Ein Kellner räumt einen Tisch in einem Restaurant ab.  (Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

"Noch nie wurden Arbeitszeiten so massiv überschritten"

Interview: Mark Baumeister, Geschäftsführer NGG-Saar

Simin Sadeghi / Mark Baumeister   21.06.2022 | 11:05 Uhr

Im Gastgewerbe fehlt an allen Ecken und Enden Personal. Und die, die arbeiten, müssen das oftmals viel länger als erlaubt. Die Gewerkschaft NGG-Saar spricht von Arbeitszeiten von bis zu 21 Stunden und fordert mehr Kontrollen.

Jedes Jahr, wenn das Wetter schön werde, komme es auch zu Überschreitungen der Arbeitszeit, sagt Mark Baumeister von der Gewerkschaft "Nahrung, Genuss, Gaststätten" (NGG-Saar).

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"Noch nie wurden Arbeitszeiten so massiv überschritten wie dieses Jahr"
Audio [SR 3, Simin Sadeghi / Mark Baumeister, 21.06.2022, Länge: 05:13 Min.]
"Noch nie wurden Arbeitszeiten so massiv überschritten wie dieses Jahr"

21 Stunden am Stück im Einsatz

So viele Veranstaltungen wie dieses Jahr habe es aber noch nie gegeben. „Die Leute buchen wie verrückt.“ Hochzeiten, Geburtstage, andere Feiern. Das engagierte Personal berichte der Gewerkschaft Arbeitszeiten von bis zu 21 Stunden am Stück. „Zynischerweise gibt es für sie dann Kaffee und Red Bull umsonst“, so Baumeister.

Auch Kunden haben eine Verantwortung

Wer eine Veranstaltung buche, feilsche natürlich um den Preis. Das schlage sich dann auch auf die Arbeitsbedingungen nieder, sagt Baumeister. Darüber sollten sich auch Auftraggeber im Klaren sein. Als Kunde kann man da durchaus was machen. Man könne beispielsweise für seine Veranstaltung zwei Kellnerinnen oder Kellner anfordern und vertraglich festlegen, dass diese nach zehn Stunden abgelöst werden sollen, so der Gewerkschaftsmann.

Dienstpläne geben Auskunft

Und Kunden hätten noch mehr Möglicheiten. „Vor allem würde ich mir Nachweise über Schicht- und Dienstpläne geben lassen. Wird die Einhaltung der Arbeitszeitgesetze und der tariflichen Arbeitsbedingungen gewährleistet? Werden die Beschäftigten nach Tarif bezahlt? Das kann ich alles zum Buchungsbestandteil machen“, so Baumeister. Niemand wolle ja von übermüdetem Personal bedient werden, das nach 14 bis 16 Stunden auf den Beinen "kaum noch geradeaus gucken" könne.

Die Zeiten der Niedriglohnbranche sind vorbei

Das Gastgewerbe, wozu auch die Veranstaltungsbranche zählt, sei keine Niedriglohnbranche mehr, sagt Baumeister. Niemand müsse sich mit Mindestlohn abspeisen lassen. Seit Beginn des Jahres gebe es neue Tarifverträge. „Eine Fachkraft direkt nach der Ausbildung bekommt ab dem 1. Oktober 14 Euro pro Stunde. Jetzt sind es noch 13 Euro.“ Viele Betriebe zahlten aber gar nicht nach Tarif. „Viele Beschäftigte wissen nicht, dass sie bis zu 50 Prozent Mehrarbeitszuschlag pro Stunde bekommen können“.

Viele haben die Branche gewechselt

Obwohl es aber Entgelterhöhungen von einigen hundert Euro im Monat gebe, kämen die Menschen nur zögerlich wieder zurück, so NGG-Mann Baumeister. Viele seien während Corona in den Einzelhandel gewechselt. Andere hätten sich weitergebildet, Zusatzqualifikationen gemacht. „Viele sind sogar zur Deutschen Bahn gegangen und werden jetzt Lokführer: vom Koch zum Lokführer - das ist mittlerweile gar nicht mehr so selten.“

Neues Selbstbewusstsein gefragt

Die Menschen im Gastgewerbe und in der Veranstaltungsbranche bräuchten ein neues Selbstbewusstsein, so Baumeister. "Sie sind etwas wert. Sie werden gesucht. Sie werden gefragt und brauchen sich nicht ausbeuten lassen."

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Region am Mittag" auf SR 3 Saarlandwelle am 21.06.2022 berichtet.

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