Das Jahr - die Meinung: Menschen und Maßnahmen im Corona-Jahr

Pandemie war noch nie

Das Jahr - die Meinung: Menschen und Maßnahmen im Corona-Jahr

Simone Mir Haschemi   21.12.2020 | 09:06 Uhr

Diese Zeit der Corona-Pandemie erzählt auch etwas über uns Menschen. Wir wollen einerseits unser eigenes persönliches Wohl, uns frei entfalten und selbstverwirklichen. Andererseits wollen wir der Gemeinschaft nicht schaden. Dieses Dilemma wurde durch Corona auf die Spitze getrieben.

Simone Mir Haschemi (Foto: Pasquale d'Angiolillo)
Simone Mir Haschemi

Corona hat uns also so richtig dreimal um uns selbst gewirbelt. Denn auf einmal zählt ganz konkret, ganz im Einzelnen das, was ich tue für die Gemeinschaft. Nicht „irgendwie so theoretisch“ – nein, fast jeder Schritt in ein Geschäft, in ein Büro, in ein Zuhause.

Zugespitzt heißt Corona: Wenn ich mich in solchen Situationen vernünftig verhalte, kann es sein, dass in der Folge jemand nicht sterben muss. Das muss man sich mal vorstellen! Das ist für uns alle, die wir nach 1945 groß geworden sind, eine völlig neue Erfahrung.

Neu war das natürlich auch für die politischen Entscheider. Nicht nur Corona an sich, sondern auch die Frage: Bis wohin gehen wir davon aus, dass die Menschen insgesamt vernünftig sind und empfehlen ihnen, was zu tun ist? Und ab wann bestimmen wir es – in Form von Verboten und Verordnungen?

Über diese zwei Wege, Eigenverantwortung einerseits oder Durchregulierung andererseits, diskutiert Deutschland von Beginn der Pandemie an. Verbieten oder empfehlen? Ansagen oder anraten?

Fakt ist: Es gab eine Mischung aus beidem, auch abwechselnd, und wir wissen bis jetzt nicht, was wann das Richtige gewesen wäre. Wir wissen nur: Spätestens ab Herbst haben Empfehlungen nicht mehr gereicht. Viele Menschen waren nicht nur coronamüde, sondern auch maßnahmenmüde – also mussten wieder striktere Verbote her.

Soweit die Analyse. Meine Meinung dazu? Wir müssen damit leben, dass der Mensch beides ist: auf seine eigenen Interessen bedacht und mitfühlend, zu großer Selbstlosigkeit und zu großer Selbstbezogenheit fähig.

Es rührt mich unfassbar an, was Menschen in diesem Jahr zuwege gebracht haben, wie sie über sich hinausgewachsen sind – für die Gemeinschaft, nicht für sich.

Es macht mir zu schaffen, was Menschen in diesem Jahr an Kurzsichtigkeit oder sogar Ignoranz gezeigt haben.

Ich bin dankbar, dass ich als Journalistin schreiben kann, dass der Mensch und die Gesellschaft in sich widersprüchlich sind, und dass ich diese Widersprüche nicht auflösen muss; dankbar, dass ich nicht Politikerin bin und seit neun Monaten jeden Tag entscheiden muss, welches Verbot, welcher Rat, welche Lockerung zu welchem Zeitpunkt exakt das Beste für das Land sind.

Und ich meine: Spätestens nach der Pandemie müssen wir all das aufarbeiten. Wieviel Individualismus, wieviel Gemeinwesen braucht das Land? Was davon funktioniert wann gut und wann – wie in einer Pandemie – eben schlechter? Dafür werden wir, wie so oft dieses Jahr, die Wissenschaft brauchen. In dem Fall die Sozialwissenschaften.

Die Meinung von Simone Mir Haschemi in der "Region am Mittag" im Dezember 2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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