Rauchende Schornsteine einer Chemiefabrik (Foto: dpa)

"Politik zu sehr verwoben mit Interessen der Industrien"

Interview mit Martin Kaiser, Geschäftsführer von "Greenpeace"   28.10.2021 | 09:01 Uhr

Kennen Sie diese Geschichten, wo man denkt, das geht alles schief und dann klappt's doch? Sowas wäre jetzt beim Klimaschutz gut. Dem Thema nimmt sich der Klimagipfel der Vereinten Nationen am Wochenende an. Über den Gipfel und Maßnahmen gegen den Klimawandel hat SR-Moderator Michael Friemel mit Martin Kaiser, dem Geschäftsführer der Umweltschutz-Organisation "Greenpeace", gesprochen.

Herr Kaiser, wir versuchen es mal positiv zu sehen: Wo hat Klimaschutz in der Vergangenheit schonmal funktioniert?

Ich glaube beim Ozonloch haben die Staaten gemeinsam bewiesen, dass sie handeln können. Damals hat man FCKWs in Sprays und Geräten verboten, indem man das in europäisches und nationales Recht gegossen hat. Und da konnte man tatsächlich messen, dass sich das Ozonloch tatsächlich schließt und das in relativ kurzer Zeit.

Warum hat das denn damals funktioniert, war man einfach kosequent genug oder war das Problem vergleichsweise einfach?

Interview mit Martin Kaiser von "Greenpeace"
Audio [SR 3, (c) SR/Michael Friemel, 28.10.2021, Länge: 04:21 Min.]
Interview mit Martin Kaiser von "Greenpeace"
SR-Moderator Michael Friemel hat mit Martin Kaiser, dem Geschäftsführer der Umweltschutz-Organisation "Greenpeace" gesprochen.

Die Bedrohung durch die Sonnenstrahlung war schon recht groß und die Menschen haben schon gespürt, dass global etwas geschehen muss. Und diese Bedrohung war wissenschaftlich belegt und die Politik hat es geschafft in der Industrie klare Verbote auszusprechen. Daraufhin wurden Alternativen zu den FCKWs entwickelt, was dann eine Win-Win-Situation war.

Aber die Erderwärmung ist doch auch wissenschaftlich belegt?

Genau das ist das große Rätsel, warum sich im Klimaschutz so wenig bewegt. Die Faktenlage ist gerade in den letzten Tagen sehr deutlich geworden: Wenn wir nicht handeln werden uns solche Überflutungsereignisse, wie wir sie in Westdeutschland gesehen haben, häufiger treffen. Ich glaube es liegt daran, dass die Politik zu sehr verwoben ist mit den Interessen der Industrien, die von Kohle, Gas und Öl abhängig sind. Aber ich glaube auch, dass eine neue Bundesregierung diese Verbindungen kappen muss und eine Politik im Interesse der Menschen machen muss.

Mit welchen Hoffnungen schauen Sie auf den Klimagipfel ab Sonntag in Glasgow?

Ich bin sehr besorgt über die Signale aus wichtigen Ländern, dass in den USA zum Beispiel Präsident Biden noch immer keinen Haushalt genehmigt bekommen hat, mit dem auch viele Klimaschutzmaßnahmen finanziert würden. Von China kommen auch noch nicht die Signale, dass sie die Emissionen, die vor allem durch die Verbrennung von Kohle kommen, nach unten bringen wollen. Und auch in Deutschland, dass wir hier momentan zwischen zwei Regierungen hängen, ist der Kohleausstieg bis 2030 immer noch nicht richtig artikuliert. Und ich glaube davon hängt es jetzt ab, dass von wichtigen Wirtschaftsnationen jetzt die richtigen Signale kommen, die dann auch die Länder mitnehmen können, die noch etwas auf der Bremse stehen.

Meinen Sie, es könnte in den nächsten Wochen noch eine Überraschung geben?

Ich hoffe es, aber es ist nicht sicher, denn die Länder haben bislang viel zu wenig getan, was sie nun auf den Tisch legen könnten in Sachen Klimaschutz. Ich glaube wir werden die zwei Wochen brauchen eine Dynamik zu erzeugen, damit dann konsequenter Klimaschutz betrieben wird, um den Interessen der Menschen gerecht zu werden.

Über dieses Thema wurde auch in "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle am 28.10.2021 berichtet.

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