Kommentar: "Aus den Regelfragen werden Schritt für Schritt moralische"

"Aus den Regelfragen werden moralische Fragen"

Ein Kommentar von Janek Böffel   17.04.2020 | 12:45 Uhr

Es gibt erste Lockerungen der Maßnahmen im Kampf gegen Corona. Geschäfte dürfen öffnen, Schulen nehmen ab dem 4. Mai zumindest teilweise wieder den Unterricht auf. Weitere Lockerungen werden folgen. Das stellt uns als Bürger und auch die Politik vor neue und gewichtige Fragen. Ein Kommentar von SR-Landespolitik-Redakteur Janek Böffel.

Was darf ich? Was darf ich wann? Was darf ich wo? Und natürlich auch mit wem? So klangen die Fragen der vergangenen Wochen, die sich die Saarländer gestellt haben. Und auf fast alle gab es klare Antworten, irgendwo nachzulesen in einer Rechtsverordnung. Doch mit jeder Lockerung dieser Rechtsverordnungen werden sie irgendwann nicht mehr beantwortet werden können. Bis am Ende jede einzelne diese grundrechtseinschränkenden Maßnahmen zurückgenommen ist.

Wir werden abwägen müssen

Der Staat wird dann irgendwann keine Antworten mehr geben können und dürfen, wie wir uns zu verhalten haben. Und das ist gut so. Nicht mehr für jeden einzelnen Fall, für jeden Bereich des Lebens. Aus den Regel-Fragen werden - Schritt für Schritt - moralische. Fragen der Verantwortung. Nicht mehr: Darf ich das Haus verlassen um Freunde zu treffen? Sondern: Sollte ich es tun? Oder noch grundsätzlicher: Ist es richtig, das Haus zu verlassen? Es ist eine ganz grundsätzlich andere Frage als die nach dem dürfen, denn sie wirft uns auf uns zurück - auf uns und auf unsere Moral. Wir erlangen Schritt für Schritt eine Freiheit zurück, aber eine, die mit Kosten einhergeht. 

Noch gibt es auf die Frage, ob ich Brennholz machen darf, eine ebenso klare Antwort wie auf die Frage, ob ich ein Fest am Niederwürzbacher Weiher mit guten Freunden feiern darf. Einmal Ja, einmal Nein. Fallen diese Vorschriften, die es im Moment gibt, irgendwann weg - und dieser Tag wird kommen - dann sind die Antworten längst nicht mehr so eindeutig.

Wir werden abwägen müssen, ob es richtig ist. Bringe ich mich, aber vor allem andere, schwächere, Gefährdete mit meinem Verhalten möglicherweise in Gefahr? Könnte sich das eingedämmte Virus so wieder ausbreiten? Und was wäre, wenn sich alle so verhalten würden, wie ich es vorhabe? Es sind die ganz alten Fragen der Ethik, die da aufgeworfen werden. Die der reinen Vernunft.

Jetzt sind die Bürger gefragt

Wer da wie der Ministerpräsident einen allzu paternalistischen Blick auf die Bevölkerung legt, vermittelt ein falsches Bild. Ihr habt euch an unsere Regelungen gehalten, das Virus verbreitet sich nur noch langsam, und als Belohnung dafür gibt es jetzt Lockerungen. Wenn sich nicht daran gehalten wird, werden die Zügel wieder angezogen. Das ist das Bild des Bürgers als Kind, das am Ende einen Lolli bekommt, wenn es brav und still da gesessen hat und Hausarrest, wenn nicht. Ein solcher Bürger könnte mit diesen kommenden Freiheiten tatsächlich nicht umgehen.

Doch so wird es in Zukunft nicht funktionieren. Diese neue Normalität, sie wird uns oft viel abverlangen. Sie wird viele alltägliche Entscheidungen moralisch aufladen. Wir sind als Souverän gefragt. Große Worte für etwas, das sich im Kleinen, im Alltäglichen zeigen wird. Wie souverän, ja wie mündig wir sind als Bürger, wird sich nicht nämlich immer an den großen Dingen zeigen. Es wird sind schon am Montag an den Schlangen vor den Wertstoffhöfen und im Gewimmel auf den Einkaufsstraßen zeigen, ob wir mit diesen neuen Freiheiten verantwortlich umgehen.

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 17.04.2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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