Julian Bank (Foto: Institut für Sozioökonomie)

"Vermögenssteuer ein Baustein von mehreren"

Interview: Renate Wanninger   09.09.2021 | 06:00 Uhr

Die Vermögen und Einkommen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Das Thema soziale Gerechtigkeit gehört auch deshalb zu den wichtigsten bei der kommenden Bundestagswahl. Aber was kann man tun, um mehr soziale Gerechtigkeit zu erlangen? Julian Bank vom Institut für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen forscht zu diesen Fragen.

Frage: Herr Bank, es gibt ja diese Initiative „tax me now“, da fordern reiche Menschen, dass sie höher besteuert werden sollen. Was ist denn von dieser Initiative zu halten?

Ja, aus meiner Sicht zeigen solche Initiativen, dass in Deutschland viele Bürgerinnen und Bürger nicht nur das eigene, im engeren Sinne materielle Interesse im Blick haben, sondern das große Ganze. Und das, finde ich, stimmt hoffnungsfroh. Insofern kann ich das gut nachvollziehen.

Frage: Soziale Gerechtigkeit, bzw. die Ungerechtigkeit wird ja oft im Zusammenhang mit der Vermögenssteuer gesehen. Ist sie denn wirklich dazu geeignet, dieser Ungerechtigkeit entgegen zu wirken?

Aus meiner Sicht ist eine Vermögenssteuer ein Baustein von mehreren. Aber ich halte sie für sehr sinnvoll. Denn die Vermögensungleichheit ist in den letzten Jahrzehnten stark angewachsen. Bei den obersten zehn Prozent haben sich die Vermögen verdoppelt seit der Wiedervereinigung. Mittlerweile besitzen die reichsten ein Prozent etwa ein Drittel der gesamten Vermögen. Bei dieser großen Konzentration, dieser wachsenden Vermögensungleichheit ist die Vermögenssteuer ein Instrument, um dem entgegen zu wirken.

Frage: Jetzt gibt es aber auch die andere Seite, die behauptet, diese Vermögenssteuer würde dazu führen, dass es mehr Abwanderung von Vermögen gibt und damit auch ein Verlust von Arbeitsplätzen. Wie sehen Sie denn dieses Argument?

Ich denke, es ist immer gut, bei der Besteuerung von internationalem, mobilem Kapitalvermögen sich auch international abzustimmen. Deutschland als großer Wirtschaftsstandort ist aber auch in einer Position, hier voranzuschreiten und sollte auch auf europäischer Ebene sein Gewicht in die Wagschale werfen, um hier zu gemeinsamen Regeln zu kommen.

Ansonsten glaube ich aber nicht, dass Arbeitsplätze gefährdet sind. Im Gegenteil: Aus meiner Sicht hängen Arbeitsplätze letztlich an Investitionen und die werden dort getätigt, wo ein guter Wirtschaftsstandort ist. Und da ist ein ausgeglichenes soziales Gefüge, eine moderne Infrastruktur gerade für die klimaneutrale Wirtschaft, die wir brauchen, ganz zentral. Wenn man dann eine Vermögenssteuer für solche Zwecke nutzt, dann sichern wir damit sogar Arbeitsplätze.

Frage: Aber wir müssten diese Steuer europaweit einführen?

Ich denke, in Deutschland kann man auch voranschreiten. Aber es ist sicherlich sinnvoll, auch eine internationale Besteuerung von Vermögen anzustreben, damit es eben nicht zu diesen gefürchteten Ausweichreaktionen kommt. Aber das ist, glaube ich, nicht ein Problem für die Arbeitsplätze, sondern die Frage, wie viele Einnahmen kann man mit der Steuer erzielen.

Frage: Sie haben gesagt, dass die Vermögenssteuer eine Möglichkeiten sei, einer sozialen Ungerechtigkeit entgegen zu wirken. Welche Möglichkeiten gäbe es sonst noch?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Und ich denke, man sollte diese auch kombinieren. Oft wird die Vermögenssteuer als Alternative zur Erbschaftssteuer diskutiert. Ich glaube, das ergänzt sich auch ganz gut. Viele haben bei der Vermögenssteuer schon gesagt: 'Ohje, da geht‘s ja uns schon ans Eigenheim', sodass die obere Mittelschicht sich schon Sorgen macht. Bei einer Vermögenssteuer mit größeren Freibeträgen würden 99 Prozent überhaupt nicht betroffen sein, sondern da ginge es wirklich um die ganz, ganz Reichen – und auch da kann man erst niedrigere und dann höhere Sätze einführen, sodass es wirklich um die ganz großen Vermögen geht. Das sind mehrstellige Millionenbeträge bis Milliardenvermögen. Um die geht es!

Eine Erbschaftssteuer, das sollte man nie vergessen, besteuert ja etwas ganz anderes. Das sind gar nicht die ehemaligen Vermögenden, sondern diejenigen, die durch die Erbschaft dann auf einen Schlag ein sehr sehr großes, im Grunde leistungsloses, Einkommen erhalten. Insofern ist das ein ganz anderer Zweck aus meiner Sicht.

Frage: Jetzt stehen wir kurz vor der Bundestagswahl. Was müsste denn eine neue Bundesregierung in Ihren Augen als Erstes anpacken, damit Deutschland sozial gerechter wird?

Ich tue mir schwer, da eine Maßnahme zu benennen. Denn aus meiner Sicht ist Verteilungpolitik eine Querschnittsaufgabe. Denn, wenn wir uns um die Armut und niedrige Einkommen sorgen, sind ganz andere Maßnahmen, wie beispielsweise ein höherer Mindestlohn, sehr wichtig – während: Wenn wir uns um die Vermögenskonzentration sorgen, sind es ganz andere Aspekte. Ich glaube, ganz wichtig ist, dass es den politischen Willen gibt, an der wachsenden Ungleich von Einkommen und Vermögen etwas zu ändern. Und wenn es den gibt, kann man durch einen klugen Mix von verschiedenen Maßnahmen Verteilungspolitik als Querschnittsaufgabe angehen.

Das Interview in voller Länge zum Nachhören

"Vermögenssteuer ein Baustein von mehreren"
Audio [SR 3, Interview: Renate Wanninger / Julian Bank, 09.09.2021, Länge: 04:57 Min.]
"Vermögenssteuer ein Baustein von mehreren"

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 09.09.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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