Der rheinland-pfälzische Großbäcker Kohl Brot hat am Montag den Betrieb komplett eingestellt. (Foto: Patrick Wiermer/SR)

Gewerkschaft empfiehlt, Betriebsrat zu wählen

Patrick Wiermer / Onlinefassung: Axel Wagner   04.07.2019 | 13:00 Uhr

Der rheinland-pfälzische Großbäcker Kohl Brot hat am 1. Juli den Betrieb komplett eingestellt, die Hälfte der insgesamt 200 Mitarbeiter wird entlassen, Filialen wurden geschlossen. Das trifft auch das Saarland hart.

Nachdem 100 Mitarbeiter von Kohl Brot die Kündigung erhalten hatten, appelliert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Region Saar (NGG) an die ehemaligen Mitarbeiter, dringend einen Betriebsrat zu wählen.

Zurzeit seien die rechtlichen Möglichkeiten gering, so die Gewerkschaft. Denn es habe bis zum Schluss keinen Betriebsrat gegeben, der sozialverträgliche Regelungen hätte vereinbaren können. Deshalb gebe es etwa keinen Interessensausgleich und keinen Sozialplan. Auch eine Transfergesellschaft oder Abfindungen seien nicht möglich gewesen.

Bisher keine Kündigungsschutzklagen

Das Unternehmen spricht derweil trotz Entlassungen von einem vergleichsweise guten Abschluss. Es habe etwa keine Kündigungsschutzklagen gegeben. Zudem würden bereits 100 Mitarbeiter im Verkauf von Konkurrenten übernommen. Nun werde weiter verhandelt, um noch mehr ehemalige Mitarbeiter unterzubekommen.

Inhaber: Kaufkraft und Discounter verantwortlich

Kohl Brot: Inhaber äußert sich zur Einstellung
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 04.07.2019, Länge: 03:04 Min.]
Kohl Brot: Inhaber äußert sich zur Einstellung

Der Chef des Unternehmens, Steffen Kohl, macht für die Schließung die schwache Kaufkraft und die Konkurrenz durch die Discounter verantwortlich, aber auch fehlende Unterstützung durch die Politik und zu hohe Mieten. Gerade das Saarpark-Center und die Europagalerie in Saarbrücken hätten in den Insolvenz-Verhandlungen kaum ein Entgegenkommen gezeigt, sagt Kohl. Dabei müssten sie eigentlich bei zurückgehender Nachfrage und Kundenfrequenz in den Centern ihre Kostenstruktur anpassen, sprich die Mieten senken.

Die Europa-Galerie weist die Vorwürfe auf SR-Anfrage von sich. Man sei Kohl Brot entgegengekommen. Man habe bereits eine der insgesamt drei Ladenflächen frühzeitig zurückgenommen. Auch habe es finanzielle Unterstützung gegeben.

Zahlreiche weitere Gründe

Kohl sieht aber auch andere Gründe. Die steigenden Fixkosten, etwa die Preise von Getreide und Eiern nach dem Dürresommer und dem fipronil-Skandal im vergangenen Jahr. Zudem die Einführung des Backautomaten in den Discountern, die gleichzeitig die Qualität ihrer Waren erhöhen konnten. Kunden, die für Brot nicht mehr extra zum Bäcker fahren möchten und daher alle Einkäufe im Supermarkt erledigen, und ein verändertes Essverhalten. Man habe versucht, sich anzupassen, etwa mit neuen Brot- und Getreidesorten, sei damit aber gescheitert, so Kohl.

Immerhin: Fünf Konkurrenten, darunter etwa die Ketten Gillen und Ziegler, werden neun der 19 Filialen im Saarland übernehmen. Noch unklar ist die Zukunft für Läden in Freisen, Sankt Wendel, Neunkirchen, Saarbrücken und Lisdorf. Kohl verhandelt aber weiter, um möglicherweise noch mehr ehemalige Mitarbeiter bei Konkurrenten unterzubekommen.

Über dieses Thema haben auch die SR 3 "Rundschau" und SR 3 "Region am Mittag" vom 04.07.2019 berichtet.

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