Industrieanlagen in Carling (Foto: SR)

Carling auf dem Weg zur grünen Chemie?

Lisa Huth   20.07.2020 | 16:30 Uhr

Auf der Chemieplattform im lothringischen Carling an der Grenze zum Warndt könnte ein neues Zeitalter anbrechen: Ein Unternehmen aus Zentralfrankreich will sich dort mit „grüner Chemie“ ansiedeln. Aber ist tatsächlich alles so "grün"? Und was sagt die Bürgerinitiative "Saubere Luft im Warndt" dazu?

Afiren Neoxy ist ein junges Unternehmen aus der Auvergne, angesiedelt in Clermont-Ferrand. Bislang wurde dort nur geforscht: Wie kann der Rohstoff Erdöl ersetzt werden, und zwar durch nachhaltige Stoffe?

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Carling auf dem Weg zur grünen Chemie?
Audio [SR 3, Lisa Huth, 20.07.2020, Länge: 03:44 Min.]
Carling auf dem Weg zur grünen Chemie?
Auf der Chemieplattform im lothringischen Carling an der Grenze zum Warndt könnte ein neues Zeitalter anbrechen: Ein Unternehmen aus Zentralfrankreich will sich dort mit „grüner Chemie“ ansiedeln. Aber ist tatsächlich alles so "grün"? Und was sagt die Bürgerinitiative "Saubere Luft im Warndt" dazu?

Der Zufall will es, dass der Saarländer Joachim Merziger, ursprünglich aus Losheim stammend, erst bei traditionellen Chemieunternehmen in Frankreich gearbeitet hatte und nun zu Afiren Neoxy gewechselt ist.

Afiren Neoxy nutze Produkte aus der Zuckerindustrie, um daraus Säuren herzustellen, sagt Merziger. Diese Säuren könnten als Ersatz für Eröl eingesetzt werden, beispielsweise in der Kosmetik oder in der Lebensmittelindustrie. Mit den Säuren könnten Produkte auf natürlichere Weise haltbar gemacht werden.

Auch als Schmierstoffe und sogar in der Tierzucht seien sie einsetzbar. Spezielle Säuren für Hühner und Schweine haben laut Merziger einen positiven Effekt auf den Verdauungstrakt der Tiere, so dass weniger Antibiotika eingesetzt werden müssen.

Kurze Wege, keine Abfälle

Doch wieso will sich das junge Unternehmen aus Clermont-Ferrand ausgerechnet in Carling ansiedeln? Grund sei die strategisch günstige Lage, sagt Merziger. Das Werk an der französisch-saarländischen Grenze befinde sich quasi im Zentrum der Kunden in einem Umkreis von 500 Kilometern und auch der Weg zum Lieferanten des Rohstoffs sei nicht weit. Die Wege sind also kurz, was zudem zu den nachhaltigen Zielen des Unternehmens passt.

Das Werk soll laut Merziger keine Abfälle produzieren und außerdem mit einem sehr geringen Wasserverbrauch auskommen, da der Herstellungsprozess in einem geschlossenen Kreislauf stattfinde.

BI kritisiert Zeitpunkt der Enquête Publique

Die Frage, ob denn Buttersäure austreten kann, verneint Merziger. Und falls doch, wie weit wäre das dann zu riechen? Da reagiert er zurückhaltend. Das sei ja Gegenstand der Enquête Publique, also der öffentlichen Anhörung. Wer übrigens Buttersäure nicht kennt: Sie riecht sehr stark nach faulen Eiern.

Die Anrainer im saarländischen Teil des Warndt haben in den vergangenen Jahrzehnten Geruchsbelästigungen jeder Art erlebt und sind jetzt mit dieser Enquête Publique nicht so ganz glücklich. Der Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) "Saubere Luft im Warndt", Adriano Pitillo, kritisiert, wie fast jedes Mal werde ein Genehmigungsverfahren für Carling mitten in die Sommerferien gelegt.

Keine grenzüberschreitende Informationspflicht

Da es keine europäische Regelung zur Beteiligung der Nachbarstaaten bei industriellen Großprojekten an der Grenze gibt, ist die französische Seite nicht verpflichtet, grenzüberschreitend zu informieren. Das gilt auch für Unternehmen. Dass es trotzdem zu einer grenzüberschreitenden Information kommt, ist der steten Arbeit der Bürgerinitiative zu verdanken und auch der regen Kontakte des saarländischen Umweltministeriums über die Grenze hinweg. So stellt das Ministerium Teile der Enquête Publique in einer Deutschen Fassung der Öffentlichkeit zur Verfügung und bittet auch um ensprechende Bürgerbeteiligung. Schön und gut, sagt Pitillo, aber die Behörden dürften nicht alles auf die Bürger abwälzen. Die jeweiligen Experten müssten sich ebenfalls aktiv einbringen.

Afiren Neoxy suchte den Kontakt zur BI

Positiv überrascht war die BI vom Unternehmen Afiren Neoxy, weil dieses tatsächlich Kontakt mit ihr aufgenommen und schon zu Beginn des Jahres einen Termin angeboten hat. Und auch das Ergebnis war positiv. "Wir sehen es im Vergleich zu bisherigen Projekten deutlich unkritischer als die Anlagen, die in den letzten Jahren geplant und gebaut wurden", sagt Pitillo.

Allerdings gibt es auf der Chemieplattform noch viel Platz für weitere Werke. Wenn das alles zugebaut werde, sagt Pitillo, werde die Belastung für die Anwohner natürlich nicht weniger. Für die strukturschwache Gegend Moselle Est ist die Ansiedlung jedoch ein Segen: 60 Jobs entstehen laut Merziger im Werk selbst und drumrum noch einmal 200 Arbeitsplätze.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Region am Nachmittag" auf SR 3 Saarlandwelle am 20.07.2020 berichtet.

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