verzweiflung: Im Departement Moselle verehren viele Marine Le Pen wie eine Heilsbringerin. Sie verspricht ihnen Heimat, bietet ihnen Schutz vor überbordenden Globalisierung. Raus aus der EU, raus aus dem Euro hätte zwar besonders für die Menschen an der Grenze zahllose Nachteile gebracht. Aber: Egal.

Allerdings: Im Elsass gibt es weit weniger Arbeitslose als in Lothringen. Warum sind auch hier die Rechtsradikalen so stark? Vielleicht hängt es auch damit zusammen, gewagte These, aber sie muss mal bedacht werden: dass die Kollaborateure nach dem Zweiten Weltkrieg zu Franzosen wurden. Während die Deutschen nach und nach ihre Vergangenheit aufarbeiteten, brauchten sie sich nicht damit zu beschäftigen. Sie standen ja auf der Seite der Guten. Ihre braunen Vorstellungen konnten sie beibehalten und weitergeben, niemand sagte: Sag mal, geht‘s noch? Und so kam es dann, dass heute viele rechte, hetzerische Sätze von sich geben, aber gleichzeitig weit von sich weisen, rechtsradikal zu sein.

Was auch immer die Gründe sind: Marine Le Pen hat bereits eine Großoffensive angekündigt: den Namen der Partei ändern, sie noch mehr weichspülen, damit auch gemäßigtere Franzosen sie wählen können. Denn der Front National will bei den Parlamentswahlen die stärkste Oppositionskraft gegen Macron werden.

Hier fällt nämlich ein Schatten auf den glänzenden Sieger Emmanuel Macron: Er hat keine Hausmacht im Parlament. Er hat überhaupt keine Partei. Nur eine Bewegung. Und lauter unbekannte Leute. Nachgewiesenermaßen wählen die Franzosen Politiker die sie kennen. Sie können kriminell sein, verurteilt, sogar im Knast gesessen haben: Wenn sie einen bekannten Namen haben, werden sie wieder gewählt. Darum hat Macron bereits mit den Verhandlungen begonnen und offenbar schon Deals gemacht: der Metzer Bürgermeister Gros, Sozialist, wird Macron unterstützen, er habe mit dem sozialistischen Bürgermeister von Lyon telefoniert: Auch der stelle sich hinter Macron.

Die Welle seiner Bewegung „En Marche“ hat ihn innerhalb eines Jahres zum Präsidenten emporgetragen. Vier Wochen hat er jetzt Zeit, die Franzosen zu überzeugen, ihm im Parlament eine Mehrheit zu verschaffen, mit der er fünf Jahre lang regieren kann. Die Begeisterung, die er gestern mit seiner staatstragenden, vielfach ernsten Rede ausgelöst hatte, könnt auch dieses Mal überschwappen. Europa zu wünschen wäre es.

Über dieses Thema wurde auch in der "Region am Nachmittag" am 08.05.2017 auf SR 3 Saarlandwelle berichtet.


Mehr zum Thema


Frankreich
Macron gewinnt Stichwahl
Emmanuel Macron hat die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewonnen. In der Stichwahl am Sonntag setzte er sich klar gegen die europafeindliche Kandidatin des Front National, Marine Le Pen durch. Bundespolitiker aus dem Saarland zeigten sich erleichtert.

Frankreich
Viele Franzosen in der Grenzregion haben Le Pen gewählt
Emmanuel Macron hat die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewonnen. In einigen Gemeinden entlang der saarländisch-französischen Grenze holte jedoch die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen wie schon im ersten Wahlgang die meisten Stimmen. Bei den Franzosen, die im Saarland wählten, hatte Le Pen hingegen überhaupt keine Chance.

Artikel mit anderen teilen