Kommentar: "Unter städtebaulichem Gesichtspunkt ist der Standort ein Desaster"

"Unter städtebaulichem Gesichtspunkt ist der Standort ein Desaster"

Stephan Deppen   21.03.2019 | 16:55 Uhr

"Soft-opening" am 20. März, einen Tag später dann der erste offizielle Verkaufstag. Am 22. März einkaufen bis Mitternacht und dann auch noch verkaufsoffener Sonntag: Möbel Martin zieht alle Register, um das neue Möbelhaus bekannt zu machen und die Kunden zu locken und die Stadt ist froh, dass das Saarbrücker Möbelhaus in der Stadt geblieben ist und hier investiert hat. Ob der Standort an der Ostspange der Stadt gut tut, bleibt aber erst einmal abzuwarten. Dazu ein Kommentar von Stephan Deppen.

Eröffnung des neuen Möbel Martin Stammhaues in Saarbrücken
Audio [SR 3, Stephan Deppen, 21.03.2019, Länge: 03:09 Min.]
Eröffnung des neuen Möbel Martin Stammhaues in Saarbrücken
Am 21. März wurde das neue Stammhaus von Möbel Martin in Saarbrücken eröffnet. In nur einem Jahr Bauzeit ist ein Möbelhaus mit 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche entstanden. Rund 50 Millionen Euro hat das Familienunternehmen in Saarbrücken investiert und nach eigenen Angaben knapp zweihundert neue Arbeitsplätze geschaffen.

Erster Eindruck: ein Trumm von Gebäude, vier Stockwerke hoch. Von der Ostspange kommend ist der Blick auf ein ganzes Stadtviertel, auf den Eschberg völlig verstellt. Der riesige rote Schriftzug macht den Anblick nicht besser. Wer sagt eigentlich, dass Möbelhäuser per se weitgehend fensterlose Schachteln sein müssen? Die Fassade soll es retten: Berliner Architekten haben sich - nach Ansicht vieler - mit Erfolg bemüht, der tristen Kiste einen modernen Anstrich zu geben.

Der Investor, das Saarbrücker Familienunternehmen Möbel Martin, hat es geschafft, in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt das größte Möbelhaus des Saarlandes zu bauen. So gelegen, dass die vor allem umgarnte Kundschaft aus Frankreich mühelos mit dem Auto direkt vor die Tür fahren kann.

Schon jetzt ist zu bestimmten Tageszeiten rund um Römerkastell und Ostspange Stau bis auf die Autobahn. Die Kreuzung in unmittelbarer Umgebung an der Römerbrücke ist deshalb ertüchtigt worden. Ob damit das Verkehrsproblem gelöst ist, bleibt abzuwarten - am Eröffnungstag hat es jedenfalls nicht geklappt.

Das ist aber nicht das einzige Problem der Ansiedlung in der Nähe des Osthafens. Klar: die Stadt ist froh darüber, dass das Unternehmen mit seinem Neubau in der Stadt geblieben ist. Andere sind mangels geeignetem Standort für Expansionspläne abgewandert. Möbel Martin nicht - das ist grundsätzlich gut für den Standort Saarbrücken. Gut auch: Das Unternehmen hat durch Umbau und Erweiterung knapp 200 neue Arbeitsplätze in der Landeshauptstadt geschaffen. Unklar ist, was mit dem alten Gebäude passiert. Ob es Schmuddelecke oder neu belebt wird, ist noch nicht klar.

Das Unternehmen war in der Lage, das Areal für das neue Stammhaus aufzukaufen - zu Preisen, die die Stadt nicht hätte aufwenden können, um den Zugriff auf das Gelände zu bekommen. Damit war für die Stadt eine Chance vertan. Denn unter städtebaulichem Gesichtspunkt ist doch der Standort ein Desaster. Da verkündet die Stadt hochtrabende Pläne zur Entwicklung des Osthafens, alternative Szene, künstlerisch angehauchte Aktivitäten, vielleicht schicke Wohnungen- und dann das: ein 21 Meter hoher Riegel aus Beton auf der anderen Straßenseite. Herzlichen Glückwunsch. Und dazu: über 600 ebenerdige Parkplätze. Geht's noch, Verwaltung und Stadtrat? Wie kann man das zulassen? Wir sind im 21. Jahrhundert und die Landeshauptstadt Saarbrücken findet keinen Weg, ein Bauvorhaben so zu lenken, dass nicht nur der Investor, sondern auch das Stadtbild davon profitiert.

In anderen Städten werden Wohnungen gebaut und die Autos verschwinden in Tiefgaragen. Und in Saarbrücken: Da wird kostbarer oberirdischer Raum für Autos verplempert. Heuduck-, Hafen-, und Mainzerstraße, die Liste ist lang, in Form von Parkhäusern oder, noch schlimmer, jetzt beim neuen Möbelhaus auf tausenden Quadratmetern versiegelter Fläche. Sieht so das Saarbrücken der Zukunft aus?

Es wirkt wie pure Verzweiflung: Vor lauter Freude darüber, dass das Unternehmen in Saarbrücken bleibt, vergessen Rat und Verwaltung, dass sie allen Bürgern verpflichtet sind. Auch denen, die hier leben. Und die ein Recht darauf haben, dass die gewählten Vertreter wenigstens versuchen, auch die Aufenthaltsqualität für ihre Bürgerinnen und Bürger im Blick zu haben. Und nicht nur uninspiriert Investorenwünschen nachkommen.

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