Alice Hornung, Gewerkschafterin seit über 60 Jahren. (Foto: Karin Mayer)

Alice ließ bislang keine einzige 1. Mai-Demo aus

Karin Mayer   30.04.2020 | 06:23 Uhr

Der 1. Mai ist der Feiertag der Gewerkschaften. Seit 130 Jahren rufen sie zu Maikundgebungen auf und gehen für die Rechte der Arbeitnehmer auf die Straße. Auch für Alice aus Saarbrücken ist es ein besonderer Tag. Sie ist seit 60 Jahren engagierte Gewerkschafterin. Dieses Jahr geht sie zum ersten Mal nicht auf die Straße.

Alice nahm bereits als Jugendliche an den 1. Mai-Demos teil. Sie erinnert sich an Demonstrationen, an denen Tausende vom Ludwigsberg aus marschiert sind, durch die ganze Stadt zum Landwehrplatz. Der Tag ist für sie sehr stark verbunden mit dem Gedanken der Solidarität.

Der Grund: Die Familie musste nach der Saarabstimmung 1935 fliehen. Alice' Eltern waren engagierte Antifaschisten. "Hinzu kam, dass mein Vater Jude war." Die Familie landete in Südfrankreich, lebte zum Teil versteckt. In den zehn folgenden Jahren hatte die Familie viel Hilfe und Solidarität erfahren, auch von vielen Gewerkschaftsmitgliedern.

Nach Kriegsende kam die Familie zurück nach Saarbrücken. Ihr Vater wollte zurück. "Er war beseelt von der Aufgabe, am Wiederaufbau Deutschlands, eines neuen Deutschlands, zu arbeiten."

Und Alice lernte Deutsch, wurde später Fremdsprachensekretärin und engagierte sich in der Gewerkschaft. Was für sie zählt am 1. Mai in diesem Jahr: "Es geht darum, dass die Lasten dieser Krise nicht auf die Schultern der kleinen Leute, insbesondere der Frauen abgewälzt werden."

Wegen Corona-Pandemie
DGB feiert Tag der Arbeit im Netz
Der Tag der Arbeit am 1. Mai kann wegen der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt begangen werden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) im Saarland hat deshalb Alternativen im Internet angekündigt.

Noch entscheidender für die 85-Jährige ist aber die Notwendigkeit, sich zusammenzuschließen gegen Rechts. "Wir begehen den 1. Mai dieses Jahr, acht Jahre vor einem wichtigen Gedenktag vor dem 8., Mai, wo vor 75 Jahren der Faschismus zerschlagen wurde und der Krieg zu Ende ging. In dieser faschistischen Diktatur sind unzählige Gewerkschafter ums Leben gekommen; neben den anderen Opfern.

Das rechtskonservative Parteien in den letzten Jahren viele Stimmen gewonnen haben, ist unerträglich für Alice Hornung: "Das macht mir schon Angst. Und ich denke, es ist an der Zeit, dass man den Anfängen wir, damit sich Geschichte wiederholen kann."

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle am 30.04.2020 berichtet.

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