Gerd Heger (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

"Die Umsetzung ist dilettantisch"

Gerd Heger   05.11.2019 | 12:30 Uhr

Sie ist wieder hochgekocht – die Diskussion um die saarländische Frankreichstrategie. Ein Thema, das auch im Lande immer wieder für Gesprächsstoff sorgt. Und das bei der Landesregierung nun in einen internen Streit zu münden scheint. Alles nicht sehr hilfreich, denn der Kern der Sache liegt woanders, kommentiert Gerd Heger.

Kommentar zur Diskussion um Frankreichstrategie
Audio [SR 3, Gerd Heger, 05.11.2019, Länge: 03:10 Min.]
Kommentar zur Diskussion um Frankreichstrategie

Die Frankreichstrategie – unendliche Weiten im Westen erschließen sich! Die genialste Werbemaßnahme fürs Saarland – seit der sich gegen Frankreich entscheidenden Eingliederung in die Bundesrepublik und Nicoles "Ein bisschen Frieden" (französische Version übrigens: La paix sur terre). Ein PR-Coup, der von der ehemaligen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer glaubwürdig verkörpert wurde, bis hin zum wöchentlichen Privatfranzösischkurs.

Nur: Wer eine politische Entscheidung von solcher Tragweite trifft (für sowas sind Leute übrigens gewählt), der muss dann auch Geld und Personal dahinter packen. Was nicht annähernd so umfassend geschah, wie die Frankreichstrategie charmant klang.

Nur mal zum zentralen Punkt: Alle können bis 2043 so viel Französisch, wie sie in ihrem jeweiligen Leben brauchen? Da ist in den letzten fünf Jahren nicht wirklich genug geschehen, da hat die Bildungsministerin schon Recht. Noch immer fehlen muttersprachliche Lehrerinnen und Lehrer. Weder in der 1. und 2. Klasse, noch in der 5. und 6. Klasse ist die Lernlücke geschlossen – nach Heiteitei-Französisch im Kindergarten werden gerade in den für Spracherwerb jungen Jahren die Chancen verpasst. Bei den Eltern wurde für Französisch nicht geworben. Ein hervorragendes Sprachenkonzept liegt seit einem Jahr vor, das alle Bereiche des Sprachenlernens umfasst, übrigens auch die sogenannten Herkunftssprachen. Und das die Konkurrenz zwischen Englisch und Französisch längst abgehakt hat. Doch keiner scheint es gelesen zu haben. Eltern nicht, Lehrer nicht, Politiker nicht.

Es geht um Mehrsprachigkeit

Dass es, wenn man als junger Mensch in der digitalen und globalisierten Zukunft bestehen will, längst um MEHRSPRACHIGKEIT geht, das hat man wohl nur in Luxemburg verstanden. Hierzulande wird von Hochwald bis Bliesgau stammtischmäßig rumschwadroniert. Anstatt auf gute Experten zu hören, sich die erfolgreichen Modellversuche anzuschauen – und die davon auszubauen, die unsere Kinder für die Zukunft fit machen. Wer in der Saarbrücker Europagalerie die Lothringer auf Französisch einkaufen hört oder im Restaurant die französische Speisekarte verlangen, der weiß, was ich meine.

Und das ist nur der wichtigste Punkt. Dabei, das werden die Befürworter der Frankreichstrategie nicht müde zu betonen, gibt es unglaublich viel grenzüberschreitende Kooperation jetzt schon. Es wäre relativ einfach, dies alles zusammenzubündeln und zu koordinieren. Doch auch da hat die Landesregierung versagt, wie auch beim Einbinden der vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger, die froh waren über die Idee. Von der Politik: Kein eigenes Budget, kaum spezialisiertes Personal, immer wieder nur Lippenbekenntnisse. Seit dem Abgang von AKK nach Berlin kann man die Leute in Regierung und höherer Verwaltung, die noch für Frankreich brennen, an einer Hand abzählen.

Braucht es überhaupt eine Frankreichstrategie? Haben wir nicht andere Probleme? Sicher. Aber a) können wir hier grenzüberschreitend ganz gut, b) sind wir echt nahe dran und c) was haben wir denn sonst außer ein bisschen IT? Die politische Entscheidung für eine Frankreichstrategie war richtig, die Umsetzung ist leider dilettantisch.

Kontroverse um Frankreichstrategie
Saar-Politiker zweifeln an Zweisprachigkeit

Über dieses Thema wurde auch in der SR 3-"Region am Mittag" vom 05.11.2019 berichtet.

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