Ein Mädchen bedeckt sein Gesicht mit seinen Händen (Foto: dpa / picture alliance / Nicolas Armer)

Lange Wartelisten der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Homburg

Interview: Michael Friemel   13.10.2021 | 07:39 Uhr

Die Pandemie hat Spuren hinterlassen - auch bei unseren Kindern. Ein unregelmäßiger Alltag und der Verzicht auf soziale Kontakte sind verantwortlich für die Zunahme von seelischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Dazu im Interview: Professor Eva Möhler, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik in Homburg.

Corona-Regeln werden zurzeit eher gelockert. In vielen Bereichen ist fast alles wieder wie vor Corona. Auch für Kinder und Jugendliche?

Kinderpsychiatrie Homburg: So viele Anfragen wie nie
Audio [SR 3, (c) SR/Michael Friemel, 13.10.2021, Länge: 03:14 Min.]
Kinderpsychiatrie Homburg: So viele Anfragen wie nie

Der Schein trügt leider. Bei uns kommen so viele Anfragen, wie wir es eigentlich noch nie hatten. Ich habe jetzt, obwohl wir im letzten und vorletzten Quartal mehr gearbeitet haben, trotzdem noch 240 Kinder auf der Warteliste. Das sind Kinder, die können jetzt nicht in die Schule gehen aus seelischen Gründen oder sie sind vom Schulunterricht ausgeschlossen. Wenn man dann so lange Wartelisten hat, dann ist das richtig schlimm. Daran sieht man, dass die seelische Situation von den Kindern wirklich deutlich verschlechtert ist.

Kann man das in den Griff bekommen und wie lange wird das dauern, bis alle Nebenwirkungen sichtbar werden und behandelt sind?

Das ist eine sehr gute Frage. Wir geben unser Bestes. Es ist tatsächlich so, dass der Lockdown so viele Kinder und Jugendliche aus dem Rhythmus gebracht hat. Von diesen Störungen sind leider viele chronisch - zum Beispiel die Essstörung. Wir haben auch gesehen, dass die Esstörungen oder auch das "Gaming-Disorder“, also die Computerspielsucht, massiv angestiegen sind.

Was war in der Nachbetrachtung das Schlimmste für die Kinder und Jugendlichen in der Pandemie? Auf was haben sie verzichtet? Und was hat ihnen im Nachhinein wirklich große Probleme bereitet?

Vor allem der Verzicht auf einen strukturierten Tagesablauf: aus dem Haus zu gehen und andere Menschen zu treffen, dann aber auch nach Hause zu kommen. Viele sind einfach total aus dem Rhythmus gekommen. Und da fällt es jetzt schwer, wieder reinzukommen. Dann natürlich die Gruppe von Kindern, die jetzt Misshandlung erfahren hat: Die sind jetzt auch schwerstens traumatisiert.

Die Schulen sind nun wieder geöffnet, die Kinder können wieder in die Kitas. Was können wir denn als Eltern oder als Großeltern dazu beitragen, dass die Kinder wieder mehr Struktur bekommen oder dass sie aus ihren Problemen rausfinden?

Wichtig ist, dass man erstmal normalisiert und man nicht sagt: "Du bist ja verrückt und blöd, warum bekommst du das nicht hin". Wir sehen, dass das ganz vielen sehr schwer fällt, wieder in den Rhythmus zu kommen und das wir da erstmal sagen: Okay, du bist damit nicht alleine und wir sind jetzt hier und verstehen, dass das jetzt eine schwierige Situation ist und lass uns zusammen Lösungen finden! Also: nicht verurteilen, nicht bewerten, nicht schimpfen. Das bringt gar nichts und drängt die Jugendlichen noch mehr in die Ecke. Das tut natürlich der Psyche nicht gut.


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Über dieses Thema wurde auch in "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle am 13.10.2021 berichtet.

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