Kind hält sich die Hände vors Gesicht (Foto: dpa)

Mit Zitronen gegen das Flucht-Trauma

Eva Lippold / Online-Fassung: Patrick Wiermer   01.10.2021 | 10:16 Uhr

Im Saarland kommen jährlich circa 200 junge unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, viele aus Krisen- und Kriegsgebieten, in das Saarland. Häufig haben sie unvorstellbar Schreckliches erlebt und sind schwer traumatisiert. Im September ist in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der SHG-Klinik in Kleinblittersdorf ein spezielles Therapieprogramm für geflüchtete Jugendliche gestartet.

Früher stand Lee* eigentlich ständig unter Strom. Und wenn ihm jemand zu nahe kam, sah er schnell rot.

"Ich konnte meine Hand nicht kontrollieren. ich musste schlagen, mich leer machen. Meine Hände waren immer kaputt."
Mit Zitronen gegen das Flucht-Trauma
Audio [SR 3, (c) SR Eva Lippold, 01.10.2021, Länge: 03:17 Min.]
Mit Zitronen gegen das Flucht-Trauma

Lee ist vermutlich 22 Jahre alt, genau weiß er das nicht, denn er wuchs als Straßenkind in Teheran auf, kann sich an seine Eltern nicht erinnern. Als Kind hat Lee Taschentücher und Zigaretten verkauft, eine Schule hat er nie besucht. Er schlief auf der Straße, hatte Hunger und fror, wurde immer wieder misshandelt. Mit knapp 12 trat er alleine eine jahrelange Flucht an – ohne Ziel, zu Fuß, nur weg wollte er.

Geborgenheit und Vertrauen lernen

Geborgenheit und Vertrauen – das hat Lee nie kennengelernt. Seine Arme und Beine sind von tiefen Narben übersät, und als er 2015 in Deutschland ankam, endlich in Sicherheit war, brachen andere Narben auf. Bis heute ist Lee auf der Flucht, auch in seinen Träumen.

"Meine Freunde haben mich eines Tages aufgeweckt, an einem Bahnhof. Ich habe gedacht, ich muss weg hier."

Lee ist einer von vielen minderjährigen Flüchtlingen, die schwer traumatisiert ins Saarland gekommen sind. Wer so Schreckliches erlebt hat, tickt wie eine Zeitbombe, die jeden Augenblick explodieren kann, sagt die Psychotherapeutin Eva Möhler.

Umgehen mit Traumata

Lee hielt die Bilder in seinem Kopf irgendwann nicht mehr aus, versuchte sich umzubringen. Und landete in der Uniklinik Homburg bei Eva Möhler. Er lernte dort Deutsch und mit seinen Gefühlen umzugehen.

"Langsam, langsam konnte ich verstehen, die Welt ist schön. Es gibt gute und schlechte Menschen."

Häufig werden Traumata nicht rechtzeitig behandelt, im schlimmsten Fall kommt es dann zu Kurzschlussreaktionen und zu Gewalt. Und oft versuchen die Jugendlichen, sich selbst zu heilen. Das kann zu einer Drogensucht führen.

Spezielle Therapie

Damit es so weit gar nicht kommt, hat Möhler gemeinsam mit Andrea Dixies eine spezielle Therapiemethode entwickelt: Mit dem Programm "Start" lernen traumatisierte Jugendliche, Stress und Aggressionen besser zu steuern. 

"Bevor man Gefühle regulieren kann, muss man wissen, dass man sie hat. Das ist in vielen Kulturen mit Scham besetzt: ´Ein syrischer Mann hat keine Gefühle zu haben´."

Seit September gibt‘s Start speziell für Geflüchtete: Mit dabei ein Team an Übersetzern, das in Arabisch, Somali oder ins Englische übersetzt. Und die Jugendlichen neue Wege lehrt, damit es erst gar nicht zu einer Übersprungshandlung kommt.

"Strategien, wie man die Gefühle regulieren kann. Dem einen helfen scharfe Sinnesreize wie eine Peperoni oder eine Zitrone. Alles, was einem gut tut."

Lee macht heute eine Ausbildung zum Steinmetz, und es kommt nur noch selten vor, dass er im Schlaf flüchtet, sagt er. Aber Zitronen, die hat er jetzt fast immer dabei.

*Name von der Redaktion geändert

Über das Thema wurde auch in der "Region am Mittag" am 1.10.2021 berichtet.

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