Demonstraten auf einer Demonstration gegen die Coronasmaßnahmen der Regierung (Archiv) (Foto: picture alliance / Rupert Oberhäuser | Rupert Oberhäuser)

"Wir sollten den Spaltkeil nicht weiter hineinschlagen"

Interview: Prof. Dr. Wolfgang Meyer zu den Impfgegner-Demos

Interview: Simin Sadeghi   13.12.2021 | 16:15 Uhr

Immer wieder gibt es Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen und immer wieder kommt es dabei zu Ausschreitungen. Wie problematisch sind solche Demonstrationen und droht uns eine Spaltung der Gesellschaft? Nein, sagt der Soziologe Wolfgang Meyer. Besorgniserregend sei jedoch die gestiegene Aggressivität und die gestiegene Zahl derer, die mit dem Staat und seinen Strukturen nicht mehr einverstanden sind.

Nun haben die Anti-Impf-Demos auch Saarbrücken erreicht. Am 12. Dezember demonstrierten rund 600 Menschen vor dem Gesundheitsamt gegen die geplante Einführung einer Teilimpfpflicht. Die Demonstration in Saarbrücken verlief friedlich.

"Wir sollten den Spaltkeil nicht weiter hineinschlagen"
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi, 13.12.2021, Länge: 03:57 Min.]
"Wir sollten den Spaltkeil nicht weiter hineinschlagen"
Interview mit dem Soziologen Prof. Dr. Wolfgang Meyer von der Uni Saarbrücken

Doch das ist bei weitem nicht überall so. Viele sprechen inzwischen von einer Spaltung der Gesellschaft.

Grundsätzlich gelte: "Demonstrationen sind wichtig und ein existenzieller Bestandteil von Demokratie", sagt Prof. Dr. Wolfgang Meyer, Soziologe an der Saar-Uni. Dass es gewaltsame Demonstrationen gebe, sei nicht neu.

"Diese Dimension haben wir früher nicht gehabt"

Dass dabei auch vor der Privatsphäre von Politikerinnen und Politkern nicht mehr Halt gemacht werde, sei hingegen eine neue Entwicklung, die für die Betroffenen zudem sehr beängstigend sei. Diese Strategie ziele darauf, vor allem Lokalpolitiker unter Druck zu setzen. Diese Personalisierung und Brutalisierung habe es so früher nicht gegeben, sagt der Soziologe.

Immer mehr Aggression in der politischen Debatte

Mayer ist der Auffassung, dass "in den letzten Jahren immer mehr Aggression in die politische Debatte gekommen ist." Es sei ein schleichender Prozess, führe aber schließlich zu "Hasstiraden auf beiden Seiten." Und das sehe man nicht nur bei Demonstrationen, sondern zum Teil auch bei Debatten wie beispielsweise im Fall des Fußballers Kimmich, nachdem er erklärt hatte, dass er mit dem Impfen noch warten wolle. "Da gab es von beiden Seiten eine gehörige Aggresivität zu den Positionen, Aggressionen, die schon beängstigend sind."

Den Spaltkeil nicht weiter hineinschlagen

Eine generelle Spaltung der Gesellschaft sieht Mayer derzeit nicht. Es gebe beispielsweise die Ängste vor dem Impfstoff. Es sei dabei keine Frage, ob die Ängste berechtigt seien, entscheidend sei: "Die Ängste sind real."

Eine Gefahr sieht Mayer darin, dass die Zahl der Menschen, die mit dem Staat und seinen Strukturen nicht mehr einverstanden sind, zugenommen habe. "Und die kommen leider doch sehr stark aus einer rechtsradikalen Ecke" und erhielten Unterstützung von Menschen, die - besonders auch im Osten - enttäuscht und frustriert seien. Darin läge tatsächlich ein Spaltpotenzial, sagt Mayer. "Aber wir sollten nicht den Spaltkeil weiter hineinschlagen sondern versuchen, wieder zusammen zu kommen."

Ein Thema in der "Region am Nachmittag" am 13.12.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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