Spichern, Denkmal mit Kreuz (Foto: Brigitte Henkes/SR)

Kirchen im Saarland stecken im Reformprozess

Mit Informationen von Oliver Buchholz und Frank Hofmann   30.12.2020 | 17:03 Uhr

Corona, die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche und die Bistumsreform –  2020 war für die Kirche im Bistum Trier ein ereignisreiches Jahr. Bei der Evangelischen Kirche im Rheinland geht mit dem Jahr 2020 auch eine Ära zu Ende.

Vor allem die Umstrukturierung der Pfarrei hält das Bistum Trier nach wie vor in Atem. Nachdem der Vatikan im November vergangenen Jahres einen Reformstopp verhängt hatte, musste die Bistumsleitung komplett neu planen. Statt der ursprünglich geplanten 35 Großpfarreien sollen es jetzt doch erstmal 172 werden.

Reform verschoben

Man habe einen größeren Schritt machen wollen, sagt Bischof Stephan Ackermann, „damit wir nicht in absehbarer Zeit wieder anfangen, noch einmal über Strukturen zu sprechen, Veränderungen wieder eintragen zu müssen“. Das setze jedes Mal Kräfte frei und binde Emotionen, wie es sich bereits gezeigt habe.

Ackermann räumt jedoch ein: „Der Schritt war in dieser Weise zu groß. Da sind die Menschen nicht mitgegangen. Und insofern muss man eben jetzt flexibler damit umgehen.“ Das bedeutet, dass es für die Neuplanung der Reform keinen von oben vorgegebenen Zeitplan mehr gibt.

Dezentrales Vorgehen

„Wir setzen jetzt eben mehr darauf, dezentraler vorzugehen“, sagt Ackermann. Es werde nicht alles gleichzeitig laufen, auch wenn das Ressourcen und Kräfte binde. Bis Ende 2025 sollen die bisher 900 Pfarreien, die ohnehin schon seit Jahren in 172 Pfarreigemeinschaften zusammenarbeiten, freiwillig zusammengehen.

Ackermann betont allerdings, es gehe nicht nur um eine Umstrukturierung. „Es geht nach wie vor um eine Erneuerung des kirchlichen Lebens. Das heißt auch, nicht im Binnenraum zu verbleiben, über die traditionellen Strukturen hinauszuschauen.“ Es gehe darum, „wirklich auch Kirche zu sein, mitten unter den Menschen“.

"Manche Schritte waren zu groß"
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"Manche Schritte waren zu groß"

Aufarbeitung der Missbrauchsfälle

Neben diesen eher internen Herausforderungen ist Stephan Ackermann auch als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Aufklärung der Missbrauchsfälle gefragt. Auch auf diesem Gebiet habe sich 2020 einiges getan.

Ackermann verweist auf die Erneuerung des Anerkennungssystems von materiellen Leistungen. „Das konnten wir ja jetzt frisch beschließen. Es gibt die Personen für das unabhängige Gremium, dass dann im Einzelnen auf die Fälle schaut und entsprechend die Leistungen anweist.“

Daneben bleibe die institutionelle Aufarbeitung natürlich ein großes Thema. „Da haben wir ein anspruchsvolles Verfahren mit dem unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung vereinbart“, so Ackermann. „Das wird jetzt sozusagen Zug um Zug in den Bistümern etabliert.“

Gottesdienste im Lockdown

Und dann ist natürlich auch Corona nicht spurlos am kirchlichen Leben vorbeigegangen. Im Gegensatz zum ersten Lockdown im Frühjahr sind derzeit öffentliche Gottesdienste – natürlich unter Auflagen – erlaubt.

„Man spürt natürlich, dass die Menschen das auch brauchen, die Bestärkung im Glauben“, so Ackermann. Er sei froh darüber, dass es keinen Lockdown mehr wie im Frühjahr gebe. „Wenn hier Hoffnung, Mut und Widerstandskraft gestärkt werden, ist das ja nicht nur gut für diejenigen, die da zusammenkommen. Das ist ja auch ein gesellschaftlicher Beitrag. Und insofern, glaube ich, ist es wichtig und gut.“

Abschied aus dem Amt

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, hatte sich zuletzt in der Diskussion zu Wort gemeldet, ob und unter welchen Bedingungen Gottesdienste zu Weihnachten stattfinden sollen. Er plädierte für eine Zulassung unter strengen Auflagen. Mit diesem Jahr 2020 geht auch seine Amtszeit zu Ende. Am 14. Januar wählt die Synode einen neuen Vorstand.

„Da ich auch gesundheitlich nicht ganz unbeschwert durchs Leben gehe, habe ich mich dann doch entschieden, aus diesem Grund mit 63 Jahren aufzuhören“, sagt der scheidende Präses der zweitgrößten Landeskirche Deutschlands. „Als Pfarrer muss man dann gar nichts, aber man kann noch sehr viel. Und das werde ich auch tun: predigen, Gottesdienste halten, mich auch in meiner Kirchengemeinde einbringen. Darauf freue ich mich auch.“

Jahresrückblick: Präses Rekowski
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Jahresrückblick: Präses Rekowski

Große Aufgaben angegangen

2013 hatte der Wuppertaler Pfarrer das Präses-Amt von Nikolaus Schneider übernommen, der in den Ruhestand gegangen war. Damals war er 54 Jahre alt und stand vor großen Aufgaben. So hatte etwa ein kircheneigenes Unternehmen ein Loch von 21 Millionen Euro in die Kasse gerissen, und kirchliche Strukturen mussten verändert werden, etwa beim Finanzwesen.

Mit seiner lockeren Art, sagt Rekowski, habe er Einiges bewegen können. Transparenz und ein hohes Maß an Beteiligung seien gefragt gewesen. Er habe Menschen zusammenbringen können. „Das hat insgesamt, glaube ich, in einer damals sehr schwierigen Phase unserer Kirche vertrauensbildend gewirkt. Und da muss ich auch sagen, hatte ich durchweg bis heute das Gefühl: Ich bin am richtigen Ort.“

Viele Baustellen

Um die Nachfolge Rekowskis bewerben sich Almut van Niekerk (53), Superintendentin des Kirchenkreises An Sieg und Rhein, Theologieprofessor Reiner Knieling (57) und der Leiter der Akademie Frankfurt, Thorsten Latzel (50). Seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger hinterlasse er an vielen Stellen Fragmente, sagt Rekowski. Aber er habe auch Einiges in Gang bringen können, etwa eine Jugendsynode.

„Wir haben uns als Synode, als Kirchenparlament, mit jungen Erwachsenen zusammengesetzt, haben auf sie gehört und deutliche Verbesserungen der Mitwirkungsmöglichkeiten für junge Menschen in unserer Kirche angestoßen. Die werden hoffentlich auch jetzt im Januar beschlossen“, so Rekowski.

„Wir haben Erprobungsräume in unserer Kirche geschaffen“, sagt der Präses. Man müsse nicht immer große Reformen machen, aber es brauche Spielräume, um vor Ort Dinge ausprobieren zu können. „Ich glaube, ich habe mit dazu beigetragen, dass unsere Kirche eine veränderungsfähige Kirche ist.“ Dieser Prozess sei allerdings nicht abgeschlossen.

Kein übergeordneter Masterplan

Einen Masterplan gebe es für die Probleme der Evangelischen Kirche im Rheinland mit ihren 2,4 Millionen Mitgliedern nicht, so Rekowski. Das liege auch an der dezentralen Organisation über vier Bundesländer vom Saarland bis Nordrhein-Westfalen. Was Lösungsmöglichkeiten angeht, so bleibt der Präses im Gespräch unverbindlich.

Die Schwierigkeiten seien aber zumindest erkannt, sagt er. „Wenn wir wahrnehmen, dass unsere Bindungsfähigkeit abnimmt, dass die Austrittszahlen sich auf einem sehr hohen Niveau bewegen, dann ist es notwendig, kirchliche Arbeit noch einmal sehr viel grundlegender weiterzuentwickeln.“

Die Evangelische Kirche im Rheinland, sagt Rekowski selbstkritisch, sei zumindest auf Landeskirchenebene viel zu lange eine Behörde gewesen. „Die Liste der Themen, die wir noch vor uns haben oder bei denen wir mittendrin sind, ist schon ziemlich lang.“

Riss durch die Gesellschaft

Manfred Rekowski scheidet als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland in einer Zeit aus dem Amt, die von Hygiene- und Abstandsregeln geprägt ist, von der Diskussion ums Impfen, der lautstarken Infragestellung politischer Entscheidungen und vor allem von der Angst um die Zukunft.

„In manchen Fragen geht schon ein Riss durch unsere Gesellschaft“, sagt Rekowski Da ist der gesellschaftliche Zusammenhalt an vielen Stellen gefährdet. Wir haben das bei der Flüchtlingsfrage so erlebt, wir erleben das jetzt so. Ich glaube, es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dass wir Menschen ins Gespräch bringen müssen. Und die Coronakrise hat uns gezeigt, dass da viel zu tun ist.“

Über dieses Thema hat auch die SR3 Region am Nachmittag vom 30.12.2020 berichtet.

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