Thomas Gerber (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

"Eine reife Leistung"

Thomas Gerber   09.06.2021 | 08:48 Uhr

Es war eine faustdicke Überraschung im Saarbrücker Stadtrat. Sabine Dengel setzte sich gegen Torsten Reif durch. Eine "Ohrfeige" und "eine reife Leistung", kommentiert SR3-Reporter Thomas Gerber.

Bei der Wahl des neuen Saarbrücker Kulturdezerneten hat es im Saarbrücker Stadtrat eine faustdicke Überraschung gegeben. Nicht der Kandidat der schwarz-grünen Koalition Torsten Reif wird Nachfolger des grünen Kulturdezernenten Thomas Brück - das Rennen machte vielmehr die promovierte Politikwissenschaftlerin Sabine Dengel. Für die parteilose 53-Jährige stimmten 32 Stadtverordnete, für Reif lediglich 27 - dem langjährigen grünen Fraktionschef fehlten damit fünf Stimmen aus der schwarz-grünen Koalition.

Danke, lieber Stadtrat! Das war eine reife Leistung! Mit der Wahl von Frau Dengel hast Du der Demokratie einen Dienst erwiesen und einen Postenschacher gestoppt, der mit einer Dreistigkeit über die Bühne gehen sollte, die ihresgleichen sucht.

Man stelle sich vor: Da wird ein kommunalpolitisches Spitzenamt bundesweit ausgeschrieben, ohne dass von den Bewerbern und Bewerberinnen irgendwelche Fachqualifikationen gefordert werden. Stattdessen wurde was von kommunalpolitischer Erfahrung ins Anforderungsprofil aufgenommen. Spätestens als sich Jamaika weigerte, den SPD-Antrag auf Änderung des Textes anzunehmen, war klar: die Ausschreibung war auf Torsten Reif zugeschrieben. Hatte nur noch gefehlt, dass der neue Dezernent möglichst bunte Brillen und leichtes Schuhwerk trägt.

Mit diesem toll dreisten Plan sind CDU und Grüne nun also kläglich gescheitert. Und das was sich gestern im Stadtrat seitens der Schwarzgrünen abspielte, war unterirdisch. Es handele sich um ein politisches Amt, das auch politisch zu besetzen sei. Torsten Reif habe immerhin Abitur, sei freundlich und nett. Ja und dann drehte ein grüner Stadtverordneter das ganz große Rad und stellte Reif in eine Linie - Achtung, festhalten! - mit Ex-Außenminister Joschka Fischer. Ein Vergleich, der nicht mal aufs Schuhwerk passt - einfach nur peinlich.

800 Beschäftigte arbeiten in dem Dezernat, das nicht nur die Kultur, sondern auch die nach der Pandemie stark geforderten Bereiche Bildung und Jugend umfasst. Also Schulen, Kitas und Jugendzentren. Die lautesten Reif-Proteste kamen zwar wie so oft aus der Kulturszene, aber für Jugend und Bildung wäre die Reif-Kür vermutlich die größere Katastrophe gewesen.

Dem hat der Rat nun einen Riegel vorgeschoben. Die FDP war bereits im Vorfeld aus Jamaika ausgeschert und hatte sich ins Dengel-Lager geschlagen, plötzlich so getan, als gehe es ihr ja schon immer und sowieso nur um Bestenauslese. Das jedoch ist allenfalls die halbe Wahrheit. Zwei Spitzenposten konnten sich die Liberalen durch Jamaika in der Stadtverwaltung sichern, die Liberalen sind quasi maximal versorgt. Da fällt es leicht das Bündnis zu verlassen.

Der SPD gelang mit der Wahl von Dengel gestern derweil ein regelrechter Coup. Die CDU steht mehr als kleinlaut da, und bei den Grünen gibts kurz vorm Landesparteitag einen veritablen Hauskrach. Es ist davon auszugehen, dass einige Grüne gestern ihrem Ex-Fraktionschef die Gefolgschaft versagten. Wohl auch weil sie dem langen Arm aus Saarlouis eine Abfuhr erteilen wollten - denn Hubert Ulrich soll zwischenzeitlich nicht nur zarte Bande in der Ratsfraktion geknüpft, sondern im Hintergrund auch die Strippen für seinen einstigen Vertrauten Torsten Reif gezogen haben.

Die Ohrfeige im Rat galt denn auch Ulrichs Comebackversuchen. Ja und der OB? Uwe Conradt gratulierte seiner neuen Kulturdezernentin brav mit ein paar Blumen. Nach dem Desaster ums Baudezernat hatte er sich rausgehalten. Aber als OB ist man nicht nur für schöne Fotos da, sondern auch Chef der Verwaltung. Als solcher hätte er den Postenschacher verhindern müssen - die Causa Reif geht also auch mit Conradt heim.

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