Alexander Jorde im TV (Foto: ZDF / Maybrit Illner)

"Corona hat die Missstände in der Pflege offengelegt"

Andree Werner   06.09.2021 | 06:40 Uhr

Eine Infratest-Dimap-Umfrage Juni hatte unter anderem ergeben, dass den Menschen im Land das Thema "Pflege am Herzen liegt. Alexander Jorde ist wohl einer der bekanntesten Pfleger Deutschlands. 2017 griff er im TV die Kanzlerin scharf an und beklagte sich öffentlich über die Missstände in der Pflege. Wir sprechen mit Ihm im ausführlichen SR 3-Interview über die aktuelle Lage.

2017, die ARD-Wahlarena im Fernsehen mit Angela Merkel - und im Publikum saß ein junger Pfleger, der die Kanzlerin, wie man so sagt, "gegrillt" hat. Der ihr sehr deutlich gesagt hat, was in der Pflege in Deutschland schief läuft. Das Thema Pflege ist auch bei dieser Bundestagswahl immer noch wichtig. Deshalb haben wir nochmal mit Alexander Jorde , der seit 2018 SPD-Mitglied ist, gesprochen, um ihn zu fragen, wie er die Lage heute einschätzt.

Frage: 2017 haben Sie sich sehr über die Zustände beschwert. Wie sieht es denn mittlerweile aus?

Ich glaube, man kann schon sagen, dass sich - vor allem auf der Ebene von Gesetzen - Dinge geändert haben. Aber es dauert natürlich, bis Veränderungen in der Praxis ankommen. Wenn man sich beispielsweise das Thema "Personaluntergrenzen" anschaut, war 2017 meine primäre Frage an die Bundeskanzlerin, warum es keinerlei Vorgaben für den Krankenhausbereich gibt, bei denen vorgeschrieben ist, wie viele Patienten maximal von einer Pflegekraft betreut werden dürfen.

Mittlerweile gibt es Untergrenzen - in einigen Bereichen der Pflege, leider noch nicht in allen Bereichen. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte sich da ja lange gesperrt, das durchzusetzen.

Man muss aber trotzdem sagen, dass die Situation, gerade durch Corona, in vielen Krankenhäusern und auch in den vielen Krankenhäusern und auch in den vielen Pflegeheimen nochmal schlimmer geworden ist für das Personal. Und sich gerade in dieser Zeit auch viele Kollegen dazu entschlossen haben, den Beruf dann tatsächlich zu verlassen oder ihre Arbeitszeit weiter zu reduzieren.

Frage: Sie haben damals der Kanzlerin gesagt: Die Würde des Menschen wird in Deutschland jeden Tag verletzt, weil die Pflege nicht all das leisten kann was sie leisten müsste. Fühlen Sie sich überfordert?

Ich denke, dass fast alle Pflegekräfte ein stückweit überfordert sind - nicht, weil sie den Belastungen, die der Beruf mit sich bringt, nicht gerecht werden können, sondern die Überforderung tritt einfach ein, wenn man zu viele Patienten betreuen muss, wenn man zu viele Aufgaben übernehmen muss.

Es gibt immer noch Krankenhäuser, wo die Pflegekräfte zu viele Patienten betreuen und gleichzeitig auch noch Bettenplätze reinigen müssen, wo sie die Station auffüllen müssen, das heißt, auch noch Aufgaben übernehmen müssen, die eigentlich nicht die Aufgaben einer Pflegefachperson sind. Und das führt natürlich für viele zur Überforderung. Und das ist ja auch der Grund, warum beispielsweise eine Berufsunfähigkeitsversicherung für eine Pflegekraft fast unbezahlbar ist, weil die meisten es eben nicht bis zur Rente schaffen aufgrund von Burnout, aufgrund von Erkrankungen des Gelenkapparates. Das sind eben die Belastungen, mit denen man in dem Beruf umgehen muss und was leider dazu führt, dass viele sich dann relativ schnell dafür entscheiden, den Beruf wieder zu verlassen.

Frage: Sie haben vorhin gesagt: An manchen kleinen Stellen ist in den vergangenen Jahren schon ein bisschen geschraubt worden. Was müsste jetzt noch passieren, um diese Überlastung abzustellen?

Ich glaube, dass eine wichtige Komponente ganz ohne Zweifel auch das Gehalt ist. Wenn ich einer Tätigkeit nachgehe, in der ich eine so hohe Verantwortung trage, dann muss sich das auch beim Geld widerspiegeln. Geld ist natürlich nicht alles - das sagen viele, aber vor allem sagen das diejenigen, die ein relativ gutes Gehalt haben.

In der Pflege ist es aber so, dass das natürlich auch ein Attraktivitätsfaktor ist - auch wenn es darum geht, in Zukunft junge Menschen zu überzeugen, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Da spielt natürlich auch eine Rolle, ob man konkurrenzfähig ist - beispielsweise mit Arbeitsplätzen in der Industrie. Ich fordere - und das fordern beispielsweise auch Gewerkschaft und Berufsverbände - ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro brutto in der Pflege und perspektivisch deutlich höhere Löhne.

Frage: Und über den Lohn könnte man mehr Menschen davon überzeugen, den Beruf zu wählen und mehr Menschen einstellen und so für eine personelle Entlastung sorgen?

Genau. Ein höheres Gehalt erhöht auch die Attraktivität eines Berufes und führt dazu, dass mehr Menschen nicht des Geldes wegen sich dafür entscheiden, aber weniger Menschen sich aufgrund der schlechten Bezahlung dagegen entscheiden.

Ein ganz anderer Faktor ist natürlich die Personaluntergrenze. Ich finde, das muss in einer kommenden Bundesregierung ein ganz wichtiger Punkt sein, dass das vorgeschrieben wird, gesetzlich, und dass das dann auch überprüft und sanktioniert wird, wenn es nicht eingehalten wird. Dass es zu keiner Überlastung in keinem Bereich im Krankenhaus kommen darf, dass man ganz klare Vorgaben hat, wie viele Patienten eine Pflegekraft betreuen darf und die Kliniken müssen sich daran halten. Das ist ein ganz, ganz, wichtiger Punkt.

Das Interview in voller Länge zum Nachhören

Alexander Jorde: "Corona hat die Missstände in der Pflege offengelegt"
Audio [SR 3, (c) SR 3, 06.09.2021, Länge: 09:17 Min.]
Alexander Jorde: "Corona hat die Missstände in der Pflege offengelegt"

Ein Thema auf SR 3 Saarlandwelle am 6.9.2021 in den Sendungen "Region" und "Guten Morgen".

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