Tote nach Schüssen in Halle/Saale (Foto: picture alliance/Swen Pförtner/dpa)

"In Deutschland ist jüdisches Leben bedrohtes Leben"

Interview Michael Friemel / Michel Friedmann zum Prozess in Halle   21.07.2020 | 07:31 Uhr

Neun Monate nach dem Anschlag von Halle beginnt in Magdeburg der Prozess gegen den Attentäter. Am 9. Oktober 2019 hat Stephan B. erst die Fußgängerin Jana L. vor der Synagoge, kurz darauf Kevin S. im Imbiss "Kiez-Döner" erschossen. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten.

Es ist ein Prozess, wie ihn Sachsen-Anhalt so wohl noch nicht erlebt hat. Stephan B. wird unter anderem versuchter Mord in 68 Fällen vorgeworfen, es droht eine lebenslange Haftstrafe. SR-Moderator Michael Friemel sprach darüber mit dem deutsch-französischen Juristen, Politiker, Publizisten und Fernsehmoderator Michel Friedmann. Die Justiz, sagt dieser, müsse bei diesem ein deutliches Signal setzen, dass Rassismus und Judenfeindlichkeit niemals ein Kavaliersdelikt seien.

Interview mit Michael Friedmann.
Audio [SR 3, Interview Michael Friemel / Michel Friedmann zum Prozess in Halle, 21.07.2020, Länge: 03:10 Min.]
Interview mit Michael Friedmann.

Ein Urteil der Justiz sei dafür da, Orientierung anzubieten, Gerechtigkeit herzustellen und eben ein Signal zu setzen. Das habe es über Jahre und Jahrzehnte nicht gegeben. Wenn den Anfängen nicht gewehrt werde, drohe am Ende Gewalt. So etwas sei in Halle passiert. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sei ein Anschlag auf eine Synagoge geplant gewesen. Die Situation werde immer schlimmer, auch politisch. "Die Wölfe haben ihren Schafspelz endgültig ausgezogen". Trotzdem sei die AfD immer noch zweistellig in den Umfragen.

Polizisten vor Kindergärten und Schulen

Die existenzielle Qualität jüdischen Lebens in Deutschland hat sich, so Friedmann, in den vergangenen Monaten nicht gebessert. "Im Gegenteil, jüdisches Leben in Deutschland ist bedrohtes Leben." Die Alltagserfahrung von Juden in Deutschland mit Kindern sei, dass sie in Gefahr seien. Vor Kindergärten und Schulen stünden Polizisten mit Maschinengewehren. In dieser "furchtbaren Normalität" wüchsen jüdische Kinder auf.

Polizei, Verfassungsschutz-Organe oder die Bundeswehr sind für Friedmann ein Spiegelbild der Gesamtbevölkerung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass es in der Gesamtbevölkerung einen antisemitischen Kern von "um die zehn Prozent plus" gebe. Die Juden müssten so bei zehn Prozent der Menschen, die sie in Deutschland schützten, damit rechnen, dass auch sie Rassisten und Judenhasser seien. Darum müssten diese Institutionen in aller Ernsthaftigkeit offenlegen, was passiere und Konsequenzen ziehen.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle am 21.07.2020 berichtet.

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