Jahresbilanz zur Sicherheit in Cattenom (Foto: SR)

Macron setzt auf Atomkraft

Sabine Wachs   19.10.2021 | 07:12 Uhr

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will bei der Energiegewinnung in Zukunft noch mehr auf Atomkraft setzen. Bei einer Rede im Élysée Palast hat er rund zwei Stunden darüber gesprochen, wie Frankreich bis 2030 energietechnisch aufgestellt sein könnte.

Im Zentrum stehen Klimaschutz und eine CO2-arme Energieproduktion. Frankreich wolle und müsse Vorreiter werden in diesen Bereichen, erklärt Präsident Macron unter Beifall des geladenen Publikums. Bei der Energieproduktion habe Frankreich nur eine Möglichkeit: "Die 200.000 Menschen, die in der Atomindustrie arbeiten, sind eine Chance. Durch sie sind wir das Land in Europa, das den geringsten CO2-Ausstoß pro produzierte Tonne Energie hat."

Macrons Kehrtwende

Dank seiner 56 Atomreaktoren rechnet Frankreich seine CO2-Bilanz nämlich schon heute niedrig. 78 Prozent des Stroms kommen aus Reaktoren, die teils bis zu 40 Jahre alt sind und von denen einige bis 2035 abgeschaltet werden sollen. Zumindest hatte das Präsident Macron selbst kurz nach seinem Amtsantritt versprochen. Er wollte bis 2035 den Anteil der Atomenergie an der französischen Stromproduktion halbieren.

Frankreich setzt auf Kernenergie
[SR 3, Sabine Wachs, 19.10.2021, Länge: 03:30 Min.]
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Nun aber steigen die Energiepreise, der Klimawandel schreitet schneller voran als gedacht und Macron, bereits im Wahlkampfmodus, vollführt eine Kehrtwende: "Das erste Ziel ist es, bis 2030 kleine Atomreaktoren zu bauen, die weniger Müll produzieren."

Frankreich will Führungsrolle einnehmen

Eine Milliarde Euro sollen für die sogenannten SMR, die kleinen und angeblich sichereren Atomreaktoren bereitgestellt werden. Dass alleine ein Reaktor eine Milliarde Euro kosten soll und dass auch wenig Müll immer noch Atommüll ist, der irgendwo entsorgt werden muss, bleibt erst einmal außenvor. Hängen bleibt: "Wir müssen investieren, um in diesem Bereich eine Führungsrolle zu übernehmen", auch für Europa erklärt Macron, der den Zeitpunkt seiner Ankündigung geschickt gewählt hat.

Nicht nur, weil die Atomkraft gerade innenpolitisch zum Wahlkampfthema wird. Die EU debattiert über den Greendeal, über die Frage, welche Energien künftig als grüne Energien eingestuft werden sollen und in Deutschland verhandeln SPD, FDP und die Grünen über eine mögliche Regierung.

Einer solchen Ampel-Koalition und anderen Atomkraft-skeptischen EU-Ländern hatte Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire bereits vor Macrons Rede eine Ansage gemacht: Die Energiekrise zeige doch sehr deutlich, Frankreich müsse erstens unabhängiger werden von "Herrn Putin" und seinem Gas. Zweitens brauche man mehr CO2-arme Energieproduktion und drittens gebe es einen Markt für Atomkraft.

Dazu komme, dass andere Staaten ähnliche Überlegungen hätten. Aus diesen drei Gründen müsse Frankreich in die Atomkraft investieren.

Einer aktuellen Umfrage zufolge steht eine klare Mehrheit hinter der Atomkraft: insgesamt 59 Prozent der Menschen in Frankreich.

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Ein Thema in der Sendung "Guten Morgen" am 19.20.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

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