Mikrochips (Foto: dpa/Patrick Pleul)

Was tun gegen den Halbleitermangel?

Interview: Simin Sadeghi   27.10.2021 | 16:20 Uhr

Halbleiter zur Herstellung von Mikrochips sind Mangelware auf dem Weltmarkt. Viele Unternehmen, wie auch Ford im Saarland, sind aber auf die Importware angewiesen und müssen ihre Produktion drosseln. Was kann man dagegen tun?

Seit Monaten schon steht bei Ford, auch im Werk Saarlouis, immer wieder die Produktion still oder wird runtergefahren. Der Grund: Es fehlen Halbleiter. Die werden gebraucht für Mikro-Chips, die in Autos verbaut werden. Die Chips kommen meist aus Asien. Immer wieder kommt es zu Lieferengpässen. Und das betrifft konkret den saarländischen Ford-Arbeiter im Saarlouiser Werk, der ab November schon wieder in Kurzarbeit gehen muss. Doch was kann man dagegen machen? Dazu im Interview: Steffen Hütter, Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Produktion, Logistik und Beschaffung an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.

SR: Herr Hütter, erklären Sie vielleicht erst nochmal: Wie kommt es denn immer wieder zu diesen Lieferengpässen?

Steffen Hütter: Zunächst muss man einmal sagen, dass diese Lieferkette aus Fernost ein sehr fragiles Konstrukt ist. Es wird über viele Knotenpunkte transportiert, über Luft- und Schienenwege und die Straße. Das ist einfach sehr komplex. Und da kann es natürlich immer wieder mal zu Störungen kommen - selbst in einem eingespielten und stabilen Zustand. Aber was wir in den letzten Monaten und eineinhalb Jahren erleben, ist alles andere als stabil und zuverlässig.

SR: Liegt es auch daran, dass immer mehr Miko-Chips gebraucht werden?

Steffen Hütter: Das mag auch sein. Denn selbst die Kaffeemaschine, die Spülmaschine, die Waschmaschine hängen mittlerweile am Internet. Das heißt: Nicht nur in Autos, sondern in viele andere Produkte kommen Mikro-Chips rein. Wir schaffen uns so auch selbst Konkurrenz zwischen den verschiedenen Branchen.

SR: Gibt es denn Pläne sich von den Herstellern in Asien unabhängig zu machen?

Steffen Hütter: Das Problem ist - und da sind wir bei einer der mittel- bis langfristigen Ursachen: Man hat vor Jahrzehnten mit einer Outsourcing-Strategie in der deutschen und europäischen Wirtschaft begonnen, wo man gesagt hat: Alles, was nur halbwegs oder auch nur einen Pfennig oder Cent preiswerter irgendwo anders produziert werden kann, das soll auch dort produziert werden. Weil eben auch die Transportkosten keine Rolle spielten und die Logistikwege eingespielt und stabil waren. Damit hat man nicht nur Aufträge abgegeben, sondern auch Kompetenz woanders hin verlagert. Und das jetzt einfach nochmal zurückzunehmen, das ist gerade bei einem so komplexen Produkt sehr, sehr schwer - wenn nicht sogar auf absehbare Zeit unmöglich. Deshalb muss man andere Wege gehen, um eine zukünftige Versorgung sicherzustellen.

SR: Welche Wege könnten das sein?

Steffen Hütter: Zunächst einmal haben wir ein ganz schwieriges Thema: Das sind pandemiebedingte Systemausfälle. Das kann ein Spediteur sein, der insolvent geht, das kann ein LKW sein, der keinen Fahrer hat. Das sind oft auch ganz einfache Dinge, die aber aktuell und in den letzten Monaten auch sehr stark an Corona hängen.

Systemausfälle, die weltweit passieren, die können nur dann vermieden werden, wenn wir weltweit das Thema Corona, bzw. Covid-19 in den Griff bekommen. Da sind wir im Saarland natürlich nicht die, die am Hebel sitzen. Aber wir können alle darauf hinwirken, das die Diskussion um das Thema Impfstoff für andere Länder nicht beendet, sondern fortgeführt wird. Denn erst wenn wir das Thema weltweit im Griff haben, werden diese weltweiten Lieferketten wieder etwas geschmeidiger laufen können.

SR: Wäre es keine Lösung, Halbleiter hier in Deutschland oder Europa zu produzieren - wie es zum Beispiel Bosch plant?

Steffen Hütter: Ja, es gab auch vor kurzem ein Werk in Österreich, das eröffnet wurde, wo viele Millionen investiert wurden, um da eine Halbleiterproduktion nochmal aufzuziehen. Das sind sicherlich kleine Tropfen auf den heißen Stein. Das ist auch der Weg in die richtige Richtung. Aber da muss man geduldig sein. Ein Fertigungswerk wird nicht innerhalb von einem Jahr stehen - und es wird auch die Kapazität nicht innerhalb kürzester Zeit ausschöpfen können. Also insofern ist das sicherlich ein Weg, den wir einschlagen müssen. Da geht es aber nicht nur um den Aufbau von Werken, sondern auch um Rohstoffwege, die auch wieder in Gang gebracht werden müssen. Und es geht um Kompetenzen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die dann auch wieder reaktiviert werden müssen. Durch diese Maßnahme ist meiner Meinung nach in drei bis vier Jahren keine Linderung in Sicht.

SR: Bedeutet das für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Ford in Saarlouis, dass sie auch die nächsten Jahre weiter mit Kurzarbeit rechnen müssen?

Steffen Hütter: Ich glaube, dieser eklatante Mangel, den wir momentan haben, wird in einigen Wochen, maximal Monaten vorüber sein - wenn dann auch Gegenmaßnahmen greifen. Zum Beispiel hat man einige Produktionen statt mit dem Flugzeug mit dem Schiff auf die Reise nach Europa geschickt. Da sind mittlerweile Bestellungen zwar auch auf dem Weg, aber die werden erst in einigen Wochen eintreffen. Dann aber in einer Vielzahl, die dann zunächst einmal dazu führen wird, dass Produktionen anlaufen können. Insofern sind die Entscheidungen der Unternehmen, aktuell weniger zu produzieren anstatt halbfertige Autos auf die Seite zu stellen, schon vernünftig und nachvollziehbar - wenn auch für einzelnen betroffenen Mitarberinnen und Mitarbeiter sehr schmerzhaft.

SR: Was könnte man denn im Saarland gegen den Halbleitermangel tun?

Steffen Hütter: Unmittelbar könnte man orchestriert und angeregt durch die politischen Verantwortlichen, sagen: 'Welche Unternehmen leiden denn noch - außer Ford?' Da gibt es sicherlich auch andere Unternehmen, die jetzt nicht dieses Sprachrohr haben oder nicht so groß sind. Und könnte dann versuchen, da Kompetenz an einen Tisch zu bringen: Zahlen, Fakten, Daten auf den Tisch zu legen und zu schauen: Wo stecken denn Aufträge oder gibt es auch Ware, die schon unterwegs ist? Die man sich vielleicht auch teilen könnte? Das sind natürlich alles sehr spezifische Materialien. Ein Halbleiter, der bei Ford eingebaut wird, passt nicht unbedingt auch in eine Kaffeemaschine. Aber es gibt mit Sicherheit auch unter dem Motto 'gemeinsam sind wir stark' Möglichkeiten, hier als Region, als Auto-Region und Industrieland auch mit der entsprechenden politischen Unterstützung eine Task-Force zu bilden. Und dann sich einfach mal ein paar Tage einsperren und dann haben wir vielleicht ein paar tausend Halbleiter mehr vor Weihnachten als bisher geplant. Also, da reicht es nicht, wenn die Leute an der Rampe stehen und warten, bis der Container oder der LKW kommt. Es müssen auch Leute auf der planerischen Ebene da sein, die taktisch und strategisch denkend hier eingreifen.

Das Interview führte Simin Sadeghi.

Das Interview in voller Länge zum Nachhören

Was tun gegen den Halbleitermangel?
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi / Prof. Steffen Hütter, 27.10.2021, Länge: 06:36 Min.]
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