Claudia Kemfert (Foto: dpa/Fredrik Von Erichsen)

"Es muss keine Arbeitsplätze kosten, wenn es gut gemacht ist"

Interview: Renate Wanninger   08.09.2021 | 06:00 Uhr

Die Bewältigung der Klimakrise ist wohl eine der größten globalen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Wie es in der deutschen Klimapolitik weitergeht, das entscheidet auch die Bundestagswahl Ende September. Und Umfragen zeigen auch: Für viele Wählerinnen und Wähler ist der Umgang mit unserer Umwelt und ihren Ressourcen ein zentrales Thema. Prof. Claudia Kemfert ist Wirtschaftswissenschaftlerin und leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Frage: Frau Kemfert, Sie sagen, der Klimaschutz habe immer noch nicht den Stellenwert, den er haben müsste. Mit dieser Meinung stehen Sie nicht alleine da. Aus dieser Aussage ergibt sich aber auch automatisch die Forderung an die nächste Bundesregierung, endlich Tempo zu geben und das Thema Klima in die Hand zu nehmen. Wie schnell muss die neue Bundesregierung denn sein?

Sehr schnell, weil wahnsinnig viel aufgeholt werden muss. Wir haben wertvolle Zeit verloren. Gerade in den letzten 16 Jahren wäre deutlich mehr drin gewesen – und auch notwendig gewesen, damit die Emissionen schneller sinken. Wenn wir wirklich die Pariser Klimaziele erfüllen wollen, müssen wir deutlich schneller werden. Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss schneller gehen, die Prioritäten müssen geändert werden. Also da muss jetzt wahnsinnig viel auf einmal passieren in den nächsten zehn Jahren.

Frage: Sie sagen ja auch, der Klimaschutz wird der Wirtschaftsmotor der Zukunft sein. Was stimmt Sie denn da so optimistisch?

Optimistisch stimmt mich, dass wir investieren werden in Zukunftsmärkte. Gerade die Industrie schiebt einen Modernisierungs- und Investitionsstau vor sich her. Wenn jetzt in Zukunftsmärkte investiert wird, dann bedeutet das, dass Wertschöpfung, Innovationen und neue Arbeitsplätze entstehen. Und genau das ist der Wirtschaftsmotor, den wir brauchen.

Und wir dürfen auch nicht vergessen: Wir sind im internationalen Wettbewerb. Deutschland ist eine Exportnation und je früher wir damit beginnen, dass wir in diese Zukunftsmärkte investieren, desto eher können wir wieder im weltweiten Konzert mitspielen.

Frage: Das Saarland ist ja stark industriell geprägt. Heißt das dann auch, dass der Klimaschutz uns hier nicht unbedingt Arbeitsplätze kosten muss?

Es muss keine Arbeitsplätze kosten, wenn es gut gemacht ist. Je länger wir warten, je mehr wir den Kopf in den Sand stecken, desto schwieriger wird es, und desto eher setzen wir die zukünftigen Arbeitsplätze aufs Spiel.

Frage: Was heißt denn gut gemacht?

Gut gemacht bedeutet, dass man sofort reagiert, dass die Rahmenbedingungen stimmen, und dass man vor allem der Industrie auch hilft – wie beispielsweise bei den Coronahilfen, die ja üppig geflossen sind. Das bedeutet also, dass man Investitionen tätigt für die Industrie, Investitionsbereitschaft mitanschiebt und unterstützt, damit in diese neuen Zukunftsmärkte investiert wird und damit in Richtung Digitalisierung und Klimaschutz modernisiert wird. Denn genau darum geht es jetzt: den Beschäftigten auch eine Perspektive zu bieten, indem man frühzeitig und umfassend investiert in diese Zukunftsmärkte.

Frage: Vielleicht können Sie etwas konkreter werden in Bezug auf die Stahl- und Autoindustrie. In welche Richtung müssten die sich bewegen?

Gerade in der Stahlindustrie bietet sich an, dass man in Richtung 'Grünen Wasserstoff' geht, denn viele Studien zeigen, dass es mit anderen Technologien sonst schwer wird. Und dieser 'Grüne Wasserstoff', den brauchen wir, den gibt es derzeit noch nicht. Da muss man hinein investieren, damit dieser auch zur Verfügung steht. Wir müssen dazu eine Infrastruktur mit aufbauen, damit der 'Grüne Stahl' auch dort zum Einsatz kommt, wo er notwendig ist.

Bei der Autobranche geht es eher in Richtung Elektromobiliät. Da unterstützt man auch schon. Die Ladeinfrastruktur muss schneller ausgebaut werden. Die Batterieforschung, aber auch die Batterieproduktion, wird auch umfassend schon unterstützt. Das geht in die richtige Richtung. Die Lobby ist hier auch dementsprechend stark. Da muss man weiter am Ball bleiben! Die Autoindustrie steuert jetzt auch schon massiv um. Das ist genau der richtige Weg. Und da dürfen wir jetzt nicht auf halber Strecke aufhören, sondern müssen wirklich vorwärts gehen.

Frage: Kann es sein, dass wir da eventuell schon abgehängt sind?

Wir sind wahnsinnig spät dran. Die Autoindustrie hat wirklich viel zu lange an der Vergangenheit festgehalten. Dieser Trend zeichnete sich in den letzten zehn Jahren schon deutlich ab. Aber besser spät als nie. Die Autoindustrie steuert jetzt um.

Was aber die Batterieproduktion angeht, die hätte man auch viel früher schon in Europa und in Deutschland stärker unterstützen können. Aber immerhin: Es passiert jetzt endlich was!

Frage: Also Sie sagen, noch sind wir nicht abgehängt, noch muss es nicht unbedingt Arbeitsplätze kosten. Heißt das, der Klimaschutz kann auch sozialverträglich umgesetzt werden?

Der Klimaschutz muss sozialverträglich umgesetzt werden. Denn genau darum geht es. Wir wollen ja die Jobs nicht verlieren. Aber sie müssen sich transformieren in eine Zukunft, die es nur dann gibt, wenn wir jetzt auch umsteuern, wenn wir investieren in die richtigen Bereiche, wenn das auch unterstützt wird, und wenn man den Beschäftigten auch hilft. Das ist genau die kluge Klimaschutzpolitik, die wir brauchen.

Frage: Klimaschutz ist ein ganz wichtiges Thema. Aber müssen wir uns dann auch auf Verbote und Umstellungen gefasst machen?

Es geht eher darum, zu ermöglichen. Ermöglichung bedeutet, dass, wenn wir in Zukunft in einer Welt ohne Klimawandel leben wollen, eine Wirtschaft haben, die auch tatsächlich möglich, zukunftsweisend und klimaschonend ist. Je länger wir das aufschieben, desto schwieriger wird es, sodass sich die Frage nach Verboten nicht die ist, die wir beantworten müssen. Sondern eher die Frage: Wie können wir es ermöglichen? Wie schaffen wir auch Freiheit für die zukünftigen Generationen und dauerhaft eine Wirtschaft, in der wir einen zukunftsweisenden Wohlstand haben?

Darum geht es jetzt, diese Weichen so zu stellen, dass wir die Industrie, die Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft in diesen Prozess miteinbeziehen, damit uns das gelingt.

Das Interview in voller Länge zum Nachhören

"Es muss keine Arbeitsplätze kosten, wenn es gut gemacht ist"
Audio [SR 3, Interview: Renate Wanninger / Claudia Kemfert, 08.09.2021, Länge: 06:05 Min.]
"Es muss keine Arbeitsplätze kosten, wenn es gut gemacht ist"

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 08.09.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja