Das Jahr - die Meinung: Kultur in der Corona-Langzeitpause

Ohne wird's still

Das Jahr - die Meinung: Kultur in der Corona-Langzeitpause

Gerd Heger   15.12.2020 | 12:25 Uhr

Kaum eine Branche wurde von den Einschränkungen wegen Corona so getroffen wie die Kultur. Zunächst im Frühjahr, dann, nachdem mit speziellen Hygienekonzepten kleine Kulturveranstaltungen im Sommer wieder möglich waren, nun erneut seit November. Im Saarland ist die Veranstaltungsbranche vom Wirtschaftsministerium zumindest ansatzweise aufgefangen worden. Durchs Netz aber fallen nach wie vor die nach Angaben der Arbeitskammer ca. 5000 sogenannten soloselbständigen Künstlerinnen und Künstler, ein Prozent der Arbeitenden im Saarland. Sie stehen durch das Nicht-Arbeiten-Dürfen vor dem finanziellen Aus.

Gerd Heger (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Gerd Heger

Man muss sich nur mal vorstellen, von 15.000 Euro brutto pro Jahr leben? Das ist das Durchschnittseinkommen eines hauptamtlichen Liedermachers, einer freischaffenden Malerin, eines auf jeden Kindergarten angewiesenen Zauberkünstlers. Steht so im Jahresreport der Arbeitskammer zur Kreativ-Wirtschaft. Soziale Absicherung? Fehlanzeige! Beihilfen? Natürlich nicht. Grundeinkommen? Dreimal Ha ha ha.

„Der Staat verachtet seine Kreativen“ hat im Spiegel der durchblickende Sascha Lobo analysiert. Lobo sagt richtig: "Nur wer festangestellt ist, der bekommt auch Unterstützung."

Die etablierten Parteien, auch hier im Saarland, sie können mit diesen freien Künstlerseelen nix anfangen. Kultur ist für die meisten an den Hebeln Unterhaltung. Und sie tun auch deshalb nachweislich fast nichts für sie. Immer schon.

Und jetzt bei Corona? Noch schlimmer. Die Kreativen wurden als erste abgeblockt, werden als letzte wieder arbeiten können – wenn es sie noch gibt.

Beihilfen kommen mal als lächerliche Almosen, mal mit unüberwindlichen bürokratischen Hürden, mal, wie die fröhlich verkündeten Novemberhilfen, meistens nicht vor Januar. Es hat Monate gebraucht, bis zumindest im hiesigen Wirtschaftsministerium Verständnis entstand z.B. für die Veranstaltungsbranche. Das eigentlich zuständige Kulturministerium ist über nicht funktionierende Stipendienprogramm nicht wirklich hinausgekommen. Und man muss es sagen, so übel es ist: Die wenigsten – natürlich festangestellten – Kulturmenschen in den Kommunen haben für ihre Kreativen gekämpft. Und die wiederum haben außer Poprat und dem Netzwerk Freie Szene im Saarland kaum eine Interessenvertretung.

Freiheit des Kunstlebens und Selbstbestimmtheit? Kein Ausgleich, wenn man nichts zu futtern hat. Im Land der Dichter und Denker ist das kreative Leben existenzgefährdend geworden – mit oder ohne Corona.

Ich finde, es ist eine Schande, wie auch dieses Bundesland mit seinen für unser gemeinschaftliches Seelenleben so wichtigen Kreativen umgeht.

Die Meinung von Gerd Heger in der "Region am Mittag" im Dezember 2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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