Mann mit Mund-Nasen-Schutz steht unweit eines Schildes mit der Aufschrift „Zu Wem hatte ich Kontakt?“ (Foto: picture alliance/dpa | Nicolas Armer)

"Werden es dauerhaft nicht schaffen, jeden Kontakt zu verfolgen."

Simin Sadeghi im Gespräch mit Udo Recktenwald   15.11.2021 | 12:15 Uhr

Nach der Corona-Erkrankung von Innenminister Bouillon werden Teilnehmer eines großen Fests für Ahrtal-Helfer von ihren Gesundheitsämtern kontaktiert. Betroffen sind nur Menschen, die länger mit Bouillon Kontakt hatten. Doch wie läuft die Kontaktermittlung dort und allgemein im Zuge steigender Inzidenzen? Dazu im Interview: der St. Wendeler Landrat Udo Recktenwald.

Es könnte das Super-Spreading-Event im Saarland werden, wenn es schlecht läuft. Am vergangenen 11. November hatten Ministerpräsident Hans und Innenminister Bouillon Fluthelfer aus dem Saarland zu einer Dankesfeier eingeladen. Und mehr als 1.100 Menschen kamen. Teilweise wurde ohne Maske gefeiert. Kurz danach wurde Innenminister Bouillon positiv auf das Corona-Virus getestet. Und das war nicht sein einziger Termin. Jetzt läuft die Kontaktnachverfolgung. Zuständig dafür ist das Gesundheitsamt Sankt Wendel. Dazu im SR-Interview: der St. Wendeler Landrat Udo Recktenwald.

SR: Herr Recktenwald, einige SR-Kollegen, die auf der Feier waren, haben noch nichts vom Gesundheitsamt gehört. Warum?

Recktenwald: Wir sind jetzt an einem Punkt, der sich zunehmend einstellen wird: In einer Situation, in der es keinen Lockdown gibt, in der also ungehindert Kontakte stattfinden - vor dem Hintergrund, dass geimpft wird und wir davon ausgehen, dass es keinen Lockdown geben muss. Aber es wird für die Gesundheitsämter nicht mehr möglich sein, dauerhaft alle Kontakte nachzuverfolgen.

Deswegen haben wir in der "Causa Bouillon" auch als Gesundheitsamt gesagt: Wir informieren natürlich das unmittelbare Umfeld derjenigen, die er uns angeben hat und mit denen er zu tun hatte. Die anderen werden über die entsprechenden Organisationen schriftlich informiert. Aber es bleibt auch ein Stück Eigenverantwortung. Wir fragen beim Gesundheitsamt zuerst: Wer ist geimpft? Wer geimpft ist, muss nicht in Quarantäne. Und ansonsten werden es wir dauerhaft nicht schaffen, jeden Kontakt zu verfolgen.

SR: Ist das Gesundheitsamt St. Wendel am Limit?

Recktenwald: Das betrifft nicht nur das Gesundheitsamt St. Wendel. Das geht allen Gesundheitsämtern so. Wir hatten im vergangenen Jahr eine Situation mit Lockdown und Ausgangssperre. Da gab es viel weniger Kontakte und deswegen auch weniger Bedarf an Kontaktnachverfolgung. Deswegen glaube ich, werden wir an 2G plus nicht vorbeikommen - also geimpft und getestet. Wenn wir verhindern wollen, dass Veranstaltungen nicht stattfinden, oder dass es Kontaktbeschränkungen und Lockdowns gibt, wird das nur mit 2G plus gehen. Denn wir sind personell nicht in der Lage, jeden Kontakt selbst nachzuverfolgen - obwohl das dringend notwendig wäre, um Infektionsketten zu kappen. Hier müssen wir an die Eigenverantwortung der Betroffenen appellieren.

SR: Aus dem Landkreis Saarlouis hören wir: Dort sind die Schulen gebeten worden, positive Schnelltest-Ergebnisse nicht mehr an die Gesundheitsämter weiterzuleiten, sondern die Eltern selbst zu informieren...

Recktenwald: Hier geht es darum, mehr Eigenverantwortung einzufordern. Bei uns in St. Wendel versuchen wir immer noch, jeden Kontakt zu ermitteln. Aber am Wochenende sind wir nicht mehr so stark besetzt wie in den ersten Wellen. Das heißt: Am Wochenende werden die Fälle informiert, aber nicht alle Kontakte abtelefoniert. Das geht dann erst zu Beginn der Woche.

Es kommt hinzu, dass wir Personal und auch Soldaten, das wir jetzt in der Kontaktverfolgung einsetzen, möglicherweise wieder abziehen müssen, wenn wir die Impfzentren wieder öffnen, um die Booster-Impfung durchzuführen.

SR: Hätte man das nicht kommen sehen müssen? Stocken die Gesundheitsämter wieder Personal auf - oder gibt es schlichtweg zu wenig Personal?

Recktenwald: Es ist ja so, dass in den Gesundheitsämtern über das originäre Personal hinaus für die Bewältigung der Pandemie und Kontaktverfolgung Bundeswehrsoldaten und Mitarbeiter des RKI eingesetzt werden - zusätzliches Personal also, das wir im Moment aus dem Impfzentrum abgezogen haben. Diese administrativen Kräfte müssen dann wieder dort hin, wenn das Impfzentrum wieder öffnet.

Nur haben wir jetzt eine andere Situation als vor einem Jahr. Wir haben die Möglichkeit des Impfens, auch der Auffrischungs-Impfung. Wir werden dahin kommen müssen, den Menschen zu sagen: Wer sich schützen will, muss sich impfen lassen. Und wer Veranstaltungen wahrnehmen will, muss geimpft und getestet sein. Ansonsten werden wir bei laufendem gesellschaftlichem Betrieb die Kontakte dauerhaft nicht mehr nachverfolgen können.

SR: Wünschen Sie sich mehr Klarheit von Seiten der Politik? Wenn ja, was?

Recktenwald: Natürlich. Die Politik muss diese Woche klar entscheiden, wohin die Reise geht. Es wäre auch wünschenswert, dass es dann nicht in jedem Bundesland unterschiedlich gehandhabt wird. Wir haben eine ziemlich hohe Impfquote im Saarland, aber wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, brauchen wir überall eine hohe Impfquote und eine Bereitschaft zur Auffrischungs-Impfung. Deswegen ist es richtig, dass wir die Impfzentren wieder hochfahren und dass wir die Praxen dazu bekommen, dass sie impfen. Denn das ist der größtmögliche Schutz. Ich sehe keine Alternative dazu. Ich will auch keinen Lockdown, ich will auch keine Geschäfte schließen oder Veranstaltungen absagen müssen. Und die einzige Chance lautet hier: 2G plus.

Das Interview führte Simin Sadeghi.

Das Interview zum Nachhören

"Werden es dauerhaft nicht schaffen, jeden Kontakt zu verfolgen."
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi / Udo Recktenwald, 15.11.2021, Länge: 05:59 Min.]
"Werden es dauerhaft nicht schaffen, jeden Kontakt zu verfolgen."

Ein Thema in der Sendung "Region am Mittag" am 15.11.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

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