Gedenken an die Deportation der jüdischen Mitbürger aus Siersburg nach Gurs vor 80 Jahren (Foto: Patrick Wiermer/SR)

Deportation der südwestdeutschen Juden nach Gurs

Lisa Huth   22.10.2020 | 09:11 Uhr

Am 22. Oktober 1940 begann die Deportation der 6.500 Juden, die noch im Südwesten Deutschlands lebten, nach Südfrankreich in das Lager Gurs. Die so genannte „Wagner-Bürckel-Aktion“ der beiden Gauleiter von Baden und der Saarpfalz war die erste Deportation von Juden auf deutschem Boden. Zigtausende kamen ums Leben. Wer den Hunger und die unsäglichen hygienischen Bedingungen überstand, wurde nach Auschwitz verbracht. Nur ganz wenige überlebten. Eine Ausstellung im Historischen Museum in Saarbrücken erinnert an die Deportation und Ermordung.

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Vor 80 Jahren wurden 6.500 Juden nach Gurs deportiert
Audio [SR 3, Lisa Huth, 22.10.2020, Länge: 04:07 Min.]
Vor 80 Jahren wurden 6.500 Juden nach Gurs deportiert

Nelly Brügelmann ist Mitarbeiterin im Historischen Museum in Saarbrücken und hat eine Arbeit über die damaligen Gauleiter Josef Bürckel (Saarpfalz) und Robert Wagner, (Baden) geschrieben. "Bürckel hatte bereits in Österreich und in Polen Ansätze entwickelt, wie Deportationen heimlich und möglichst kosteneffizient werden konnten. Dieses Wissen nutzte er nun, um die erste Deportation auf deutschem Boden durchzuführen", so Brügelmann

Insgesamt wurden mehr als 6500 Jüdinnen und Juden aus dem südwestdeutschen Raum nach Gurs deportiert. Im Saarland waren die meisten Juden schon vor 1940 geflohen, 950 lebten noch hier - überwiegend in saarländischen Dörfern.

Nicht mehr als ein Koffer

Die Menschen bekamen ein bis zwei Stunden Zeit, durften hundert Mark pro Erwachsener mitnehmen, 30 Mark pro Kind, drei Paar Hosen, drei paar Hemden. Schmuck und Wertgegenstände mussten sie zurücklassen.

Das Ziel war nicht zunächst aber nicht Gurs, hat Nelly Brügelmann bei ihrer Recherche herausgefunden. 1940 seien die KZs im Osten noch nicht "funktionsbereit" gewesen. "Aber Frankreich war bereits erobert. So wurden die Juden in Züge verfrachtet und nach Vichy in Frankreich gebracht. Erst als die Züge im Bahnhof standen, hat Marschall Petain Bescheid bekommen, und ab dann war es sein Problem. Er hat dann entschieden, dass die Juden nach Gurs kommen." Gurs war ursprünglich ein Lager für spanische Kriegsgefangene in den Pyrenäen.

Gedenkveranstaltungen

  • In Siersburg-Rehlingen wird mit einer Broschüre an die Deportation der dortigen nach Gurs erinnert.
  • Am 22.10. um 17.00 Uhr laden unter anderem die VHS und die Landeszentrale für politische Bildung zu einer Gedenkveranstaltung auf den Schlossplatz ein.
  • Am 25.10. und 1.11. gibt es Führungen des Historischen Museums Saar: Eine Ausstellung erinnert an die Deportation und Ermordung. In einem Vortrag und Gottesdienst wird erläutert, was das Lager Gurs in den Pyrenäen bedeutete, das als „die Vorhölle von Auschwitz“ bezeichnet wird.
  • Das komplette Veranstaltungsprogramm der Landesarbeitsgemeinschaft „Erinnerungsarbeit“ finden sie hier: www.saarland.de

Die ältesten Deportierten waren weit über Neunzig. Die meisten starben an Unterernährung in den fensterlosen Baracken oder an den katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Eine Überlebende: "Ich war neun Jahre alt, und für mich war das schlimm. Kein Bett, nichts zu essen, der Lehm kniehoch, nachts mussen wir auf dem Boden schlafen. Und dann haben wir ein ganz kleines Stück Brot bekommen. Das hat man aufhängen müssen. Wir hatten ja Ratten, Mäuse, Flöhe, Läuse, alles. Wenn man das nicht hoch aufgehangen hat, hat man nichts zu essen gehabt."

Für die, die Gurs überlebten, war das Leid aber nicht zu Ende. Als Auschwitz soweit war, dass es genutzt wurde, wurden die wenigen hundert Menschen, die Gurs überlebt hatten, nach Auschwitz gebracht, wo die meisten von ihnen umkamen.

Die Profilierungssucht eines Gauleiters

Die akribisch geplante Deportation nannte sich „Wagner-Bürckel-Aktion“ nach den beiden Gauleitern Robert Wagner und Josef Bürckel. Vor allem Bürckel wolle sich damit profilieren. Er hatte den Anschluss des Saarlandes organisiert, dann den Anschluss Österreichs. Bürckel wollte schnell aufsteigen. Deswegen auch seine Ambition, als erster melden zu können: "Mein Gau ist judenrein."


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Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Region am Mittag" auf SR 3 Saarlandwelle am 22.10.2020 berichtet.

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