Parteilogo - CDU saar (Foto: Partei: CDU)

"Die CDU ist bis ins Mark erschüttert"

Janek Böffel   29.03.2022 | 12:13 Uhr

Nach der Wahlniederlage sucht die CDU einen Nachfolger für Tobias Hans. Erst soll die Basis gehört, dann am 28. Mai 2022 gewählt werden. Bereits am Montag hat sich Stephan Toscani aus der Deckung gewagt: Er stünde bereit, die Parteiführung zu übernehmen. Eine Mammutaufgabe, denn es gilt, die Partei aus der Krise zu führen. Dazu ein Kommentar von Janek Böffel aus der SR-Politikredaktion.

Es war an jedem einzelnen Gesicht abzulesen: Die CDU im Saarland ist bis ins Mark erschüttert. Dass diese Wahl eine Katastrophe werden würde, das hatte in den vergangenen Wochen zwar selbst der unverbesserlichste Optimist nicht bezweifelt. Doch dass die Wähler die Partei so abstrafen würden, das fasst diese CDU, deren Selbstverständnis doch nichts weniger, als zu regieren ist, in ihrer Substanz an.

Kommentar: Saar-CDU ist bis ins Mark getroffen
Audio [SR 3, Janek Böffel(c) SR, 29.03.2022, Länge: 03:10 Min.]
Kommentar: Saar-CDU ist bis ins Mark getroffen

Schon das, was da gestern hinter verschlossenen Türen gesprochen wurde, war teils mehr als deutlich. Wer die oft mehr Pflichtschuldigen als leidenschaftlichen Wahlkämpfer erlebt hat, der weiß, es krankt an Vielem.

Absturz ins Chaos verhindern

Neuanfang ist ein Wort, das immer wieder fällt. Gleichzeitig treibt die Partei eine fast mit Händen zu greifende Sorge um, nun ins Chaos zu stürzen. Die Bundespartei, mit ihrem innerparteilichen Dauerwahlkampf der vergangenen Jahre, ist ein mahnendes Beispiel.

Wer soll Hans' Nachfolger werden?

Immerhin: Mit Toscani gibt es einen Namen. Einen, der sich schon am Tag nach der Wahl aus der Deckung gewagt hat. Und vielleicht ist in dieser Phase überhaupt gut, einen Namen zu haben. Ja, einen, der nicht überall nur Freunde in der CDU hat. Aber wer hat das schon?

Dass sich die Riege der naheliegenden Kronprinzen überhaupt verständigt hat, nicht in Nachfolgekriege zu verfallen, war sicher richtig. Auch, um der Anhängerschaft gegenüber zumindest einen Rumpf geordneter Verhältnisse zu versprechen.

Dabei wäre Toscani ganz sicher nicht die schlechteste Wahl. Neun Jahre Minister, fünf Jahre Landtagspräsident. Toscani weiß, wie diese Partei tickt. An Erfahrung mangelt es ihm nicht. Doch natürlich stellt sich umgekehrt auch die Frage, wieviel Neuanfang Toscani tatsächlich versprechen kann? Zwei Mal galt er schon als Kronprinz, zwei Mal wurden andere vorgezogen.

Der Grat für die Partei ist schmal. Dass Kramp-Karrenbauer sich vor vier Jahren für den gerade einmal 40-jährigen Hans entschieden hatte, stiess bei vielen Altvorderen - und hinteren bitter auf. Dass sie plötzlich nicht mehr gefragt waren und wurden, sorgte in den vergangenen Jahren für ein dauerhaftes unzufriedenes Grundrauschen, auch wenn es selten nach außen drang. Auch das einer der Gründe dafür, dass der Wahlkampf so gelaufen ist, wie er gelaufen ist. Zumal die CDU diese Wahl auch bei den Älteren verloren hat, dort, wo eben Wahlen dieser Tage entschieden werden.

Partei muss jünger werden

Und auch das darf nicht vergessen werden: Hans war es ja, der der Saar-CDU jugendlichen Esprit und Modernität verleihen sollte. Verfangen hat das nie. Doch in der Partei ist die Sehnsucht dennoch groß nach einem wirklichen Neuanfang. Einem von der Basis her. Die Kritik von Fraktionschef Funk an der Hinterzimmerpolitik, die damals zur Entscheidung für Hans geführt hatte, kaum verhohlen. Die Jungen in der Partei, sie scharren mit den Hufen, drängen nach vorne. Regierungssatt seien zu viele in der Partei geworden, zu bequem in den Zeiten überbordender Mehrheiten.

Weiteres Problem: zu wenig Frauen

Im 26-köpfigen Landesvorstand sind gerade einmal sieben Frauen, in der 19-köpfigen Fraktion gerade einmal fünf. Nicht mehr als ein Armutszeugnis für eine Volkspartei. Angesichts des Rumorens in der Partei, das sich in den kommenden Tagen und Wochen immer mehr Bahn brechen wird, dürfte Toscani nicht der einzige Kandidat bleiben. Wer auf Tobias Hans folgen wird, wird über nichts weniger als die mittelfristige Zukunft der CDU im Land entscheiden.

Der Landtag braucht einen Oppositionsführer, der die absolute Mehrheit der SPD einhegt. Das können sicher einige in der CDU. Diese Partei zu einen und grundständig zu modernisieren nur Wenige.

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 29.03.2022 auf SR 3 Saarlandwelle.


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