Klimaforscher Mojib Latif (Foto: dpa)

Klimaforscher Latif: "Wir wären hilflos ausgeliefert"

Interview: Michael Friemel / Online-Fassung: Patrick Wiermer   03.11.2021 | 10:27 Uhr

Wenn´s ums Klima geht, ist ja meistens die Rede von der "Erderwärmung". Es gibt aber noch andere Dinge am Klimawandel, die der Forschung richtig Sorgen machen - das sind die sogenannten Kipppunkte. Die dürften auch in Glasgow ein Thema sein, wo gerade die UN-Klimakonferenz tagt. Im Interview: Der Klimaforscher Professor Mojib Latif vom Geomar, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

SR: Was bedeutet der Begriff "Kipppunkt"?

Mojib Latif: Wenn man eine bestimmte Erwärmung überschreitet, dann setzen Prozesse ein, die man nicht mehr stoppen kann, selbst wenn man keine Treibhausgase mehr ausstößt. Beispiel ist etwa Grönland. Grönland hat einen ganz dicken Eispanzer. Der wird allerdings ab einer gewissen Temperatur abschmelzen. Dann hätten wir möglicherweise einen Anstieg des Meeresspiegels von sieben Metern in den nächsten Jahrhunderten. Wir wären hilflos ausgeliefert.

SR: Wie weit sind wir denn im Grönland von diesem Kipppunkt entfernt?

Latif: Das ist umstritten. Einige glauben, dass wir schon ganz nah sind. Andere Studien sagen, dass wir noch ein bisschen Zeit haben. Der Punkt ist - es wird ja im Moment auch wieder sehr viel über das Pariser Klimaabkommen zitiert - und in diesem Abkommen steht, dass sich die Staatengemeinschaft verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad, besser noch 1,5 Grad zu begrenzen. Wir hoffen es, wir wissen es allerdings nicht, dass diese Kipppunkte nicht überschritten werden.

SR: Gibt es noch andere Kipppunkte?

Latif: Ja, zum Beispiel die Weltmeere. Denn wir haben in den Tropen sehr viele Ökosysteme. Die Korallen mögen zwar warmes Wasser, aber ein Grad zuviel ist auch für die Korallen zu viel. Nach unseren Berechnungen bedeutet das bei 2 Grad mehr, dass sie wohl alle sterben würden. Da sind wir wohl ganz dicht vor einem Kipppunkt. Auch der Permafrostboden ist in der Diskussion. Da sind ja gewaltige Kohlenstoffmengen gespeichert.

SR: Das erscheint ja alles von uns sehr weit entfernt, aber es betrifft uns direkt?

Latif: Ja, genau. Im Falle Grönlands würden wir das natürlich auch an den Küsten von Ost- und Nordsee merken. Vielleicht steigt auch dort der Meeresspiegel. Die norddeutschen Küstenländer wären unmittelbar betroffen.

SR: Können wir die Kipppunkte noch aufhalten?

Latif: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir haben jetzt die 26. Weltklimakonferenz in Glasgow. Und trotz mehr als 25 Jahren Klimadiplomatie steigen die Treibhausgasemissionen immer noch. Wir sind also immer noch auf dem falschen Weg. Jetzt geht es wirklich um jedes Zehntel Grad. Denn ab 1,5 Grad wird es schon kritisch. Insofern kann ich nur an die Weltgemeinschaft und an die Delegierten in Glasgow appellieren: Bitte, bitte, sorgt dafür, dass nicht noch mehr Gase in die Atmosphäre kommen.

Über dieses Thema wurde in "Guten Morgen" am 3.11.2021 berichtet

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