Eine junge Frau bedient ihr Smartphone (Foto: picture alliance/dpa | Weronika Peneshko)

"Ziel ist es, das Vertrauen in die Demokratie zu zerstören"

Interview: SPIEGEL-Journalistin Ann-Kathrin Müller zu Desinformationskampagnen

Interview: Dorothee Scharner   31.08.2021 | 16:30 Uhr

Wahlkampf findet inzwischen auch verstärkt in den sozialen Medien statt. Doch stammen die Aussagen wirklich von den Politikern und Politikerinnen? Wurden sie vielleicht verfälscht oder sogar erfunden? Die SPIEGEL-Journalistin Ann-Kathrin Müller setzt sich schon lange mit dem Thema auseinander und beobachtet derzeit gezielte Desinformationskampagnen.

Die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs läuft und inzwischen spielen die sozialen Medien beim Kampf um Stimmen eine immer größere Rolle.

Journalistin Müller: "Ziel ist es, das Vertrauen in die Demokratie zu zerstören"
Audio [SR 3, Interview: Dorothee Scharner, 31.08.2021, Länge: 05:13 Min.]
Journalistin Müller: "Ziel ist es, das Vertrauen in die Demokratie zu zerstören"
Interview mit der SPIEGEL-Journalistin Ann-Kathrin Müller

Doch nicht alles, was über Facebook, Telegramm und Co. verbreitet wird, entspricht auch der Wahrheit. Und nicht immer stecken nur Witzbolde dahinter. Die sozialen Medien werden auch immer mehr zum politischen Propagandainstrument - von politischen Interessensgruppen und sogar von Staaten.

Ann-Kathrin Müller ist SPIEGEL-Journalistin. Zusammen mit ihrem Kollegen Maik Baumgärtner hat sie zu dem Thema recherchiert. Der Spiegel-Beitrag dazu trägt den Titel "Wie russische Hacker und Rechtsextreme die Bundestagswahl manipulieren wollen“.

Fake-News und Desinformationen

Sie sagt: Grundsätzlich müsse man zwischen Fake-News und Desinformation unterscheiden. Fake-News sind in der Regel reine Erfindungen, bei Desinformationen werde oftmals subtiler gearbeitet, beispielsweise durch ein Zitat, das an sich korrekt ist, jedoch in einem falschen Kontext dargestellt wird. "Desinformation ist deshalb schwieriger zu erkennen", so Müller. Sehr geschickt darin sei beispielsweise "Russia Today".

Desinformationskampagnen vor allem gegen die Grünen

Bei ihren Recherchen habe sie sowohl Desinformationen gefunden als auch Fake-News. Vor allem die Grünen und ihre Spitzenkandidatin Annalena Baerbock seien derzeit davon betroffen, aber nicht nur. Die Angriffe kämen vor allem aus dem rechten Spektrum, so Müller. "Wir können in vielen Fällen sehen, dass sie aus Netzwerken kommen, die extrem rechts sind und sich auch vernetzen, um solche Kampagnen zu starten."

Das Ziel: Vertrauen in die Demokratie zerstören

Ziel dieser Desinformationskampagnen sei es, das Vertrauen in die Demokratie zu zerstören, sagt die Journalistin. Dabei werde versucht, in der Bevölkerung Zweifel an demokratischen Institutionen zu sähen. "Russland mache das sehr, sehr extrem in Deutschland - mehr als in jedem anderen europäischen Land", so Müller. Dazu gebe es inzwischen auch Studien. Die Absicht, die dahinter stecke, sei die Schwächung Deutschlands und seiner Wirtschaftsmacht - und zwar durch Spaltung in der Bevölkerung.

Dass die Desinformationskampagnen sich verstärkt gegen die Grünen richten, sieht Müller in der strikteren Position der Partei gegenüber Russland - und auch China, das ebenfalls ein Player in diesem Spiel sei. Ziel sei es, zu verhindern, dass die Partei ins Kanzleramt einziehe.

Wie kann man Desinformation erkennen?

Gut gemachte Desinformation ist nicht leicht zu erkennen. Müller gibt den Tipp: "Wenn mich etwas sehr emotionalisiert, was ich sehe, dann mal kurz zurücktreten und sich die Frage stellen: Kann das wirklich sein?" Und dann bei anderen Medien die Information gegenchecken, also überprüfen, ob und was diese dazu schreiben. Und dabei sollte man nicht nur bei den sozialen Medien oder Messengerdiensten den Gegencheck machen.

Ein Thema in der "Region am Nachmittag" am 31.08.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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