Ahmad Mansour (Foto: dpa/ Maurizio Gambarini)

"Arbeit plus Sprache minus Kriminalität ist mir viel zu wenig"

Interview: Renate Wanninger   07.09.2021 | 06:00 Uhr

Ende September stellen wir mit der Bundestagswahl die politischen Weichen für die kommenden Jahre. Ein wichtiger Themenbereich für die Menschen sind die Migration und Integration, das hat die Juni-Umfrage von Infratest-Dimap ergeben. Ahmad Mansour ist Psychologe, Islamexperte und engagiert sich unter anderem in Projekten und Initiativen gegen die Radikalisierung junger Muslime.

Frage: Herr Mansour, können wir denn überhaupt entspannt über Migration in Zusammenhang mit Muslimen sprechen hier in Deutschland?

Nein, wenn ich das so direkt sagen darf. Viele Debatten werden teilweise sehr moralisiert dargestellt und in den letzten Jahren hat unsere Fähigkeit, wirklich auf argumentativer Ebene Diskurse zu führen, sehr abgenommen. Das ist etwas, was für die Diskurskultur in Deutschland enorm gefährlich ist - vor allem bei Themen, die so wichtig sind für die Zukunft, und die natürlich einen Diskurs brauchen, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Die Menschen stecken auch so ein bisschen in ihrer Blase drin - egal ob jetzt in einer linken oder in einer rechten Blase? Fördern wir eventuell mit einer guten Integration, wenn sie uns denn gelingen würde, auch die Demokratie und die Debattenkultur bei uns?

Absolut. Das sind Tabuthemen oder tabu gewordene Themen, die aber jeden Menschen in Deutschland beschäftigen. Jeder Mensch sieht ja die Folgen von Integration - positive oder negative. Wir sind eine vielfältige Gesellschaft, wir leben zusammen. Wir sehen die Erfolge, die Herausforderungen und die negativen Seiten.

Wenn aber ein Schweigen entsteht in der Mitte dieser Gesellschaft, wenn wir uns nicht trauen, über solche Themen zu reden, wenn demokratische Parteien solche Themen verdrängen, weil sie unbequem sind und weil man vielleicht auch keine Konzepte hat, oder vielleicht auch nicht die Falschen bedienen will, dann entsteht keine Diskurskultur. Themen werden tabuisiert, verdrängt, doch wenn Themen verdrängt werden, bedeutet das ja nicht, dass sie weg sind. Die Konflikte laufen subtil und explodieren dann ab und zu.

Also nennen wir die politische Mitte jetzt mal CDU und SPD. Müssten diese viel lauter ihre Stimme heben und müssten sie viel klarer und deutlicher sagen, wo sie stehen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Auch im Zuge der Afghanistan-Debatte, die wir gerade führen, höre ich immer wieder von Politikern von SPD, CDU aber auch anderen Parteien, dass 2015 sich nicht wiederholen darf. Ich stelle die Frage: Was soll sich bitte nicht wiederholen?

Dass wir Leute in Not aufgenommen haben, soll das sich nicht wiederholen? Ich bin der Meinung: Das darf sich wiederholen, das ist ein Grundrecht. Wir haben eine historische Verantwortung.

Aber was sich nicht wiederholen darf, sind zum Beispiel die Terroranschläge, die von Flüchtlingen ausgeführt wurden. Es darf sich eine Spaltung der Gesellschaft nicht wiederholen, weil wir unfähig sind, über solche Themen zu diskutieren. Es darf sich eine Kölner Silvesternacht nicht wiederholen, dass Menschen in Deutschland physisch leben, aber emotional nicht ankommen.

Wenn wir das aber analysieren, wenn wir in der Lage sind, auch Konzepte zu liefern, dann ist die Debatte auf einer ganz anderen Ebene und bleibt nicht bei Sonntagsreden und Symbolsätzen, die uns nicht weiter bringen.

Vor allem muslimische Zuwanderer haben hier einen besonders schwierigen Stand. Haben sie denn überhaupt eine Chance, sich bei uns zu integrieren?

Absolut. Das sehe ich in meiner Arbeit, tagtäglich. Es ist schwierig, aber die Leute kommen an, wenn sie es wollen. Wenn sie neugierig sind, wenn sie freiheitsorientiert sind und reflektiert. Wenn sie nicht in Parallelgesellschaften untertauchen, sondern den Kontakt zu der Mehrheitsgesellschaft suchen.

Je anders die Leute sind, desto schwerer ist dieser emotionaler Zugang zur Mehrheitsgesellschaft natürlich - und umgekehrt.

Zu einer erfolgreichen Integration gehören beide Seiten: die Flüchtlinge, die die Bereitschaft und Neugierde mitbringen, aber vor allem auch eine Mehrheitsgesellschaft, die diese Leute nicht kategorisiert und homogenisiert, sondern diese Menschen individuell aufnimmt und ihnen die Möglichkeit gibt, erst mal anzukommen.

Was läuft bei uns schief in Sachen Integration?

Wir haben keine Konzepte. Wir haben noch nicht mal eine Integrations-Definition. Wenn ich mit Politikern spreche, habe ich das Gefühl, ihre Integrations-Definition beläuft sich auf: Arbeit plus Sprache minus Kriminalität. Das ist mir viel zu wenig.

Integration bedeutet auch die Werte dieser Gesellschaft: Menschenrechte, Grundgesetz, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, die historische Verantwortung Deutschlands.

Wenn wir unsere Integration so verstehen, dass wir die Leute für diese Freiheit gewinnen wollen und auch alles tun, um sie zu gewinnen, dann wird Integration ganz anders wahrgenommen und auch ganz anders praktiziert. Doch das ist leider nicht überall der Fall.

Was muss die neue Bundesregierung ganz dringend anpacken, damit es besser läuft?

Wir brauchen eine tabufreie Debatte, damit die Leute, die 2015 zu uns gekommen sind, bessere Integrationsmöglichkeiten bekommen und wir brauchen eine bessere Vorbereitung auf zukünftige Wellen, die auf uns zukommen werden. Wir leben in eine globalen Welt. Afghanistan zeigt Konflikte, die Tausende von Kilometer von uns entfernt passieren und Bewegungen schaffen, die bis nach Deutschland reichen. Und deshalb brauchen wir Konzepte: a) Wie wir mit Flüchtlingswellen umgehen und b) Wie wir die Leute - wenn sie schon in Deutschland ankommen - besser aufnehmen, damit sie in Deutschland auch emotional ankommen.

Das Interview in voller Länge zum Nachhören

"Wenn Themen verdrängt werden, bedeutet das ja nicht, dass sie weg sind""
Audio [SR 3, Interview: Renate Wanninger / Ahmad Mansour, 06.09.2021, Länge: 08:00 Min.]
"Wenn Themen verdrängt werden, bedeutet das ja nicht, dass sie weg sind""
SR 3-Interview: der Psychologe Ahmad Mansour. Er beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, gegen Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft.

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 07.09.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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