Gertrud Schanne-Raab und Maria Rimbrecht (Foto: SR / Patrick Wiermer)

Zwangsarbeit war verbreiteter als erwartet

Patrick Wiermer   23.06.2021 | 12:44 Uhr

Sechs Jahre lang haben sich mehrere Lokalhistorikerinnen und -Historiker aus Zweibrücken mit der Geschichte der Zwangsarbeit beschäftigt. Sie haben jetzt ein Buch heraus gebracht: „Für jeden sichtbar und doch vergessen“. Es liefert viele neue Erkenntnisse. So war die Zahl der Opfer deutlich höher als angenommen.

Zweibrücken: Zwangsarbeit war verbreiteter als erwartet
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 23.06.2021, Länge: 03:05 Min.]
Zweibrücken: Zwangsarbeit war verbreiteter als erwartet

Gertrud Schanne-Raab kämpft seit Jahrzehnten gegen Ausländerfeindlichkeit und Geschichtsvergessenheit. Sie ist Herausgeberin des Buches „Für jeden sichtbar und doch vergessen“. Es soll eine Wissenslücke schließen. Für die 75-Jährige steht fest, dass Zweibrücken zum einen Nazi-Hochburg gewesen und dass die Geschichte zum anderen relativ wenig aufgearbeitet worden war.

Viele Zweibrücker verbänden mit der Nazi-Zeit nur die Bombardierung durch die Amerikaner, sagt Schanne-Raab, "aber wieso ist es dazu gekommen?" Das erklärt sich auch in der Geschichte der Zwangsarbeit in Zweibrücken, die in der 35.000-Einwohner-Stadt ein besonderes Ausmaß angenommen hatte.

Die 5000 Zwangsarbeiter kamen aus allen Teilen Europas, lebten in 50 Lagern, waren in allen Betrieben der Stadt eingesetzt. Solche Betriebe waren vor allem der Landmaschinenhersteller Lanz und der Dampfmaschinenbauer Dingler.

Unterschiedliche Behandlung

Das Ausmaß der Zwangsarbeit habe keinem Zweibrücker verborgen geblieben sein können, sagt Maria Rimbrecht, die zum insgesamt achtköpfigen Autorenteam gehört. Dabei waren die Lebensbedingungen für die Zwangsarbeiter durchaus unterschiedlich. Italiener wurden oft besser behandelt als russische Kriegsgefangene, Arbeiter in Privathaushalten und Kleinstbetrieben hatten es besser als in den Großfabriken.

Das drückte sich vor allem in Ernährung aus, aber auch in der Kleidung. 360 sind gestorben, oft an Unterernährung. Dass 360 Tote identifiziert werden konnten, ist ein weiteres Verdienst der Autorinnen und Auoren. Bislang wies eine Gedenktafel auf dem Hauptfriedhof nur 80 Opfer aus.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Region am Mittag" auf SR 3 Saarlandwelle am 23.06.2021 berichtet.

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