Das Jahr - die Meinung: Journalismus in der Pandemie

Journalismus in der Pandemie

Das Jahr - die Meinung: Selbstreflexion eines Journalisten

Thomas Gerber   17.12.2020 | 10:03 Uhr

Das Coronavirus hat wahrhaft pandemische Ausmaße, hat unser Leben das ganze Jahr bestimmt und wird dies auf nicht absehbare Zeit auch weiter tun. Die Politik hatte angesichts der Bedrohungslage jede Menge zu tun – Lock down rein, dann wieder raus und wieder rein. Die Gemengelage war neu und damit schwierig auch für uns Journalisten.

Thomas Gerber (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Thomas Gerber

Klar, Corona macht auch für meine Arbeit alles anders. Man kommt nicht mehr so richtig nah ran an die Leute. Wichtige Informationsbörsen wie Stammkneipe oder auch Fußballstadion sind ganz einfach dicht. Pressekonferenzen finden virtuell statt.

Die Regierenden neigen in Krisenzeiten nur allzu gerne dazu, bloß noch Statements zu verbreiten und das haben wir, glaube ich, ihnen zu lange durchgehen lassen.

Zugegeben - auch für uns ist das alles neu: ein tödliches Virus, das inzwischen in sämtliche Ecken und Ritzen der Gesellschaft eingedrungen ist. Eine unsichtbare trotzdem allgegenwärtige Bedrohung, der wir ohnmächtig ausgeliefert scheinen. Auch für die Regierenden ist diese Pandemie Neuland. Da existieren keine Beipackzettel, unerwünschte Nebenwirkungen waren nicht vermeidbar. 

Dennoch: Da gab es von uns Journalisten phasenweise zu viel Verlautbarung, unhinterfragte Weitergabe von Regierungshandeln und vermeintlich sinnvollen Anticorona-Maßnahmen.

Warum beispielsweise ist uns nicht aufgefallen, dass im ersten Lock Down das Verweilverbot auf Parkbänken mehr Schikane als Virusprävention war? Warum haben wir das anfängliche virologische Hin und Her um Sinn und Unsinn des Maskentragens mitgemacht, statt die Hintergründe und Fehler, die offensichtlich waren, von Anfang an zu benennen: Es waren schlichtweg nicht genug Masken da, man hatte nicht vorgesorgt. Dass Tattoo-Studios eine gewisse Systemrelevanz bescheinigt wurde, auf die Idee muss man auch erst mal kommen.

Jetzt, im zweiten Lock Down, müssen wir wieder aufpassen, dass wir unsere Wächterfunktion nicht verlieren. Wobei ich die Leute aus der Aluhutabteilung allerdings enttäuschen muss: Das Virus existiert und es ist auch gefährlich. Mehrere Hundert Tote täglich, Tausende auf Intensivstation. Die Politik hat ganz offensichtlich zu lange zugewartet und mit dem "Lock Down light" menschliches Leid billigend in Kauf genommen. Für mich ein klarer Abwägungsfehler! Weihnachtsumsätze wurden wichtiger als Menschenleben.

Und liebe Coronaleugner: Weil ich das so offen sagen kann, ist der Vorwurf „Staatsfunk“ einfach nur Quatsch.

Die Meinung von Thomas Gerber in der "Region am Mittag" im Dezember 2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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