Mann mit Kapuzenpulli (Foto: imago/STPP)

"Rassistische Gedanken haben die Grenze der Szene verlassen"

Interview: Nadine Thielen   11.10.2019 | 12:15 Uhr

Nach dem Anschlag in Halle hat die Synagogengemeinde Saar am 11. Oktober zum Schabbat-Gottesdienst und Gedenkmarsch in Saarbrücken aufgerufen. Man möchte ein Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus setzen. Im SR-Interview zeigt sich der Chef des saarländischen Verfassungsschutzes Helmut Albert betroffen. Er beobachte eine Enttabuisierung von Fremdenfeindlichkeit innerhalb der Gesellschaft sowie eine Zunahme von rechtsextremistischen Gewalttaten außerhalb der beobachteten Szene. Eine Tat wie in Halle halte er in ganz Deutschland für möglich, so Albert.

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"Rassistische Gedanken haben die Grenze der Szene verlassen"
Audio [SR 3, Interview: Nadine Thielen / Helmut Albert, 11.10.2019, Länge: 04:45 Min.]
"Rassistische Gedanken haben die Grenze der Szene verlassen"

"Was in Halle passiert ist, kann theoretisch überall in Deutschland passieren", sagt der saarländische Verfassungsschutzchef Helmut Albert. Im Saarland habe die Szene bisher "sehr verhalten" reagiert. Es seien die Aufrufe im Internet und die Medienberichte über den Anschlag getauscht worden" und "es gibt eine halbherzige Distanzierung von den Vorfällen", so Albert.

Einzeltäter oft schwer im Vorfeld zu erkennen

Der Täter in Halle war vermutlich ein Einzeltäter. Es sei sehr schwer, Einzeltäter zu erkennen, vor allem, wenn sie keinen Kontakt zur Realwelt haben, "zum Beispiel, indem sie sich an Diskussionen mit schon bekannten Rechtsextremen beteiligen", sagt Albert. Der Verfassungsschutz sei keine "NSA light", die das Internet komplett danach scanne, ob sich dort irgendjemand verdächtig mache. Vielmehr werde gezielt die Betätigung der bekannten Rechtsextremen beobachtet.

Video [aktueller bericht, 11.10.2019, Länge: 2:06 Min.]
Verfassungsschutz zur rechtsextremistischen Szene im Saarland

Vermehrt Gewalttäter ohne Szene-Hintergrund

Insgesamt könne man beobachten, dass rechtsextremistisches Gedankengut in den letzten Jahren bei der Bevölkerung vermehrt auf Symphatie treffe, sagt der Verfassungsschützer. Früher hätten sich die Menschen meist deutlich von dem rechtsextremen Gedankengut abgegrenzt. "Dieses Tabu ist nicht mehr da." Rassistische, antisemitische, fremdenfeindliche Äußerungen von Rechtsextremen hätten die Grenzen der Szene verlassen und seien in die Gesellschaft hineingesickert. Dies sei auch an den rechtsextremistischen Gewalttaten ablesbar. "Wir hatten im letzten Jahr mit 18 Gewalttaten einen neuen Höchststand", so Albert. Die erkannten Täter seien aber alle nicht aus der vom Verfassungsschutz beobachteten Szene gekommen. "Sie kamen einfach aus der Bevölkerung und wurden uns erstmals mit ihrer Gewalttat bekannt."


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Ein Thema in der "Region am Mittag" am 11.10.2019 auf SR 3 Saarlandwelle.

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